16. Oktober 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Visuell brillant und komplex konstruiert erzählt der Franko-Kanadier Denis Villeneuve in seiner Verfilmung von José Saramagos Roman "Der Doppelgänger" von Identitätskrise und Doppelgängertum. Der bis zum Ende rätselhafte, aber gerade dadurch nachwirkende Thriller ist bei Capelight auf Blu-ray und DVD erschienen.

Mit dem Insert "Chaos ist Ordnung, die noch nicht entschlüsselt ist" lässt Denis Villeneuve seine Verfilmung des 2002 erschienenen Romans "Der Doppelgänger" des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago beginnen und taucht gleich in Abgründe ein, wenn man in einer Szene, die an Kubricks "Eyes Wide Shut" erinnert, mit einer Herrengesellschaft in Kellerräumen nackten Damen zuschaut.

Wie diese Szene ist der ganze Film in gelb-grüne Farben getaucht, auf blau und rot wird fast völlig verzichtet. Bedrückende Stimmung erzeugt auch die Smogglocke, die durchgängig über Toronto hängt und keinen Sonnenstrahl durchdringen lässt. Dunstig und blass ist diese Welt wie das eintönige Leben des Geschichtsprofessors Adam Bell (Jake Gyllenhaal), dessen neue, stets halb verdunkelte Wohnung noch nicht richtig eingerichtet ist.

Das Unfertige seiner Wohnung korrespondiert mit seiner persönlichen Krise, die sich auch wieder in seinem chaotischen Tafelbild an der Uni spiegelt. Während er über die Kontrolle in Diktaturen doziert, wirkt er zunehmend verwirrter, verschwimmen für ihn Realität und Traum. Und wie er über die Wiederholungen in der Geschichte lehrt, so stellen sich auch in seinem Leben Dopplungen und Wiederholungen ein.

Doch wirklich den Boden unter den Füßen verliert er, als er in einem Spielfilm, den er an seinem Laptop anschaut, in einer Nebenrolle seinen Doppelgänger entdeckt. Er recherchiert über den Schauspieler und kontaktiert ihn.

Geht es zunächst nur um Bell, so gewinnt nun auch der ebenfalls von Gyllenhaal gespielte Schauspieler an Gewicht. Beide haben Beziehungsprobleme, Bell mit seiner Freundin, der Schauspieler mit seiner schwangeren Frau. Möchte der verunsicherte und zurückhaltende Bell den Kontakt bald wieder abbrechen, so dringt nun der selbstbewusste Schauspieler immer stärker in sein Leben ein.

Aber sind dies wirklich zwei Figuren oder existiert der eine nur in der Vorstellung des schizophrenen Anderen? Und wenn letzteres der Fall ist, stellt sich die Frage, welcher von beiden real ist?

Zur Irritation – und zur nachhaltigen Wirkung – trägt aber auch eine Vogelspinne bei, die zunächst bei der Szene im Keller vorkommt, bald – ohne in einen Kontext eingebunden zu werden – riesig über Toronto hängt, und auch am Ende dafür sorgt, dass dieser Film im Kopf des Zuschauers haften bleibt.

Schon mit "Incendies – Die Frau die singt" und mit dem vor "Enemy" entstandenen "Prisoners" hat sich Villeneuve als Meister des komplexen Erzählens erwiesen. Doch während sich in diesen Filmen die Rätsel schließlich auflösten, so überlässt er es bei diesem kafkaesken Alptraum, der nicht zuletzt durch Musik, die an Bernard Herrmanns Soundtracks für die Filme Hitchcocks erinnert, Sogwirkung entwickelt, dem Zuschauer das Gesehene zu interpretieren.

An der Kinokasse hat sich dieses Spiel nicht ausgezahlt. In Österreich und der Schweiz kam "Enemy" gar nicht erst in die Kinos. Wie an Jonathan Glazers "Under the Skin" zeigt sich auch an diesem auf Gewalt völlig verzichtenden Psychothriller, der ganz in der Tradition der Mindfuck-Filme des letzten Jahrzehnts steht, wie schwer es komplexere Filme trotz Starbesetzung und brillanter Inszenierung im aktuellen Kinobetrieb haben. Mit einer Blu-ray oder DVD muss man sich somit zufrieden geben. Diese bietet aber auch – was bei "Enemy" auf keinen Fall schadet - die Möglichkeit den Film mehrmals anzusehen.

An Sprachversionen bietet die bei Capelight erschienene Blu-ray und DVD die englische Originalversion und die deutsch synchronisierte Fassung, sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. An Extras gibt es neben Trailer und Interviews mit Villeneuve, Jake Gyllenhaal, Isabella Rossellini, die die Mutter des Protagonisten spielt, Mélanie Laurent und Sarah Gadon, ein 15-minütiges "Making of", das vielfältige Einblicke bietet, die Interpretationsmöglichkeiten anspricht, aber die Rätsel, die der Film zurücklässt, erfreulicherweise nicht lüftet.

Trailer zu "Enemy"



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