Emilija Škarnulytė hat den Space01 des Kunsthauses Graz in einer Einzelausstellung in eine poetisch-immersive Unterwasserwelt aus Video, Licht, Klang und Skulptur verwandelt. Wasser steht hier für Transformation und ein fluides Archiv und wird gleichzeitig zur Metapher eines inklusiven Weltbildes. Škarnulytė verschränkt Wissenschaft und Mythologie, Realität und Fiktion und schafft mit „Waters call me home“ im „Cosmic Belly“ ein sinnliches Plädoyer, unsere Beziehungen zu Erde und Kosmos neu zu denken.
Die Arbeiten der 1987 in Vilnius geborenen litauischen Künstlerin gleichen einem Einschreiben in den Lauf der Zeit und die vorhandenen wie erschaffenen Infrastrukturen unseres Planeten. Das Ineinanderfließenlassen von Wissenschaft, Natur und Mythos ist für die Künstlerin dabei zentral. Viele ihrer Projekte basieren auf langfristigen wissenschaftlichen Forschungen zu verborgenen Ökosystemen oder von Menschen geschaffenen Infrastrukturen. Aus der Perspektive einer „zukünftigen Archäologin” sucht Škarnulytė nach anthropogenen Ruinen und Orten – von militärischen Unterwasseranlagen bis zur Milchstraße. Dabei wird sie von einem tiefen Interesse an Geochronologie – jener Wissenschaft, die sich mit der Datierung und Chronologie geologischer Ereignisse und Prozesse beschäftigt – und alternativen (Ver-)Messungen der Welt aus posthumanen Perspektiven geleitet. Die Künstlerin taucht – metaphorisch und wortwörtlich – tief in den Planeten und das Wasser ein, in das Atomare und Kosmologische. Sie untersucht Erd- und Wasserschichten, Oberflächen und Untergründe sowie geologische und mythologische Zeiträume. Durch das Changieren zwischen Mikro- und Makrokosmos enthüllt sie die Hybris des Anthropozäns, die den Menschen zum Mittelpunkt des Universums macht.
Wichtige Referenzen für Škarnulytė sind beispielsweise Marija Gimbutas' Archäomythologie oder Aleksandra Kasubas' künstlerische und architektonische Visionen. Sie untersucht visionäre Praktiken ebenso wie die Ursprünge von Mythen auf ihr Potenzial zur Transformation – aus einer zutiefst (öko-)feministischen Perspektive. Hybride Göttinnen, Meerjungfrauen und Schlangenwesen sind wiederkehrende Elemente in ihren Arbeiten. Die Meerjungfrau ist für die Künstlerin sowohl Verkörperung als auch künstlerisches Werkzeug – ein „erweitertes“ Körperinstrument. Durch die Augen dieser posthumanen Wesen werden die unauslöschlichen Spuren und Narben sichtbar, die die Menschheit in kurzer Zeit auf dem Planeten hinterlassen hat.
Besonders deutlich wird dies in der Videoarbeit „Æqualia“ (2023). Škarnulytė gleitet darin als Chimäre – teils Delfin, teils Meerjungfrau – sechs Kilometer weit durch den Amazonas, entlang der Verbindungslinie zwischen dem milchig-weißen Rio Solimões und dem dunklen Rio Negro. Begleitet wird sie nur von einer Drohne, die sie aus der Vogelperspektive aufnimmt, sowie von rosa Süßwasserdelfinen, die sie vor den Gefahren des Flusses schützen. Der Amazonas als komplexes Ökosystem steht für ein heute stark gefährdetes Gleichgewicht.
Eine andere Arbeit führt in die Ostsee, ein Meer, das durch menschliche Eingriffe unter starkem Sauerstoffmangel (Hypoxie) leidet und heute zu den Gewässern der Erde zählt, die am stärksten von sogenannten „Todeszonen“ geprägt sind, in denen kein höheres Leben existieren kann. „Hypoxia“ (2023) greift Phänomene auf, die zwischen wissenschaftlichen Fakten und Science-Fiction oszillieren, wie die sogenannte „Baltische Anomalie“ oder der litauische Mythos um Jūratė. Die Legende besagt, dass der litauische Donnergott Perkūnas ihren menschlichen Geliebten tötete, woraufhin Jūratė „goldene Tränen“ weinte, die sich in Bernstein verwandelten. Bernstein findet sich noch heute an den Ufern der Ostsee. Er kristallisiert sich auch in Emilija Škarnulytėss amorpher Skulpturenserie „If Water Could Weep (Mermaid Tears)” (2023–) poetisch.
Škarnulytė entzieht sich dem Offensichtlichen, verschränkt Fakten und Fiktionen, reale Orte und mythische Figuren. Ebenso vielschichtig und volatil wie ihre künstlerische Arbeit ist der Ausstellungstitel „Waters call me home”. Wasser fungiert in der Ausstellung als Abstraktion und wird zur Metapher eines ganzheitlichen, inklusiven Weltbildes. Der Titel ist eine Anspielung auf die Quelle des Lebens und auf das Element, das die nomadisch lebende Künstlerin kontinuierlich erforscht. Jedes ihrer Kunstwerke fungiert als neue Kartografie, die sich zwischen Tiefenzeit, unserer planetarischen Krise und spekulativen Zukünften manifestiert und die Besucher:innen einlädt, ihre Beziehung zur Welt neu auszurichten.
Škarnulytė erschafft Erlebnis- und Erfahrungsräume, die sie für jeden Ausstellungsort neu und spezifisch anpasst. Im Kunsthaus Graz verbinden sich Videos, Skulpturen, Licht und Sound zu einem vielschichtigen Rhythmus, der an eine kosmische Unterwasserlandschaft erinnert – wofür sich der „Cosmic Belly“ des Kunsthauses besonders eignet. Ein 20 Meter langer Monolith zeigt eine von Škarnulytė ortsspezifisch konzipierte Collage aus Videoarbeiten. Im Rhythmus mit dem Sound tauchen Lichtskulpturen im Space auf, Laser durchdringen und vermessen die Unterseewelt des Ausstellungsraumes. Erstmals präsentiert wird auch eine neue Serie von Zeichnungen, in denen sich die Künstlerin mit Mineralien als autonomer Materie beschäftigt – digital und in Form eines Originals.
„Waters call me home” soll auch als Aufruf gelesen werden, uns – ob Mensch, Cyborg, Göttin oder Chimäre – wieder in das große ökologische Ganze einzufügen. Emilija Škarnulytė präsentiert mit „Waters call me home” ein immersives Plädoyer für kritisches Denken, das sich weder der Wissenschaft noch der Mythologie verschließt, sondern eine Anerkennung für unsere tentakuläre Verbundenheit ist.
Emilija Škarnulytė
Waters call me home
Bis zum 15. Februar 2026
Kuratiert von Katia Huemer und Alexandra Trost
Ort: Space01