1. November 2020 - 2:27 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
29. Oktober 2020 10. Januar 2021

Populismus, Fake News, rassistisch motivierte Gewalt und extremistischer Terror als Symptome kriselnder Demokratien lassen auch Künstler_innen nicht unberührt. Die Ausstellung "Empört Euch!" präsentiert in einer Auswahl von 75 Arbeiten eine politisch und ethisch motivierte Kunst, die auf aktuelle gesellschaftliche Zustände reagiert.

In Fotografien und Videos, in Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen wird die öffentliche Empörung in der Gesellschaft reflektiert und kommentiert. Starke emotionale Regungen von Wut und Zorn finden sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Radikalität ihren künstlerischen Ausdruck. Die 35 präsentierten internationalen Künstler_innen und Kollektive analysieren und formulieren soziale Ungerechtigkeiten, stellen Haltungen infrage, bilden Proteste ab oder rufen zum Widerstand auf.

Das Trauma von gewaltsam erschaffenen Grenzen, von Krieg und Vertreibung sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen sind prägende Themen im Werk der bosnischen Künstlerin Šejla Kamerić (geb. 1976). Eine 12 Meter hohe Wand im Ausstellungsraum ist mit der überdimensional vergrößerten Arbeit "Bosnian Girl" (2003) tapeziert. Ursprünglich als Motiv einer Plakatserie für den öffentlichen Raum konzipiert, beeindruckt das Bild durch seine Unmittelbarkeit und eine beunruhigende Ambivalenz. Das Publikum begegnet unausweichlich dem frontalen Blick der Künstlerin. Die hingeschmierten Worte "No teeth...? A mustache...? Smel like shit...? Bosnian Girl!" wurden 1994/95 von einem niederländischen Soldaten an einer Kasernenwand in dem Dorf Potočari bei Srebrenica hinterlassen. Auf beklemmende Weise erinnert "Bosnian Girl" an den von bosnisch-serbischen Milizen verübten Völkermord von Srebrenica im Juli 1995.

Für zahlreiche Künstler_innen sind politisches Engagement und künstlerische Arbeit nicht zu trennen. Sie verbinden ästhetische Praxis mit zivilem Widerstand, Formen gewaltlosen Protests oder politischem Aktivismus. Die italienische Künstlerin Monica Bonvicini (geb. 1965) macht ihre künstlerisch sublimierte Wut über die Folgen von gesellschaftlichen und politischen Missständen bereits in Werktiteln wie "Your Anger" (2019) oder "Anger Buildings" (2019) deutlich. Für ihre als Langzeitprojekt angelegte Serie großformatiger Temperaarbeiten nutzt sie Nachrichtenbilder sowie eigene Fotoaufnahmen von Zerstörungen, die mit der globalen Erderwärmung im Zusammenhang stehen. Die Verwüstungen durch Brände oder Wirbelstürme, die architektonischen Trümmerstätten nach Naturkatastrophen und deren soziale Folgen werden von Bonvicini in ihrer künstlerischen Praxis immer wieder aufs Neue und ohne Aktualitätsverlust aufgegriffen.

Der französische Künstler Kader Attia (geb. 1970) reflektiert in seiner Arbeit Themen wie Rassismus und Kolonialismus und ihre Auswirkungen. Anhand von Interviews mit vier Nachkommen von Kolonisierten oder Sklaven zeigt er auf, wie koloniale Gewalt und Rassismus die Wahrnehmung des Körpers und das Verhalten von Menschen im öffentlichen Raum beeinflussen. Im Zentrum seiner Videoarbeit "The Body ’ s Legacies Pt. 2: The Post-Colonial Body" steht der in Frankreich viel diskutierte Fall des schwarzen Franzosen Théo Luhaka, der 2017 in einem Pariser Vorort von Polizisten misshandelt wurde.

Die Südafrikanerin Zanele Muholi (geb. 1972) versteht sich selbst als "Aktivisten- Fotografin". In ihrem Heimatland porträtiert sie lesbische Frauen, Transgender und nichtbinäre Frauen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, z. B. Sportler_innen, Wissenschaftler_innen oder Tänzer_innen. Mit ihrer bereits 250 Personen umfassenden Porträtserie macht Muholi auf die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz von schwarzen südafrikanischen Lesben und transgeschlechtliche Menschen aufmerksam. Denn obwohl die südafrikanische Verfassung allen Bürger_innen die gleichen Rechte garantiert und gleichgeschlechtliche Ehen gestattet, sind Anfeindungen und Übergriffe auf homosexuelle Menschen und Transgender in Südafrika weiterhin verbreitet.

