The Erlkings brechen mit der klassischen Aufführungspraxis des traditionellen Liederabends, lassen den Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ in ungewöhnlichem Sound erklingen und erzählen dazu eine amüsante Geschichte – für ein eingeschworenes Schubertiade-Publikum … das wiederum restlos begeistert ist und sogar eifrig Namen für die Protagonist:innen finden darf.
Pop-Arrangements auf Englisch! Bryan Brenner, Opernsänger, Folksänger, Gitarrist und Komponist hat den Text von Wilhelm Müller frei in englische Lyrik übersetzt, steht wie ein Straßenmusikant auf der Bühne und singt. Wohlgetan, denn die Befreiung vom deutschen Originaltext macht diese Schubert´sche Neuinterpretation mit Gitarre, Cello, Tuba, Schlagzeug und Vibraphon durchaus schlüssig. Und da passt auch die interaktive Vermittlungsarbeit dazu. Brenner lässt das Publikum entscheiden, welchen Namen der Müllerbursch bekommt, nämlich Hans Kaspar, die schöne Müllerin, Eva Maria, und der Jäger wird Hugo genannt, Hubert hätte besser gepasst …
Locker, freudvoll, (etwas zu) ausgiebig erzählt der gebürtige Amerikaner und in Wien lebende Troubadour Bryan Benner die Geschichte des unglücklich verliebten Müllerburschen und seiner unerreichbaren Liebe. Nicht auf Überinterpretation der Bilder setzt er, sondern auf Tatsachen: da hat die Müllerin das Grün halt so gerne und bekommt das Band, an dem seine Laute hang, gleich geschenkt. Dass tatsächlich die Eber im Originaltext vorkommen, die in der Nacht im Kohlgarten einbrechen und herumwühlen, der Jäger diese wirklich abschießt, ergibt die Recherche, aber ist uns eigentlich noch nie so aufgefallen. Gefangen in Deutungen der erotischen Bedrohung durch den Konkurrenten, den existenziellen Nöten und der Todessehnsucht, waren menschlich-unterhaltsame Aspekte auch nicht angebracht.
Als leidenschaftlicher und engagierter Verfechter des Kunstlieds ist Bryan Benner Gründer, Übersetzer, Sänger und Gitarrist von „The Erlkings“. Dieses ungewöhnliche Ensemble feierte bereits an weltweit renommierten Spielstätten Erfolge. Die Band mischt Schuberts Melodien mit Elementen aus Folk, Pop, Jazz und Weltmusik, bleibt jedoch am musikalisch Wesentlichen. Ivan Turkalj, Cello, bewegt sich zwischen verschiedenen Epochen und Stilen, von barocken Verzierungen bis zu zeitgenössischen Experimenten und von Jazz-Mustern bis zu klassischen Streichquartetten. Simon Teurezbacher, Tuba, spielt in Wirtshäusern, in Jazzclubs und auf der großen Orchesterbühne. Thomas Toppler blickt auf eine vielseitige Karriere als Musiker, Schauspieler und Regisseur, doch seine Leidenschaft gilt dem Schlagzeug.
Sehr differenziert und berührend, kundig und respektvoll, mit ausgereiften Arrangements führt das Quartett Schuberts Musik zu einem eigenständigen Klangbild. Da wandert der Müller – zu Applaus verleitenden – kräftigen Tönen los; zart fragt er das Bächlein „liebt sie mich?“; wenn er seine Laute an die Wand hängt, bleibt es bei solo Gitarre; mit dem Jäger stimmt die Tuba ein, das Schlagzeug setzt satirische Akzente; das Cello bekommt die „liebe“ Farbe (grün), aufgeregt klingt es, wenn sie die „böse“ wird; und das Vibraphon kommt zu den leisen, innigen Momenten.
Das Prädikat „Noch nie so gehört“ durfte wohl auch damals bei den Bregenzer Festspielen mit Florian Boesch, der Musicbanda Franui und den Puppen von Nikolaus Habjan (siehe kultur online) vergeben werden; und natürlich vor ein paar Wochen als Julian Prégardien und Kristian Beziudenhout (siehe kultur online) eine außergewöhnliche Interpretation des Liederzyklus boten. Interessant, dass „The Erlkings“ auch schon mit diesem bekannten Tenor zur „Schönen Müllerin“ im TAG in Wien auf der Bühne standen. Noch nie so unterhaltsam und mitreißend gehört, meint auch das Publikum der Schubertiade, und bedankt sich mit tosendem Applaus.
Franz Schubert „Die schöne Müllerin“
Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller
(englische Neudichtung von Bryan Benner)
The Erlkings: Bryan Benner – Bariton, Gitarre; Ivan Turkalj – Violoncello;
Simon Teurezbacher – Tuba; Thomas Toppler – Perkussion