Eleanor Antin (geb. 1935 in New York, USA) ist seit über 50 Jahren eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Als Pionierin der künstlerischen Selbstinszenierung erschafft und verkörpert sie fiktive Figuren und stellt so zentrale Fragen nach Identität, Geschichte und Repräsentation. Dabei verbindet ihr Werk tiefgründigen Humor mit feinsinniger Erzählkunst. Antins medienübergreifende Praxis – Fotografie, Film, Text, Performance, Skulptur und Installation – lädt dazu ein, vertraute Narrative neu zu betrachten und verblüffende Perspektiven auf unser individuelles und gesellschaftliches Selbstverständnis zu entdecken.
Die Retrospektive im Kunstmuseum Liechtenstein – die erste in Europa überhaupt – beleuchtet die Vielschichtigkeit von Antins Œuvre und macht deutlich, wie aktuell und wirkmächtig ihre Arbeit bis heute ist. Die Ausstellung spannt den Bogen von Antins frühen performativen Arbeiten der 1960er-Jahre bis zu ihren jüngsten Werken.
Zu den frühen, ikonischen Arbeiten der Künstlerin zählen die legendäre Aktion und Postkartenserie „100 Boots” (1971–1973) – eine inszenierte, abenteuerliche Reise von hundert schwarzen Gummistiefeln von Kalifornien nach New York – sowie die Fotoarbeit „Carving: A Traditional Sculpture” (1972). In dieser formt und protokolliert sie über 37 Tage hinweg ihren eigenen Körper im Sinne einer Bildhauerin und hinterfragt dabei radikal Vorstellungen von Selbstbestimmung und Körperlichkeit.
Im Zentrum ihres Schaffens steht die performative Selbstinszenierung, mit der Antin seit den späten 1960er-Jahren die fluide Existenz des Selbst erforscht. Sie schlüpft in verschiedene Rollen – den König, die Ballerina oder die Krankenschwester –, die verschiedene Identitäten, historische Bezüge und innere Widersprüche in sich tragen. So untersucht sie gesellschaftliche Rollen, Machtstrukturen und kulturelle Zuschreibungen. Ambivalenz, Fiktion und Inszenierung nutzt sie dabei bewusst als künstlerische Mittel.
„Der König kam zuerst, als ich herausfinden wollte, wie mein männliches Selbst sein würde, wer er wäre. Mir wurde klar, dass mein bärtiges Ich ein König war, ein Doppelgänger von Karl I., und dass Könige ein Land, ein Königreich haben müssen – selbst wenn es ein verlorenes ist. Er wurde mein politisches Selbst.“
Nach dem König entstehen weitere Personas oder „Selbste”, wie Antin sie nennt. Die Ballerina tritt erstmals 1973 auf. Während sie auf Fotos als ideale Verkörperung einer Primaballerina erscheint, zeigt ein Video das Making-of im Fotostudio und entlarvt damit die Konstruktion der Posen. Die Krankenschwester, Antins dritte Persona, ist ihre ambivalenteste und verschmitzteste Figur: Verführerin und Verführte zugleich oszilliert sie zwischen Ausgeliefertsein und Handlungsmacht. Wie ein Kind, das ganz in sein Spiel vertieft ist, entwickelt sie ihre Narrative mit aus Papier ausgeschnittenen Figuren. Sie lässt sie sprechen, handeln, weinen, lachen und Sex haben.
In späteren Arbeiten setzt sich Antin, deren Eltern aus Polen in die USA migriert waren, explizit mit ihrem jüdisch-kulturellen Erbe auseinander. Beispiele hierfür sind der Stummfilm in Spielfilmlänge „The Man Without a World” (1991), der sich als Werk des fiktiven sowjetisch-jüdischen Regisseurs Yevgeny Antinov ausgibt, sowie die imposante, raumgreifende Installation „Vilna Nights” (1993–1997/2025). Wie eine Theaterkulisse lässt diese Installation die Betrachtenden in eine Welt eintauchen, die nicht mehr existiert.
In ihrem Spätwerk wird die Künstlerin zur Regisseurin, die ihre Schauspieler:innen in sorgfältig inszenierte Rollen führt. Die „Historical Takes“ (2004–2008) sind hollywoodeske Bilder einer überzeichneten griechisch-römischen Antike, die dekadente Exzesse zeigen und den Niedergang von Imperien thematisieren. Indem Antin historische Szenerien nachstellt, legt sie Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart frei und entlarvt die Illusionen des Spektakels sowie die Fragilität von Macht am Rand des Zusammenbruchs.
Eleanor Antin (* 1935 in New York) ist eine Schlüsselfigur, die aus den Konzeptkunstbewegungen der 1970er-Jahre hervorgegangen ist. Antin war zunächst Dichterin und Schauspielerin, bevor sie sich der bildenden Kunst widmete. 1969 zog sie von New York nach San Diego, wo sie sich intensiv in der lokalen feministischen Bewegung engagierte. Von 1975 bis 2002 lehrte sie an der University of California in San Diego und war eine zentrale Figur innerhalb einer lebhaften Gemeinschaft von Kunstschaffenden und Schriftsteller:innen, die mit der Universität verbunden waren.
In den vergangenen fünfzig Jahren hat Antin ihre Arbeiten weltweit präsentiert und aufgeführt. Zahlreiche Einzelausstellungen widmeten sich ihrem Werk, darunter „Multiple Occupancy: Eleanor Antin’s ‘Selves’”, ICA, Boston (2014), „Eleanor Antin: Historical Takes”, San Diego Museum of Art (2008), „Eleanor Antin: Real Time Streaming”, Arnolfini, Bristol und Mead Gallery, Warwick (2001), „Eleanor Antin Retrospective”, Los Angeles County Museum of Art (1999) sowie „Eleanor Antin: Selections from The Angel of Mercy”, Whitney Museum of American Art, New York (1997). Ihre wegweisende Serie 100 Boots wurde erstmals 1975 im Museum of Modern Art in New York gezeigt.
Zuletzt waren Arbeiten Antins in bedeutenden Gruppenausstellungen zu sehen, etwa in „Chrysalis: The Butterfly Dream” im Centre d’Art Contemporain in Genf (2023), in „Mapping an Art World” im MOCA in Los Angeles (2023) und im Museum of Contemporary Art in San Diego (2023). Als Performancekünstlerin trat sie weltweit auf, unter anderem bei der 37. Internationalen Kunstausstellung der Biennale von Venedig (2005) und im Sydney Opera House (2002).
Die Ausstellung für das Kunstmuseum Liechtenstein wurde von Christiane Meyer-Stoll und Henrik Utermöhle kuratiert, initiiert und organisiert jedoch vom Mudam Luxembourg – Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, und war dort bis zum 8. Februar 2026 zu sehen. Anschließend wandert sie an das MOCAK – Museum für Gegenwartskunst in Krakau.
Eleanor Antin
Eine Retrospektive
27. März – 27. September 2026.
Vernissage mit Gespräch: Donnerstag, 26. März 2026, ab 18 Uhr