Eintauchen! – neun künstlerische Positionen aus der Zentralschweiz

Eintauchen! Den Kopf abschalten und dem Alltag entfliehen? In turbulenten Zeiten klingt das nur allzu verlockend. Das Kunsthaus Zug zeigt Werke von neun Kunstschaffenden aus der Zentralschweiz, die sich alle mit dem Thema der Immersion auseinandersetzen. Die Ausstellung geht jedoch weit über das Thema der Weltflucht hinaus.

Rauschend rollen die Wellen ans Ufer. Ganz klein, am unteren Bildrand, erscheinen zwei Badende. Spielerisch schreiten sie über den Strand dem Meer entgegen. Ein gewöhnlicher Tag am Meer, möchte man meinen. Doch die Landschaft gerät ins Fließen – als wolle sie die Badenden verschlingen. Judith Alberts Videoarbeit Côte de Granit Rose (2024) entfaltet eine poetisch-unheimliche Sogwirkung und bildet den Auftakt zur Ausstellung.

Gezeigt werden neun künstlerische Positionen aus der Zentralschweiz, die eines gemeinsam haben: Ihre immersive Wirkung. Der Begriff „Immersion”, abgeleitet vom Lateinischen „immersio” („Eintauchen”, „Untertauchen”), beschreibt das vollständige Aufgehen in einer Erfahrung oder einem Medium. In der Kunst bezeichnet Immersion das Hineintauchen des Publikums in sinnlich erfahrbare Welten, in denen sich die Grenzen zwischen Betrachtung und Erleben zunehmend auflösen.

Entsprechend gestaltet Nils Nova den gesamten Raum als begehbares Kunstwerk. Wandfüllende architektonische Fotografien erweitern die reale Umgebung, während Malereien mit intensiven Farben und vielschichtigen Überlagerungen eine visuelle Sogwirkung entfalten. Nova spielt gezielt mit der Wahrnehmung: Der Raum oszilliert zwischen Realität und Illusion und erzeugt eine Irritation des Raumgefühls.

Nathalie Bissig schafft Bildwelten, die von lokalen Mythen und Sagen inspiriert sind. In ihrer Serie „The Wolfes” (2021–2024) entwirft sie düstere Landschaften, bevölkert von märchenhaften Gestalten und rätselhaften Dingen. Die Werke lösen Gefühle von Faszination und Unbehagen aus, als sei man Teil einer fesselnden Geschichte, deren Ausgang jedoch ungewiss bleibt.

Bei Yvonne Christen Vagner begegnen sich Moos und Sternenstaub: Ihr „Moosboard III” (dt. Moosbrett, 2019/2025) trifft auf Fotografien von Supernovae. Die Gegenüberstellung öffnet einen immensen Zeitraum, in dem man sich nicht anders als verlieren kann – vom Ursprung des Lebens (Moose zählen zu den ältesten Pflanzen) bis zur Endlichkeit unseres eigenen „Sterns”.

Pascale Birchler erzeugt mit „Da sind wir, losgekettet von der Sonne” (2022) eine melancholische Szenerie: Eine Figur in Ritterrüstung sitzt vor einem wolkenverhangenen Himmel. Der sich auf Friedrich Nietzsche beziehende Titel thematisiert die Verlorenheit und Orientierungslosigkeit des Menschen nach dem Verlust metaphysischer Gewissheiten.

Eine unheimliche Stimmung entsteht auch bei Moritz Hossli: Seine 3D-Videoarbeit „Stereo Kinematica” (2018) zeigt einen Spaziergang durch ein düsteres Waldstück. Es klingt in manchen Momenten eine leise Erinnerung an jene Prüfungen an, die Märchenfiguren in dunklen Wäldern zu bestehen haben. Ein Ort zwischen Erinnerung und Simulation, der sich dem Zugriff entzieht und im Dazwischen zu schweben scheint. Dieser schwebende Zustand setzt sich in der gemeinsamen Arbeit mit Johanna Gschwend fort. Sie zeigt einen „Schwarm” (2016) Vögel, der lautlos wellenförmig am Horizont kreist – zwischen saftigem Wiesengrün und dem dahinter liegenden Herbstwald. Es ist ein Moment des Abhebens und Davonfliegens, der nie endet.

Denis Twerenbold arbeitet mit reduzierten Mitteln und intensiver Atmosphäre. In seiner Videoarbeit „Aesculus” (2020) beobachtet die Kamera in Echtzeit, wie die Substanz Aesculin aus einem Kastanienzweig austritt und unter UV-Licht bläulich zu leuchten beginnt. Diese schrittweise Verwandlung entfaltet eine fast schon hypnotische Wirkung, die die Grenzen zwischen bloßer Beobachtung und intensiver Erfahrung verwischen lässt.

Eine ebenso intensive Wirkung haben Christian Kathriners großformatige Gemälde. In einem experimentellen Prozess entstanden, nehmen die Leinwände die Betrachtenden vollständig ein. Seine Arbeit „Grecs inconnus” (unbekannte Griechen) spielt mit den Themen Erinnern und Vergessen. Die Antike als Wiege der westlichen Kultur tritt uns in Porträts heute unbekannter Griechen entgegen. Wie andere Werke der Ausstellung macht auch dieses erfahrbar, dass das Eintauchen ein Verschwinden bedeuten kann, ein Auflösen des Individuums in Zeit und Raum.

Die in der Ausstellung eröffneten Welten gehen über reine Weltflucht hinaus. Sie führen die Betrachtenden an das Rätselhafte, Beunruhigende und Unbegreifliche heran. Oder anders gesagt: Erst durch das Ergriffenwerden wird das Begreifen möglich. Die Grenze zwischen Betrachten und Erleben löst sich auf – man befindet sich nicht gegenüber, sondern mitten im Kunstwerk.

Eintauchen!
Mit Werken von Judith Albert, Nathalie Bissig, Pascale Birchler, Yvonne Christen Vagner, Moritz Hossli, Johanna Gschwind, Christian Kathriner, Nils Nova und Denis Twerenbold.
Bis zum 4. Januar 2026
Kuratiert von Jana Bruggmann