15. August 2020 - 21:40 / Aktuell / Architektur 

Eine bürgerschaftliche Initiative um die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und den Kunsthändler und Mitbegründer der Villa Grisebach, Bernd Schultz, gab den Anstoß für ein Exilmuseum in Berlin.

Die zugehörige Stiftung Exilmuseum Berlin wurde 2018 gegründet. Die Entscheidung für die Architektur des künftigen Exilmuseums Berlin am Anhalter Bahnhof ist gefallen. Eine zehnköpfige Jury, bestehend aus Architektinnen und Architekten und Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Gesellschaft, hat beim Preisgericht am 13. August 2020 aus neun eingereichten Entwürfen einen Sieger gekürt.

Gewonnen hat das Büro Dorte Mandrup aus Kopenhagen. Zur Realisierung des Neubaus unter Einbeziehung der Portalruine am Anhalter Bahnhof wurden zehn international renommierte Architekturbüros mit Erfahrung im Museumsbau eingeladen. Die Eröffnung des neuen Museums ist für 2025 geplant.

In der Auslobung des Wettbewerbs wurden die Architekturbüros gebeten, ca. 3.500 qm Nutzfläche einzuplanen, um allen Bereichen des Museums wie Dauerausstellung, Sonderausstellungen, Gastronomie und Museumsvermittlung Platz zu geben. Auch ist im Foyer ein eintrittsfrei zugänglicher "Raum des Ortes" geplant, in dem die Geschichte des Anhalter Bahnhofs beleuchtet wird. Darüber hinaus sind ca. 700 qm Fläche für Freizeit- und Kulturangebote durch den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und Dritte vorgesehen. Laut Auslobung wird derzeit von Baukosten von rund 27 Millionen Euro für Baukonstruktion und technische Anlagen ausgegangen.

Das künftige Exilmuseum nimmt in seiner Dauerausstellung jene Menschen in den Blick, die aus dem Machtbereich der Nationalsozialisten fliehen konnten und im Ausland Zuflucht suchten. Dieses Thema blieb im Nachkriegsdeutschland lange vernachlässigt und war ein Nebenthema im Schatten der Erinnerung an den Holocaust. Die Flucht- und Migrationsbewegungen der jüngeren Zeit haben eine neue Sensibilität für Vertreibung, Emigration, Exil und Völkermord geweckt. Sie lassen auch einen neuen Blick in die deutsche Vergangenheit zu. Das Exilmuseum wird sich im Kern mit dem Exil nach 1933 beschäftigen, aber stets mit einem Brückenschlag ins Heute. Vor allem die Frage nach der menschlichen Erfahrung des Exils bringt die Exilgeschichten verschiedener Zeiten und Orte zusammen.

Neben den historischen Fakten und Zusammenhängen werden viele Einzelbiografien vorgestellt und die verschlungenen, tragischen und überraschenden Lebenswege von Exilanten und Exilantinnen nachgezeichnet. Dabei wird sich das Museum weniger auf das Ausstellen von Objekten konzentrieren, sondern sehr medial und mit szenografisch inszenierten Räumen arbeiten. So soll eine Nahsicht auf das Thema erzeugt und die Exilgeschichte unmittelbar erfahrbar gemacht werden.

Im Rahmen einer Ausstellung werden alle neun eingereichten Architekturentwürfe für das Exilmuseum Berlin vom 29. September bis zum 17. Oktober 2020 in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße in Berlin gezeigt.

Ausgangspunkt, Idee und Schwerpunkte des Exilmuseums

Die Stiftung Exilmuseum Berlin wurde 2018 als bürgerschaftliche Initiative gegründet. Die Schirmherrschaft haben die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Bundespräsident a. D. Joachim Gauck übernommen. Ziel der Stiftung ist es, ein Museum zum Thema Exil 1933–1945 an einem zentralen Berliner Ort zu gründen. Darin soll neben der Vermittlung des historischen Themas der "Inhalt des Wortes Exil begreifbar gemacht werden" (Herta Müller) sowie auf die Relevanz des Themas in unserer Gegenwart verwiesen werden.

Dank der großen Unterstützung für dieses Vorhaben durch Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung wird der Standort des künftigen Exilmuseums auf dem bezirkseigenen Grundstück im Umfeld eines der wichtigsten Baudenkmale Berlins, der Portalruine des ehemaligen Anhalter Bahnhofs am Askanischen Platz, liegen. Der Ort birgt hohe Symbolkraft für das Thema Exil, da von hier aus Unzählige aufbrachen, um vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins Ausland zu fliehen. Zugleich steht der Ort als späterer Deportationsbahnhof auch für das Schicksal jener, denen die rettende Flucht nicht mehr gelang. Im künftigen Museum werden die Lebensgeschichten der Emigrantinnen und Emigranten erfahrbar gemacht, historische Hintergründe erklärt und der Blick auch auf die Gegenwart gelenkt.

