Mit der unbequemen Leitfrage, wie viel NS-Vergangenheit im heutigen deutschen Wohlstand steckt, bricht der bildende Künstler Franz Wanner in seiner Publikation "Eingestellte Gegenwarten" radikal mit der gängigen Erzählung einer lückenlos geglückten, deutschen Erinnerungskultur. Das Buch, das Wanners tiefgehende Recherchen und Ausstellungen (unter anderem im Münchner Lenbachhaus oder Kunst Meran) begleitete, ist weit mehr als ein klassischer Kunstkatalog. Es ist eine forensische und hochaktuelle Untersuchung über die materiellen und strukturellen Kontinuitäten der NS-Zwangsarbeit.
Wanner rückt ein gesamtgesellschaftliches Massenverbrechen in den Fokus, das schätzungsweise 26 Millionen Menschen in Europa und Afrika betraf. Während ein Großteil der deutschen Nachkommen die eigenen Vorfahren heute rückblickend gerne als "unbeteiligt“ tarnt, legt dieses Buch offen, wie tief der heutige Wirtschaftsliberalismus in den Profiten von damals verwurzelt ist.
Besonders stark gelingt Wanner der Brückenschlag in die bundesrepublikanische Nachkriegszeit. Er zeigt auf, wie die materiellen und juristischen Fundamente der NS-Ausbeutung nahtlos weitergenutzt wurden. So basieren etwa die rechtlichen Grundlagen der ersten bundesdeutschen Anwerbeabkommen ab 1955 (u. a. mit der Türkei und Italien) direkt auf einer NS-Verordnung aus dem Jahr 1938. Und was räumliche Kontinuitäten anbelangt, so wurden sogenannte "Gastarbeiter“ nach ihrer Ankunft in Deutschland teils in denselben Baracken untergebracht, die zuvor als NS-Zwangsarbeiterlager gedient hatten.
Sogar Kunstmuseen selbst profitierten im Krieg von Zwangsarbeit – etwa beim Schutz und der Evakuierung von Kunstgütern bei Luftangriffen.
Die Methode: Kunst als Tatort-Dokumentation
Das Buch übersetzt Wanners multimedialen Ansatz aus Fotografien, Texten, Videostills und Objektstudien in eine eindringliche Leseerfahrung. Als roter Faden dient dabei oft das Material "Plexiglas". 1933 von Röhm & Haas entwickelt, wurde es im Nationalsozialismus als "schattenloser“ Werkstoff für die Rüstungsindustrie (z. B. Flugzeugkanzeln) gefeiert.
Wanner nimmt eine im ehemaligen KZ Sachsenhausen gefundene Plexiglas-Schutzbrille eines unbekannten Häftlings als Ausgangspunkt. Er entzieht den heutigen Plexiglas-Gegenständen – vom Polizeischild bis zur Museumsvitrine – ihre alltägliche Unschuld. Das Buch dokumentiert diese Objekte wie "Verwahrstücke“ an einem Tatort und zwingt den Betrachter, die ungeschminkte Realität hinter der sauberen Selbstdarstellung staatlicher und wirtschaftlicher Institutionen zu sehen.
Kritiker bezeichnen Franz Wanner voll Anerkennung als eine intellektuelle "Nervensäge“, die dort bohrt, wo Verdrängungsmechanismen am bequemsten greifen. "Eingestellte Gegenwarten" ist kein Buch für den flüchtigen Konsum. Es fordert den Leser aktiv dazu auf, Geschichte nicht als abgeschlossen zu betrachten. Wer verstehen will, wie eng die Verflechtungen zwischen historischer Schuld, moderner Rüstungsindustrie, Tech-Standorten und dem neoliberalen Wohlstandsimperativ wirklich sind, kommt an diesem präzise recherchierten Band nicht vorbei. Ein radikaler, augenöffnender und bitterkalter Blick auf die blinden Flecken unserer Gegenwart.
Franz Wanner: Eingestellte Gegenwarten
Hrsg. Kunst Meran Merano Arte, Franz Wanner
Hirmer Verlag, 2025 , 176 Seiten, 60 Abbildungen, Deutsch / Englisch / Italienisch
ISBN 10: 3777446491
ISBN 13: 9783777446493
Verlag: Hirmer, 2025, 35,00 €