Brisante gesellschaftliche Fragestellungen verhandelt auch der niederländische Künstler Erik van Lieshout (geb. 1968). Auf schonungslos direkte wie auch satirisch-humorvolle Weise führen uns seine Werke politische Missstände und gesellschaftliche Konflikte vor Augen. In der raumgreifenden Installation "Rotterdam–Rostock" (2006) dokumentiert ein 17-minütiger Film van Lieshouts Eindrücke und Begegnungen auf seiner Fahrradtour von Rotterdam nach Rostock quer durch Deutschland. In dem Film formulieren deutsche Bürger_innen unverblümt ihre Aggressionen gegenüber Jüd_innen, Migrant_innen oder Ostdeutschen. In einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion werden übertriebene Klischees und fremdenfeindliche Einstellungen aufgezeigt, die nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Speziell für die Düsseldorfer Ausstellung geschaffen wurden die an Protestfahnen erinnernden Flaggen des Kollektivs Chto Delat, das 2005 in St. Petersburg von Künstler_innen, Kritiker_innen, Philosoph_innen und Autor_innen gegründet wurde und sich nach einem Zitat Lenins in deutscher Übersetzung "Was zu tun ist" benannt hat. Auch die Gemälde von Sophia Süßmilch (geb. 1983) und der dreiteilige Bilderatlas "Mimir" von Nicolas Warburg (geb. 1992) gehören zu den neuesten, 2020 entstandenen Werken.

Durch partizipative Arbeiten werden Besucher aktiv involviert. So hat der japanische Konzeptkünstler Yoshinori Niwa (geb. 1982) vor dem Kunstpalast einen Container aufgestellt. Seine Arbeit "Withdrawing Hitler from a private space" bietet die Entsorgung von nationalsozialistischen Relikten an. In Anzeigen der lokalen Presse wird dazu aufgerufen, Memorabilia der Nazizeit mitzubringen, die im Container gesammelt und am Ende der Ausstellung vollständig vernichtet werden. Über E-Mail besteht zudem die Möglichkeit, in Kontakt mit dem Künstler und dem Museum zu treten, damit sich ein direkter Meinungsaustausch über dieses Projekt entwickelt. Darüber hinaus stehen Plakate des Kunstwerks "Bosnian Girl" von Šejla Kamerić zur kostenlosen Mitnahme zur Verfügung, so dass diese Arbeit auch über die Ausstellung hinaus im privaten Raum ihre Wirkung entfalten kann. Des Weiteren lädt eine interaktiv gestaltete Wand Besucher_innen ein, ihre Eindrücke niederzuschreiben.

Empört euch!
Kunst in Zeiten des Zorns
29. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021

Museum Kunst Palast
Ehrenhof 4-5
D - 40479 Düsseldorf

W: https://www.kunstpalast.de/

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  •  29. Oktober 2020 10. Januar 2021 /
Šejla Kamerić, "Bosnian Girl", 2003 Poster, Plakatwände, Magazin-Anzeigen, Postkarten Maße variabel Courtesy Šejla Kamerić © Šejla Kamerić
Šejla Kamerić, "Bosnian Girl", 2003 Poster, Plakatwände, Magazin-Anzeigen, Postkarten Maße variabel Courtesy Šejla Kamerić © Šejla Kamerić
Judith Bernstein, "Trump Horror", 2017, Acryl auf Papier, 122 x 160 cm, Courtesy Judith Bernstein und Karma International, Zürich / Los Angeles © Studio Judith Bernstein
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Signe Pierce und Alli Coates, "AMERICAN REFLEXXX", 2015, Ein-Kanal-Video, 14:02 min, Courtesy Signe Pierce und Alli Coates und "EIGEN + ART Lab" © Signe Pierce und Alli Coates
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Julian Röder, Protests against EU Summit in Thessaloniki IV, 2003, C-Print, 210 x 140 cm, Privatsammlung © Julian Röder
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Santiago Sierra, 3000 huecos, 2002, Triptychon, Foto 156,5 x 231,5 cm, Privatsammlung © Santiago Sierra Fotograf: Björn Behrens
Santiago Sierra, 3000 huecos, 2002, Triptychon, Foto 156,5 x 231,5 cm, Privatsammlung © Santiago Sierra Fotograf: Björn Behrens