Indem das Museum das Exil nach 1933 exemplarisch in den Mittelpunkt stellt, lässt es uns darüber nachdenken, was durch die Vertreibung zerstört und verloren – aber auch, was durch das Überleben dieser Menschen gerettet wurde. Dafür verlässt das Exilmuseum bewusst die deutsche Perspektive und sieht genau hin, wie es den Exilantinnen und Exilanten rund um die Welt erging, wie sie ein neues Leben aufzubauen versuchten und wie sie in den jeweiligen Ländern aufgenommen wurden. Entsprechend wird das historische Thema auch auf seine überzeitliche und transnationale Qualität hin befragt: Verfolgt man die Exilschicksale von Paris bis Shanghai, von Moskau bis Rio de Janeiro, so zeigt sich, dass das Exil 1933-1945 viele Merkmale vorwegnimmt, die die heutige Welt wie selbstverständlich bestimmen: Mobilität, weltumspannende Kommunikation und hybride Identitäten bzw. Kulturen, kurz: Globalisierung.

Besondere Chancen sieht das Exilmuseum darin, in seiner Erzählung nicht primär von den materiellen Zeugnissen auszugehen, sondern in wesentlichen Teilen auf eine medial und szenografisch ausgerichtete Erzählung zu setzen. Im Mittelpunkt des Museums steht bzw. stehen die Geschichte(n) von 500.000 Emigrantinnen und Emigranten – nicht als statistische Zahl, sondern als unerhörte Vielfalt und Verschiedenheit unverwechselbarer menschlicher Schicksale. Die Individuen selbst sind die Akteurinnen und Akteure und Trägerinnen und Träger der Exilgeschichte. In Bildern, Tönen und Texten, in multimedialen, szenografisch gestalteten Rauminstallationen, in Filmen und der Begegnung mit originalen Objekten werden ihre Schicksale wieder unmittelbar erfahrbar.

Die deutsche, aber auch die internationale Exilforschung blickt bereits auf mehrere Jahrzehnte intensiver Arbeit zurück. Entsprechend möchte das Exilmuseum für die auf dem Gebiet der Exilgeschichte forschenden, sammelnden und ausstellenden Institutionen auch ein "Schaufenster" in der deutschen Hauptstadt sein. Partnerschaften und Kooperationen mit vielen dieser Akteure sind bereits angebahnt.

Ergebnisse des Realisierungswettbewerbs für das künftige Exilmuseum Berlin Vom 29. September bis zum 17. Oktober 2020 zeigt die Stiftung Exilmuseum Berlin die eingereichten neun Entwürfe für das künftige Exilmuseum am Anhalter Bahnhof in einer Ausstellung in der Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße.

Stiftung Exilmuseum Berlin
Ludwigkirchplatz 2
D - 10719 Berlin

W: https://stiftung-exilmuseum.berlin

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1. Preis: Dorte Mandrup Arkitekter A/S, Kopenhagen, Verfasserin: Dorte Mandrup, Mitarbeiter_innen: Lars Almgren, Lise Gandrup Jørgensen, Senta Schrewe, Otto Lutz Lundberg, Amalie Rafn Mogensen, Jiakun He Berater, Fachplaner, Sachverständige: Dipl.-Ing. Martin Rein-Cano (Landschaftsarchitekt, Topotek 1); Sebastian Nagel (Architekt und Ingenieur, Höhler+Partner Architekten); Paul Roberts (Ingenier, Buro Happold Engineering)
1. Preis: Dorte Mandrup Arkitekter A/S, Kopenhagen, Verfasserin: Dorte Mandrup, Mitarbeiter_innen: Lars Almgren, Lise Gandrup Jørgensen, Senta Schrewe, Otto Lutz Lundberg, Amalie Rafn Mogensen, Jiakun He Berater, Fachplaner, Sachverständige: Dipl.-Ing. Martin Rein-Cano (Landschaftsarchitekt, Topotek 1); Sebastian Nagel (Architekt und Ingenieur, Höhler+Partner Architekten); Paul Roberts (Ingenier, Buro Happold Engineering)
2. Preis: Diller Scofidio + Renfro New York
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3. Preis: Bruno Fioretti Marquez, Berlin
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Standort: Künftiges Exilmuseum Berlin am Anhalter Bahnhof, Modell: Büro Schindler Friede
Standort: Künftiges Exilmuseum Berlin am Anhalter Bahnhof, Modell: Büro Schindler Friede
Portalruine am Anhalter Bahnhof © Stiftung Exilmuseum Berlin, Foto: René Arnold
Portalruine am Anhalter Bahnhof © Stiftung Exilmuseum Berlin, Foto: René Arnold
Blick auf das Tempodrom und den Anhalter Bahnhof © Stiftung Exilmuseum Berlin, Foto: René Arnold
Blick auf das Tempodrom und den Anhalter Bahnhof © Stiftung Exilmuseum Berlin, Foto: René Arnold