23. April 2019 - 10:13 / Ausstellung 
9. Mai 2019 11. August 2019

In der Ausstellung Entangled Realities widmet sich das HeK dem aktuellen Thema der künstlichen Intelligenz (KI) und deren Auswirkungen auf das menschliche Leben und die Gesellschaft. Ein spezifischer Fokus gilt den realitätsbildenden Effekten der KI und ihrem Einsatz als künstlerischem Werkzeug, das neue und unvorhersehbare Bildwelten und Artefakte entstehen lässt. Durch die Interaktion mit intelligenten algorithmischen Systemen und der Ermächtigung, die wir Maschinen bereits heute in vielfältigen Prozessen und Lebensbereichen überantworten, entstehen neue verflochtene Realitäten.

Mitte der 80er Jahre wandte sich die Forschung den neuronalen Netzwerken zu, die auf biologischen Modellen des menschlichen Gehirns und dessen Verarbeitung von Informationen basieren. In den letzten Jahren sind neuronale Netzwerke und maschinelles Lernen wieder in den Vordergrund gerückt, um spektakuläre Durchbrüche bei der Gesichtserkennung, der Übersetzung natürlicher Sprache, der medizinischen Diagnose und sogar der Erkennung von emotionalen Zuständen zu erzielen – das Ergebnis verbesserter Rechenleistung und der Verfügbarkeit grosser Datenmengen.

Hochwirksame Algorithmen werden heute zunehmend im Geschäftsverkehr eingesetzt und unsere täglichen Interaktionen werden durch das „Internet der Dinge“ geprägt – ein wachsendes Netzwerk von miteinander verbundenen Geräten, die in Alltagsgegenstände eingebettet sind und diese indirekt kommunizieren lassen. Welche Rolle werden wir bei der Gestaltung dieser neuen verflochtenen Realitäten spielen? Wer verfügt über die Infrastruktur der computerbasierten Netzwerke? Die ausgewählten Kunstwerke helfen uns, die Entwicklung und Schaffung neuer Realitäten, die derzeit stattfinden, besser zu verstehen und kritisch zu hinterfragen, so dass wir ihre Entwicklung kontrollieren können und nicht umgekehrt.

Entangled Realities zeigt auf, wie die neuesten Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz unweigerlich den kreativen Bereich beeinflusst haben. Durch ihre Arbeit zeigen Künstler_innen mögliche Dialoge mit Algorithmen auf, teils konstruktiv oder disruptiv in diese eingreifend. Sie erforschen die verschiedenen Arten von visuellen und akustischen Welten, die im Zusammenspiel zwischen bilderkennenden und bilderzeugenden Algorithmen entstehen. Unabhängig davon, ob sie maschinelles Lernen demonstrieren oder in die „Realitätsbildung“ von Computersystemen eingreifen, machen sie uns auch bewusst, dass andere Prozesse der Wahrnehmung und Kognition ausserhalb unserer menschlichen Perspektive existieren.

Nutzer_innen und ihr Agieren im Netz tragen massgeblich zu den Lernprozessen und dem „Training“ intelligenter Maschinen bei – durch ihren Input werden die Systeme optimiert. Werden Nutzer_innen zum Beispiel bei einem Sicherheitscheck gebeten, Bilder mir Verkehrsampeln anzuklicken, lernen Maschinen diese von anderen Objekten zu unterschieden. Der Künstler Sebastian Schmieg entwickelt für die Ausstellung im HeK eine Arbeit zu diesem Thema und konzentriert sich dabei auf komplexe Fragen bezügliche ethischer Entscheidungen durch KI. Besucher_innen werden eingeladen, Bilder als positiv oder negativ zu bewerten und trainieren so ein KISystem. Die Arbeit zeigt anschaulich auf, wie wir an maschinellen Lernprozessen beteiligt sind und wie Systeme von uns lernen – nicht nur im Bereich der Logik, sondern auch im Bereich der Werte und Moralvorstellungen.

Eine KI kennt und weiss nur, was ihr über bestehende Datensets vorher antrainiert wurde. Sie funktioniert über Mustererkennung und dem Abgleich von Ähnlichkeiten und Differenzen, um darüber Objekte oder Begriffe zu identifizieren. Das zeigt auch die Arbeit Paparazzi Cam des belgischen Künstlers Dries Depoorter. Er verknüpft Algorithmen einer KI mit Webcams auf der ganzen Welt. Diese versuchen Prominente zu erkennen und dann wie ein Paparazzi ein Foto zu schiessen. Die Methode wird heute bereits für die Strafverfolgung eingesetzt. In Depoorters Werk wird auf spielerische Weise vorgeführt, wie voreingenommen solche Systeme sind, deren Bewertungen auf den Datensets beruhen, mit denen sie trainiert wurden.

Auch mit im here to learn, so :)))))) erinnern uns Zach Blas und Jemima Wyman, das künstliche Intelligenzen von unserem Feedback lernen und damit nicht besser sind, als das, was wir ihnen eintrichtern. In ihrer Videoinstallation „reanimieren“ sie Tay, den Twitter-Bot, den Microsoft 2016 für 24 Stunden online gestellt hat und der durch Feedback der Internet-User_innen innerhalb eines Tages zu einer reaktionären, rassistischen, homophoben und sogar faschistischen Entität mutierte.

Die Amerikanerin Lauren McCarthy übernahm gleich selbst die Funktionen einer KI. In ihrer Online-Performance Lauren konnten Nutzer_innen sie als KI engagieren und ähnlich wie Alexa, der KI-basierten Sprachassistentin von Amazon, überwachte sie das Agieren ihrer angemeldeten User_innen, dimmte deren Licht in der Wohnung, spielte ihnen eine Playlist ab oder unterstützte sie bei der Auswahl der Kleidung am Morgen.

Einen kritischen Blick auf die verwobenen Welten menschlichen und maschinellen Sehens wirft der britische Künstler James Bridle. Sein Werk Autonomous Trap zeigt ein selbstfahrendes Auto, welches in einer Falle – in Form einer durchzogenen weissen Linie – gefangen ist. Das Auto als intelligentes System hält sich an die Regeln und weiss, dass es niemals eine solche Linie überqueren darf. Der Künstler wirft mit der Arbeit eine Vielzahl zentraler Fragen auf: Wie abhängig sind wir von intelligenten Systemen und inwiefern lassen wir alles – inklusive uns als Menschen – von diesen steuern? Wie sehr vertrauen wir als Nutzer_innen auf diese Systeme und überlassen ihnen so auch wichtige Entscheidungen? Besteht die Möglichkeit, dass wir die Kontrolle über solche Systeme verlieren? Wie lassen sich diese Systeme dennoch manipulieren? Die Arbeit legt Nutzer_innen nahe, KI nicht nur zu verstehen, sondern auch, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen.

Entangled Realities. Leben mit künstlicher Intelligenz
9. Mai bis 11. August 2019

HeK
Haus der elektronischen Künste Basel
Freilager-Platz 9
CH - 4142 Münchenstein/Basel

T: +41 / (0)61 331 58 41
W: https://www.hek.ch/

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  •  9. Mai 2019 11. August 2019 /
Zach Blas and Jemima Wyman, im here to learn so :)))))), 2017, four-channel HD video installation at Institute of Modern Art, Brisbane, Australia
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Trevor Paglen, Behold these Glorious Times!, 2017, Installation view at Metro Pictures, New York, 2017, Ccourtesy of the artist and Metro Pictures, New York, photo: Genevieve Hanson
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James Bridle, Untitled (Autonomous Trap 001), 2017, courtesy of the crtist and NOME, Berlin
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