1. Mai 2020 - 15:32 / Karlheinz Pichler / Ausstellung 

Die Ausstellung „90º“, die sich mit dem rechten Winkel beschäftigt, ist zwar in der Bludenzer Galerie Allerart noch vor dem Shutdown eingerichtet worden, zur Eröffnung am 12. März ist es jedoch coronabedingt nicht mehr gekommen. Seither ist dieser kleine aber feine Whitecube geschlossen. Aufgrund der schrittweisen Lockerung der Social-Distancing-Bestimmungen besteht nun aber die Möglichkeit, die Werke von Tina Haase, Gerold Tagwerker und Franz Türtscher ab 15. Mai doch noch zu besehen. Im nachfolgenden Interview berichtet Wolfgang Maurer, der Obmann des Vereins Allerart, über die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Geschehen bei Allerart. Das Gespräch führte Karlheinz Pichler.

Karlheinz Pichler: Die Galerie Allerart hat seit dem 11. März die Rollbalken herunten. Was für konkrete Auswirkung hat der Shutdown auf die weitere Programmgestaltung Ihrer Einrichtung?

Wolfgang Maurer: Die Ausstellung "Kunstankäufe des Landes 2019", die am 8. Mai hätte starten sollen, ist in Abstimmung mit dem Vorarlberg Museum und der Kulturabteilung des Landes auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Ich nehme nicht an, dass sie heuer noch durchgeführt werden kann. Wir haben mit den Projektpartnern vereinbart, dass wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen, wenn die Situation es zulässt und wir klarer sehen, wie es weitergehen kann. Wir haben dafür die Ausstellung "90°" bis zum 13. Juni verlängert und hoffen, dass noch möglichst viele Interessierte diese spannende Schau besichtigen können. Allerdings bitten wir um Verständnis dafür, dass sich jeweils nur fünf Personen in dem Ausstellungsraum aufhalten können und ein Mund- und Nasenschutz getragen werden muss. Ein Desinfektionsspender wird vor Ort aufgestellt sein.

Pichler: Befindet sich Ihre Institution im Kurzarbeits- und/oder Home-Office-Modus? Mit was beschäftigen Sie und Ihre Mitarbeitenden sich derzeit konkret?

Maurer: Wir von Allerart Bludenz haben beim AMS um Kurzarbeit angesucht und wir befinden uns im Home-Office, von wo aus wir die anstehende Arbeiten im Hinblick auf das Herbstprogramm erledigen. Das sind in erster Linie Arbeiten im Zusammenhang mit den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik. Da hoffen wir, dass dieses Festival Anfang Oktober planmäßig über die Bühne gehen kann.

Pichler: Mit was für finanziellen Folgen rechnen Sie durch die Schliessung Ihres Hauses. Rechnen Sie mit grossen Verlusten, oder werden die Einnahmenausfälle durch die Möglichkeiten zur Kurzarbeit aufgefangen?

Maurer: Unsere Verluste betreffen in erster Linie die Einnahmen aus unserem Programmkino, der Leinwandlounge, für die wir das gesamte Frühjahrsprogramm geplant, den Leporello gestaltet und gedruckt haben, aber keine Einnahmen kommen. Außerdem mussten wir unsere nächste Veranstaltung im Rahmen der "Female Voices" (Wendy McNeill), die für den 29. Mai 2020 geplant war, und für die wir die Drucksorten (Einladungskarten, Plakate und Transparent) auch schon gedruckt und bezahlt haben, komplett absagen. Ob wir das Konzert zu einem späterne Zeitpunkt nachholen können, hängt von der Belegung der Remise und dem Zeitplan der Künstlerin ab.
An den Veranstaltungen im Herbst arbeiten wir vorerst, als ob sie regulär stattfinden würden.

Pichler: Was erwarten Sie sich von der Politik, um die aktuelle Situation abzufedern?

Maurer: Von der Politik erwarten wir, dass es weder heuer noch im nächsten Jahr zu Kürzungen kommt.

Alles im rechten Winkel: Zur Ausstellung "90º"

Als Gestaltungsprinzip spielt der rechte Winkel für sämtliche künstlerischen Disziplinen seit urdenklichen Zeiten eine fundamentale Rolle. Im zwei- und dreidimensionalen Raum definieren die beiden Schenkel die optische und materielle Stabilität, die Richtung und sie bewähren sich auch als Ordnungsmuster. Für Manfred Egender, Programmverantwortlicher der Galerie allerArt in Bludenz, ist dieses konstruktive Darstellungsmittel weder verbraucht noch unzeitgemäß. Horizontal versus Vertikal seien verlässliche Koordinaten, die sich auch als Gestaltungsprinzip beliebig drehen ließen, betont er. Mit der deutschen Künstlerin Tina Haase sowie den beiden Vorarlberger Kunstschaffenden Gerold Tagwerker und Franz Türtscher hat Egender drei Positionen nach Bludenz geholt, in deren Werk dieses geometrische Maß eine wesentliche Bedeutung hat.

