10. April 2019 - 4:34 / Ausstellung 
12. April 2019 15. September 2019

Der Expressionist Emil Nolde ist der wohl berühmteste "entartete Künstler": von keinem anderen Künstler wurden so viele Arbeiten beschlagnahmt, keine anderen Werke hingen so prominent auf den ersten Stationen der Ausstellung "Entartete Kunst" von 1937/38. Wie passen Noldes Verfemung und sein Berufsverbot zu unserem Wissen, dass er NS-Parteimitglied war und bis zum Kriegsende den Glauben an das nationalsozialistische Regime nicht verlor?

Der Kunstkritiker Adolf Behne hob auf Noldes speziellen Fall ab, indem er ihn zum 80. Geburtstag 1947 pointiert als "entarteter "Entarteter"" bezeichnete. Dass Emil Nolde ein Parteimitglied war, ist seit langem bekannt. Aber was dies mit seiner Kunst zu tun hat, und wie sich die historischen Umstände des Nationalsozialismus auf sein Kunstschaffen ausgewirkt haben, ist bisher noch nie umfassend in einer Ausstellung untersucht worden. Die Ausstellung "Emil Nolde – eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus" beruht auf den Ergebnissen eines langjährigen wissenschaftlichen Forschungsprojekts, das erstmals die umfangreichen Bestände des Nolde-Nachlasses in Seebüll auswerten konnte und dabei so viel Neues zu Tage brachte, dass die hergebrachte Nolde-Erzählung revidiert werden muss. So wird die Ausstellung zum Beispiel die berühmten "Ungemalten Bilder" – die kleinformatigen Aquarelle, die Nolde angeblich während der Zeit seines Berufsverbots heimlich in Seebüll malte – in einem ganz neuen Licht präsentieren und als Teil einer langjährigen Praxis der Selbststilisierung erklären.

Wie wichtig diese Selbststilisierung ist – und wie stark sie unseren Blick auf Nolde beeinflusst – wird den Besuchern durch eine Rekonstruktion des Bildersaals in Noldes Atelierhaus in Seebüll vor Augen geführt. Diese Rekonstruktion zeigt die Hängung von Gemälden und Aquarellen, wie sie der alte Künstler im Kriegswinter 1941/42 selbst vornahm. Mit über 100 teilweise bislang nicht gezeigten Originalen, die mit Bezug auf Noldes Schriften und im Kontext ihrer historischen Entstehungsumstände präsentiert werden, möchte die Ausstellung die vielschichtigen Beziehungen zwischen Bildern, Selbstinszenierungen des Künstlers, Verfemung und Legendenbildung aufzeigen: Wie wirkte sich das "Dritte Reich" auf Emil Noldes künstlerisches Werk aus? Inwiefern korrespondieren einige seiner Werke, beispielsweise seine Darstellungen mythischer Opferszenen oder nordischer Menschen, mit seinen Sympathien für das Regime? Welche Auswirkungen hatten die Diffamierung und das Berufsverbot auf Noldes künstlerische Praxis, und auf seine politische Einstellung? Und wie entstanden die Nolde -Mythen der Nachkriegszeit?

Die Ausstellung findet in der sogenannten "Neuen Galerie" statt. Die "Neue Galerie" im Hamburger Bahnhof fungiert als Dependance für die Neue Nationalgalerie während der Dauer ihrer Sanierung. In wechselnden Präsentationen werden Ausschnitte aus der Sammlung zur Kunst des frühen 20. Jahrhunderts vorgestellt. Die "Neue Galerie" eröffnete mit "Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung 1933-1945" (2015) und zeigte Ausstellungen zu Ernst Ludwig Kirchner (2016), Rudolph Belling (2017) und Otto Mueller (2018). Das Brücke-Museum präsentiert zeitgleich die Ausstellung "Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus" (14. April bis 11. August 2019), die sich erstmals kritisch und ausführlich mit der künstlerischen Praxis, den Handlungsspielräumen und dem Alltag der Brücke-Künstler im Nationalsozialismus beschäftigt, sodass sich beide Ausstellungen vortrefflich ergänzen und wechselseitig kommentieren.

Emil Nolde – eine deutsche Legende
Der Künstler im Nationalsozialismus
12. April bis 15. September 2019
Eröffnung: Do 11. April 19, 19 Uhr

Hamburger Bahnhof
Invalidenstraße 50/51
D - 10557 Berlin

T: 0049 (0)30 397834-12
F: 0049 (0)30 397834-13
E: hbf@smb.spk-berlin.de
W: http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home.html

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  •  12. April 2019 15. September 2019 /
Emil Nolde: Herrin und Fremdling, o. D. (wahrscheinlich Vorlage für das Gemälde Nordische Menschen, 1938). Aquarell, 17,1 × 22,5 cm; Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll; Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
Emil Nolde: Herrin und Fremdling, o. D. (wahrscheinlich Vorlage für das Gemälde Nordische Menschen, 1938). Aquarell, 17,1 × 22,5 cm; Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll; Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
Emil Nolde: Kriegsschiff und brennender Dampfer, o. D. (vor/um 1943). Aquarell, 14,8 × 24,4 cm; Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
Emil Nolde: Kriegsschiff und brennender Dampfer, o. D. (vor/um 1943). Aquarell, 14,8 × 24,4 cm; Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin
"Das Leben Christi" (1911/12) auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin, ab 26. Februar 1938; © Zentralarchiv - Staatliche Museen zu Berlin. © für die Werke von Emil Nolde bei Nolde Stiftung Seebüll
"Das Leben Christi" (1911/12) auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin, ab 26. Februar 1938; © Zentralarchiv - Staatliche Museen zu Berlin. © für die Werke von Emil Nolde bei Nolde Stiftung Seebüll
Joseph Goebbels auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin, Februar 1938, links: "Die Sünderin"; © Zentralarchiv - Staatliche Museen zu Berlin. © für die Werke von Emil Nolde bei Nolde Stiftung Seebüll
Joseph Goebbels auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin, Februar 1938, links: "Die Sünderin"; © Zentralarchiv - Staatliche Museen zu Berlin. © für die Werke von Emil Nolde bei Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde in München, Januar/Februar 1937. Foto von Helga Fietz, der Ehefrau von Noldes Münchner Kunsthändler Günther Franke; Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde in München, Januar/Februar 1937. Foto von Helga Fietz, der Ehefrau von Noldes Münchner Kunsthändler Günther Franke; Nolde Stiftung Seebüll. © Nolde Stiftung Seebüll