Eine wundervolle Alice im Musiktheater an der Wien

Auf ein faszinierendes musikalisches Abenteuer darf man sich bei Unsuk Chins Oper "Alice in Wonderland" einlassen, und auf eine vielschichtige, bildlich wie klanglich fesselnde Reise in ein surreales Traumland der eigenen Identität, fantasievoll inszeniert von Elisabeth Stöppler und virtuos dargebracht vom ORF Radio-Symphonieorchester.

Die Koreanerin Unsuk Chin kam 1988 als Schülerin von György Ligeti nach Hamburg und gehört zu den bekanntesten Komponistinnen der Gegenwart. Für ihre erste Oper nahm sie „Alice´s Adventures in Wonderland“ (1865) als Vorlage, ein Werk der Weltliteratur von Lewis Carroll. Alice fällt auch im Musiktheater effektvoll in den Schacht eines Kaninchenbaus – wenn auch nicht so endlos seitenlang wie im Roman – und findet sich auf einer Grashügellandschaft wieder. „I AM WHO“ steht auf dem weißen Shirt, das sie dann anzieht, und „Not to know is fine, certainty is a crime” kann eine Antwort sein. Gar nicht wichtig, genau zu wissen wie, was, wer … das ist im Wunderland sowieso hilfreich. Es ist nämlich ein Reich der Sprachspiele und verdrehten Logik: Das Weiße Kaninchen rennt der Zeit hinterher, die es nicht einholen kann, zu spät, zu spät; die Grinsekatze grinst, weil sie eine „Cheshire Cat“ ist; eine Suppe, die keine Schildkröte beinhaltet, wird aus Falschen Suppenschildkröten hergestellt; die Maus versucht, mit einem „trockenen“ Vortrag andere Tiere zu trocknen; und ein Urteil soll vollstreckt werden, noch bevor die Geschworenen beraten haben. „Wenn ich den Garten niemals erreiche, werd ich ihn jemals verlassen?“

Die vielen Figuren, mit denen Alice konfrontiert wird, sind auf zehn reduziert, die mehrere Rollen annehmen. Unsuk Chin und David Henry Hwang haben im Libretto zwar die Verbindungsstücke zwischen den Episoden gestrichen, halten sich jedoch an die Szenen im Buch als abrupt geteilte Einheiten. Zum Beispiel Szene V: „Der Verrückte Hutmacher feiert mit Märzhase und Schlafmaus eine Tee-Party. Seine Rätselfragen stellen sich als sinnlos heraus. Schließlich berichtet er, dass er bei einem Konzert der Herz-Königin in den Verdacht geraten ist, die Zeit totgeschlagen zu haben und seitdem in der Zeitschleife einer ewigen Teestunde feststeckt.“

Eine Schlüsselstelle zu Alice’ eigenem Erleben als Ich in Raum und Zeit ist die Begegnung mit der Raupe. Diese verkörpert sowohl das Prinzip des Wachsens und Schrumpfens, unter dem Alice leidet, als auch das der Metamorphose in ihrer Verwandlung zum Schmetterling. Sie spricht mit Alice über ein hinreißendes, minutenlanges Bassklarinettensolo (Teresa Doblinger arbeitet an der Schnittstelle von Musik und Tanz) im ersten Zwischenspiel „Advice from a Caterpillar“. Der dazu auf den raumbildenden, höhenverstellbaren Ring projizierte Text lädt mit Wörtern die Szene auf. Diese Wortstreifen und überhaupt das poetische Libretto sind wichtig, um auch musikalisch der „Nonsense“-Handlung zu entsprechen. Es geht der Komponistin nicht ums Interpretieren, „mich interessiert vielmehr die leichte und ‚unbewusste‘ Art und Weise, wie Lewis Carroll wesentliche philosophische und existenzielle Fragen behandelt“.

Der häufigste Rat, den Alice von den ihr begegnenden Figuren bekommt, ist: nicht nach dem Sinn zu suchen. Dieses Paradox wird im Regiekonzept so gelöst: „Für mich persönlich war es eine der größten Herausforderungen, dem Ganzen eben keinen eindeutigen Sinn abringen zu wollen, sondern durch die Szene sinnlich anzuregen, zu irritieren, aufzurütteln. Ich glaube, dass das Leben Sinn macht, wenn es gelingt, sich ihm mit allen geistigen und körperlichen Sinnen zu verschreiben und maximal zu stellen. Und dabei sollte man auch das Staunen nicht vergessen!“, erläutert Elisabeth Stöppler.

