Mo, 28.01.2019 / Kurt Bracharz / Znort
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Stellen Sie sich vor, Sie machen einen Frankreichurlaub, sagen wir, in der Normandie. In einer Brasserie quatscht Sie ein etwas heruntergekommener, aber noch durchaus bürgerlich wirkender älterer Mann an, offensichtlich Spiegeltrinker, der Ihnen seine Lebensgeschichte zu erzählen beginnt. Unter gewissen Umständen, zum Beispiel bei fortgeschrittenem Alkoholkonsum nachts in einer Bar, erzählt man – vor allem in katholischen Ländern mit Beichttradition – Fremden, was man weder seiner Familie noch seinen Freunden jemals erzählen würde. Am Anfang hören Sie, weil Sie als Tourist in dieser Nacht nichts Besseres zu tun haben, noch interessiert zu, vielleicht hat der Mann ja etwas erlebt, das anzuhören sich lohnt. Aber schon ziemlich bald wird klar, dass ein Jammerlappen neben ihnen sitzt, der mit seinen schätzungsweise 60 Jahren immer noch an pubertärem Weltschmerz leidet. Seine Mami hat ihn nicht so geliebt, wie er sich das gewünscht hat, später sind die Frauen durchaus auf ihn abgefahren, aber er musste immer abklemmen, bevor es ernst wurde, und heute liebt ihn niemand mehr, und fürs Blasen – seine bevorzugte Sexualtechnik, weil er dabei passiv bleiben kann – bezahlen mag er auch nicht. Die Welt ist kalt und unfreundlich, nur seine Bekanntschaft mit uraltem französischem Adel ist ein Lichtblick. Der Adelige tue heute noch das, was er immer getan habe, nämlich die Bauern schützen. Spätestens an diesem Punkt des monotonen und larmoyanten Gelabers werden Sie wahrscheinlich einen Abgang machen, nachdem sie dem lästigen Alten noch einen Cognac spendiert haben.

Das ist eine Metapher für den Eindruck, den die Lektüre von Michel Houellebecqs neuem Roman "Serotonin" auf mich machte. Weil ich wusste, dass ich zumindest eine kurze Notiz über das Buch schreiben würde, habe ich es bis zum Ende gelesen; sonst hätte ich nach etwa 80 Seiten aufgehört. Warum ich überhaupt darüber schreibe? Weil faktisch richtig ist, was im Klappentext über H. steht: "Er gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart, seine Bücher werden in über 40 Ländern veröffentlicht. Für den Roman KARTE UND GEBIET (2011) erhielt er den renommierten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Sein Roman UNTERWERFUNG (2015) stand wochenlang auf der Bestsellerliste und wurde mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt." "Serotonin" steht auf allen Bestsellerlisten an erster Stelle.

Klar, dort versammeln sich seit Jahren nur noch Trivialitäten – aber Houellebecq scheint mir ein besonders schlechter Schriftsteller zu sein. Bei seinem relativ besten Buch, "Unterwerfung", dürften das Thema und das Lektorat dafür gesorgt haben, dass es ein lesbarer Unterhaltungsroman wurde. "Serotonin" hingegen hat kein Leitthema, sondern klittert mittels eines Ich-Erzählers Geschichten und Motive zusammen, von denen drei wahrscheinlich die Leserschaft schockieren sollen: das Hundevideo seiner japanischen Mätresse, die folgenlose Entdeckung eines deutschen Pädophilen und die geplante Ermordung eines Kindes. Alle drei sind schlecht erfunden. Dass die Japanerin es für ein Video mit drei Hunden treibt, wirft die Frage auf, in welcher Hundeschule die drei Köter gelernt haben, dabei locker zu bleiben. Die Szene dient zur Vorbereitung einer rassistischen Bemerkung: " ... dass es für eine Japanerin (nach allem, was ich über die Mentalität dieses Volkes erfahren hatte) keinen großen Unterschied machte, ob sie mit einem Abendländer schlief oder mit einem Hund" (man beachte das Wort "Abendländer"). Der Pädophile ist ein Deutscher (!), der sich an einen extrem einsamen Ort zurückgezogen hat, dort aber die Vorhänge lang genug offen lässt, dass der Franzose ihn mit einem Fernglas ausspionieren kann; obwohl der Ich-Erzähler sich empört, macht er keine Anzeige. Und ein Attentat auf das Kind seiner Ex plant er, weil er im Fernsehen gesehen hat, dass Löwen die Jungen ihrer Vorgänger töten, um den eigenen Genen bessere Verbreitung zu sichern. Das soll vielleicht amüsant sein, ist es aber auch nicht so richtig.

Ein harmloses Beispiel für Houellebecqs Schlampereien ist folgender Satz: "Wir wohnten in einer geräumigen Dreizimmerwohnung im 29. Stockwerk des Totem-Hochhauses, einer Art Wabenstruktur aus Beton und Glas, die auf vier riesigen Rohbetonsäulen ruhte und an diese widerlich aussehenden, aber offenbar köstlichen Pilze erinnerten, die man wohl ,Morcheln’ nennt." Der Ich-Erzähler ist Landwirtschaftsingenieur und war im Zuge seiner Ausbildung in der freien Natur, und er ist gutem Essen durchaus nicht abgeneigt, was mehrfach erwähnt wird. Morcheln kennt auch bei uns – vor allem aber in Frankreich – jede Hausfrau, was sollen also das "offenbar" und das "wohl" vor den auch noch in unnötige Anführungszeichen gesetzten Morcheln? Die in diesem Zusammenhang sinnlosen Wörter "offenbar" und "wohl" stehen als "parait-il" und "je crois" auch im französischen Original: "une espèce de structure alvéolée de béton et de verre posée sur quatres énormes piliers de béton brut, qui évocait ces champignons d‘ aspect répugnant mais parait-il délicieux que l’on appelle je crois des morilles." Richtig ist alles, was Houellebecq aus Wikipedia übernommen und mittels copy and paste in seinen Text eingefügt hat; für diesen Vorgang trifft auch das Wort "offensichtlich" zu. Und das deutsche Feuilleton glaubt, dass der Autor mit dem Bauernprotest in seinem Buch die Gelbwesten vorhergesehen hätte. Diese Bauernproteste gibt es seit Jahrzehnten, die Gelbwesten seit letztem Herbst.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)