Der 1953 in Dornbirn geborene Künstler Franz Türtscher beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Motiv des Rasters in der Fläche und im linearen System. Seine für die Ausstellung in Bludenz ausgewählte Hauptarbeit besteht aus zehn einzelnen Bildern, die auf einem identen weissen Grundraster aufbauen, in den schwarze, immer wieder ausfransende Quadrate hineingemalt sind. An der einen Stirnwand der Galerie eng aneinander und in zwei Fünferreihen übereinandergehängt, verbinden sich die Werke zu einem durchgängigen Muster, bei dem die bestehenden Abweichungen erst auf den zweiten Blick erkennbar sind. Die immer wieder ausfransenden schwarzen Quadrate verleihen der Struktur etwas Nervöses, was auch einer gewissen abstrakten Abschrift des Lebens entspricht, das ja – mit seinen Ausreißern – grundsätzlich auch gleichförmig verläuft. Wobei dem Raster die Funktion eines Orientierungs- und Ordnungssystem zukommt, während die unregelmäßigen, abweichenden schwarzen Farbspritzer das Weiche, das Unpräzise des Lebens transportieren soll.
Daneben sind von Türtscher kleinformatige, minimalistische und stille Bilder zu sehen, die der Längswand "eine erträgliche Unruhe" (Türtscher) verleihen sollen..

Gerold Tagwerker, geboren 1965 in Feldkirch, hat für Bludenz Arbeiten ausgesucht, die auf die "spatialen Konstruktionen" Alexander Rodtschenkos sowie die geometrischen Rasterbilder Piet Mondrians referenzieren. In seiner neuen Werkreihe der "mondrian.grids#3" etwa hat Tagwerker die frühen geometrischen Kompositionen Mondrians als lineare, rasterhafte Bildteilungen adaptiert und sie in grafischer Form von deren Farbflächen befreit. In Tagwerkers Auslegung erscheinen diese "entleerten" Kompositionen nun als offene Rasterstrukturen in Form von Stahlgittern, die er am Boden auslegt. Zusätzlich zeigt der in Wien lebende und arbeitende Künstler zwei Skulpturen, die als Umformulierungen und Neuinterpretationen Alexander Rodtschenkos "spatialen Konstruktionen" entsprechen. Tagwerker hat dafür Rodtschenkos Formationen rekonstruiert und als vergrößerte Objekte aus Holz, Aluminium oder poliertem Stahlblech als jeweils zweiteilige Skulpturengruppe in verschiedenen Formaten realisiert. Als Objekte unterschiedlicher Materialiät und Größe präsentieren sie sich "wie serielle geometrische Konstrukte mit möbelhafter Assoziation und dinghafter Erscheinung." (Tagwerker)

Die in Köln und München lebende Künstlerin Tina Haase (geb. 1957 in Köln) zählt zu den vielseitigsten Bildhauerinnen ihrer Generation in Deutschland. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind zumeist ganz gewöhnliche und leicht zu übersehende Alltagsdinge. Dabei können organisch wuchernde oder geometrisch-architektonisch konstruierte Werke von verspielter Leichtigkeit jenseits formaler Strenge entstehen. In Bludenz präsentiert sie eine neue Variante ihres monumentalen Werkes "Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen?", das aus unzähligen farbigen Klarsichtfolien, Ordnern, Ablagen oder Sichtmappen besteht, die übereinander und nebeneinander geschichtet sind und eine beeindruckende Konstellation transparenter Farbigkeit behauptet. In Ergänzung respektive in Opposition zu diesem Farbenmeer zeigt Haase mit "Bregenz II" (2010) eine zweite Arbeit, die ähnlich aufgebaut und strukturiert ist, aber durchgängig in unterschiedlichen Grautönen gehalten ist.

90°: Tina Haase, Gerold Tagwerker, Franz Türtscher
Galerie allerArt, 6700 Bludenz, Raiffeisenplatz 1
Verlängert bis 13 Juni
Öffnungszeiten: Mi – So und Feiertag 15.00 bis 18.00 Uhr
www.allerart-bludenz.at

Galerie Allerart
Verein zur Förderung von Kunst und Kultur
Am Raiffeisenplatz 1
A - 6700 Bludenz

T: 0043 (0)664 500 55 36
E: info@allerart-bludenz.at
W: http://www.allerart-bludenz.at

weitere Beiträge zu dieser Adresse



Tina Haase: Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen? (Bild: Allerart)
Tina Haase: Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen? (Bild: Allerart)
Gerold Tagwerker: Mondria Grid #3 (Foto: Allerart)
Gerold Tagwerker: Mondria Grid #3 (Foto: Allerart)
Franz Türtscher: Ohne Titel, 2019 (Bild: Allerart)
Franz Türtscher: Ohne Titel, 2019 (Bild: Allerart)
Arbeiten von Gerold Tagwerker und Franz Türtscher (Bild: Allerart)
Arbeiten von Gerold Tagwerker und Franz Türtscher (Bild: Allerart)
Arbeiten von Tina Haase un Gerold Tagwerker (© Allerart)
Arbeiten von Tina Haase un Gerold Tagwerker (© Allerart)
Wolfgang Maurer, Obmann des Kulturvereins Allerart (rechts) mit Künstler Christoph Luger (links) und Kurator Manfred Egender (Mitte) im Jänner bei der Eröffnung der Ausstellung 'Gwicht Farbe' (Foto: Karlheinz Pichler)