Das Wunderland im Musiktheater zeigt den offenen, imposanten Bühnenraum. Durch die grasbehügelte Drehscheibe kreisen auch die Zuschauenden um die absurden Erlebnisse von Alice. Nach unten führende Hubpodien und die von hoch oben kommenden Züge werden von Valentin Köhler gekonnt eingesetzt: „Entstanden ist eine Bühne, die einerseits nackt und technisch ist und andererseits eine große Poesie und Kraft hat, dabei aber doch den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Von Anfang an erschien mir Video für diese Oper nicht als das richtige Mittel, weil es dann doch wieder nur als Abbildung und Bebilderung funktioniert. Wir konzentrieren uns auf das, was Theater kann, auf Licht, Maschine, Perspektive und Atmosphäre“.

Buntheit und Fantasie bringen die Kostüme von Su Sigmund in das groteske Spiel. Subtil vermeidet sie platte Tierkostüme: dem Hasen (wunderbar und lebendig, der Countertenor Andrey Watts) werden die Haare auftoupiert; die Maus springt im Superman-Outfit umher (witzig, der niederländische Tenor Marcel Beekman); der Verrückte Hutmacher ist zugleich Ente (sehr präsent, der nordische Bariton Ben McAteer); die dramatische Herz-Königin, die schwungvoll die Krocketschläger schwingt und ein Köpferollen anordnet (Mandy Fredrich, gefeiert auf den großen Weltbühnen) … man möchte, sollte alle würdigen, sie singen hervorragend!

Doch nun zur Hauptrolle, in der die isländische Sopranistin Alfheidur Erla Gudmundsdottir brilliert. Ihre stimmliche Bandbreite reicht von mädchenhaft-zart bis kraftvoll-durchdringend, was Alice´ emotionaler Achterbahnfahrt eindrucksvoll entspricht. Die unglaublich schnellen Wechsel zwischen den Emotionen, von Gesang zu Sprechgesang, die schwindelerregenden Koloraturen meistert die Sängerin, die auch Fotografin und Musikvideo-Produzentin ist, mit Leichtigkeit.

Usuk Chins Musik sei plastisch greifbar und unmittelbar ergreifend, ob avantgardistisch oder im Stilpluralismus kramend, „zum Bersten gefüllt mit Phantasie, Energie, Vitalität und dabei oft witzig, ironisch oder sarkastisch“, bestätigt der musikalische Leiter Stephan Zilias, der am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters mit höchster Präzision alle Extreme der Partitur ausreizt. Im Orchestergraben war aber trotz reduzierter Fassung nicht genug Platz, wohl wegen der ausufernden Palette an Schlagwerk-Instrumenten, deshalb sitzen die Bläser in den Seitenlogen. 

Und lassen wir zum Schluss noch die Komponistin zu Wort kommen: „Träume sind für mich eine Begegnung mit einer anderen Welt, in der ein völlig anderes physikalisches Gesetz herrscht. Manchmal ist ein Traum so komplex, dass, sobald man aufwacht, nur eine vage Erinnerung daran bleibt. Und wenn man versucht, so einen komplexen Traumzustand mit Worten zu beschreiben, entsteht unweigerlich das, was wir ‚Nonsens‘ nennen, da unsere Sprache einer ganz anderen Logik unterworfen ist.“ Wer sich auf dieses faszinierende Abenteuer einzulassen vermag, stimmt in den begeisterten Applaus mit ein. Und so war es bei der Premiere. Die Sängerinnen und Sänger, das Orchester, die Inszenierung und vor allem die Komponistin wurden lautstark gefeiert!

Alice in Wonderland | Unsuk Chin
Oper in acht Szenen 
Libretto von David Henry Hwang und Unsuk Chin 
nach Lewis Carrolls Alice in Wonderland und Through the Looking Glass

Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Elisabeth Stöppler 
Bühne: Valentin Köhler
Kostüm: Su Sigmund
Licht: Elana Siberski
Dramaturgie: Kai Weßler
Alice: Álfheiður Erla Guðmundsdóttir
Weißes Kaninchen / Märzhase / Dachs: Andrew Watts
Maus / Pat/ Haselmaus / Köchin / Unsichtbarer Mann: Marcel Beekman
Herzogin / Eule: Helena Rasker
Grinsekatze: Juliana Zara
Herzkönigin: Mandy Fredrich
Verrückter Hutmacher / Ente: Ben McAteer
Alter Mann I / Junger Adler / Fisch-Lakai / Falsche Suppenschildkröte / Herzbube: Henry Neill
Alter Mann II / Hummer / Frosch-Lakai / Herzkönig: Levente Páll
Dodo / Sieben / Scharfrichter: Damien Pass
ORF Radio-Symphonieorchester
Arnold Schoenberg Chor, Leitung: Erwin Ortner
Gumpoldskirchner Spatzen, Leitung: Katja Kalmar