12. Mai 2011 - 2:27 / Archiv / Malerei 

Ausgangspunkt und zugleich Zentrum einer Studienausstellung ist das Gemälde «Lesendes Mädchen» aus der umfangreichen und bedeutenden Gruppe von Werken Jean-Baptiste Camille Corots (Paris 1796 – 1875), die die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» ihr eigen nennt. Dieses herausragende Figurenbild wird in ein Ensemble ausgewählter Schlüsselwerke des französischen Künstlers aus nationalen und internationalen Sammlungen und Museen gestellt.

Sie beleuchten die entscheidenden Wendepunkte in seiner Kreativität als Figurenmaler und erhellen die Verankerung des zentralen Themas der Lektüre in diesem Kontext. So bietet die konzentrierte Ausstellung einen repräsentativen Überblick über diesen spezifischen Schaffenszweig Corots, der eine wichtige Position in seinem hauptsächlich der Landschaftsmalerei gewidmeten OEuvre besetzt. Erstmals nach der bisher einzigen speziell diesem Thema gewidmeten Ausstellung im Pariser Musée du Louvre Anfang der sechziger Jahre stellt nun die Sammlung Oskar Reinhart erneut die Figurenbilder Corots ins Licht der Betrachtung.

Das Ensemble der Gemälde Corots im Römerholz konnte wegen des durch Oskar Reinhart testamentarisch verfügten Ausleihverbotes nicht in die Ausstellung «Corot en Suisse» im Genfer Musée Rath (24.9.2010 – 9.1.2011) integriert werden. Mit der Ausstellung wird nicht zuletzt die Absicht verfolgt, die neuerliche Aufmerksamkeit für Corot in der Schweiz in besonderem Masse auch auf die Werkgruppe dieses Künstlers im Römerholz zu lenken. Daraus entwickelte sich die Idee zur Ausstellung, in deren Mittelpunkt die Figurenbilder stehen, die einen wesentlichen Teil des Corot-Ensembles im Römerholz ausmachen. Zwar wurde in der Genfer Ausstellung die Figurenmalerei Corots bereits mit hervorragenden Beispielen aus Schweizer Sammlungen gewürdigt, doch möchte die Ausstellung im Römerholz diesen Aspekt inhaltlich noch vertiefen. Eine speziell diesem Thema gewidmete Schau fand zuletzt 1962 im Musée du Louvre in Paris statt und trug damals zu einer entscheidenden Aufwertung der Arbeit Corots als Figurenmaler bei, die gleichfalls in der kunstwissenschaftlichen Literatur weiter verfolgt wurde.

Corot hatte sich stets als Landschaftsmaler bezeichnet und trug damit selbst dazu bei, dass die Kritik lange Zeit seine Arbeit als Figurenmaler als blosse Nebenbeschäftigung unterschätzte. Seine der menschlichen Figur gewidmeten Werke titulierte sie als «armoire secrète», als Geheimschrank, der nur für wenige Freunde des Malers zugänglich gewesen sei. Tatsächlich nehmen die Landschaftsbilder den Hauptteil seines Werkes ein, dennoch gibt es genügend Anhaltspunkte für seine ausgeprägte Leidenschaft für die menschliche Figur. Der 1905 erschienene Werkkatalog führt mehr als 300 Figurenbilder auf. Sie fanden schon zu Corots Lebzeiten, ab 1860, Resonanz bei Händlern und Liebhabern. Gleichzeitig begannen auch die Künstler sie für sich zu entdecken und zu sammeln, so unter anderen Edgar Degas.

Wenn für die Ausstellung der Titel «L" Armoire secrète» verwendet wurde, obwohl der Schatz bereits gehoben, dann, weil damit nun erstmals nach der Pariser Ausstellung von 1962 die Sammlung Oskar Reinhart erneut die Figurenbilder Corots der Öffentlichkeit vorstellt. In diesem Titel schwingt zugleich etwas von dem Geheimnisvollen mit, das gerade diese weltabgewandten Geschöpfe tatsächlich umgibt. Corot liess fast ausschliesslich junge weibliche Modelle in seinem Atelier posieren, kleidete sie in fremdländische Kostüme und versah sie mit bedeutungsvollen Attributen wie Bücher oder Musikinstrumente, um so zu einem überhöhten, jedoch noch dem Leben zugewandten Wesen zu gelangen, dessen Innerlichkeit aus dem Gefüge und der Stimmung des gesamten Bildes spricht.

Der Vergleich des zentralen Gemäldes der Ausstellung mit weiteren Darstellungen von Lesenden soll die Bedeutung der Lektüre in der Figurenmalerei Corots hervorheben und zugleich die Ausgereiftheit dieser ganz persönlichen Interpretation der menschlichen Figur, die er in den fünfziger Jahren erreicht hatte, belegen. Die um dieses Zentrum gruppierten Figurenbilder dokumentieren die wichtigsten Traditionen, durch die Corot zu einer höchst selbständigen Formulierung der menschlichen Figur gelangte. Dabei handelt es sich zunächst um Kostümstudien, die Corot während seines ersten Italienaufenthaltes zwischen 1825 und 1828 anfertigte. Ihnen folgt das Porträt, mit dem sich der Maler intensiv nach seiner Rückkehr nach Frankreich beschäftigte. Daran schliesst die historische Figur an, die viele seiner Landschaften bevölkert und hier zunehmend an Gewicht gewinnt, sowie schliesslich der Umgang mit dem Genre des Interieurs, wie es die holländische Malerei des 17. und die französische des 18. Jahrhunderts bereits vorgeführt hatte.

Das Figurenensemble um die Lesenden zeigt zugleich, welche Entwicklung Corot als Figurenmaler von den frühesten Beispielen aus der ersten italienischen Zeit bis zu seinem Lebensende vollzogen hatte. Sie verlief keineswegs linear, sondern weist in der heutigen Betrachtung zahlreiche Brüche auf wie zum Beispiel der 1843 entstandene kühne Akt Marietta (à Rome) belegt. Die drei wichtigsten Stationen auf diesem Weg können in der Ausstellung gezeigt werden: La Femme à la perle (Frau mit Perle), um 1858–1868, welche den Übergang vom Porträt zu c0rots anonymer Figur sowie den Einfluss der italienischen Renaissance veranschaulicht; dann Le Moine au violoncelle (Mönch mit Violoncello), 1874, in dem der Künstler die höchste Stufe der Verinnerlichung seiner aus der Phantasie geschöpften Figur am Ende des Lebens erreicht; und schliesslich La Dame bleue (blaue Dame), 1874, die zwischen der idealisierten weiblichen Figur und der zeitgenössischen modernen Frau vermittelt. La Dame bleue weist mit Marietta (à Rome) am deutlichsten auf den Schritt Corots in die Moderne hin.

Neben diesen Gemälden werden im Graphischen Kabinett zwei bislang unbekannte Beispiele des Figurenthemas aus dem zeichnerischen OEuvre Corots vorgestellt – die ausgestellten Zeichnungen Corots lassen zugleich exemplarisch den Einfluss seines grossen Kollegen Jean-Auguste-Dominique Ingres erkennen. Sein druckgraphisches Werk wurde bewusst nicht berücksichtigt, da das Thema hier eine nur untergeordnete Rolle spielt. Ausserdem werden Gemälde etwa von Achille-Etna Michallon und Léopold Robert gezeigt, die dem Künstler ebenfalls wichtige Anregungen gaben, ergänzt von parallelen Phänomenen aus der Frühzeit der Photographie. Schliesslich werden in diesem Raum anhand von Corots eigenen Skizzenbüchern wichtige ikonographische Quellen aus den Bereichen Mode und Theater belegt.

Zum Verständnis der Figuren tragen nicht zuletzt einzelne Landschaftsbilder des Künstlers bei: Ein Beispiel aus der frühen italienischen Schaffenszeit (Vue prise à Narni (Ansicht bei Narni), 1826/27) etwa zeigt, wie die menschliche Figur bei Corot zunächst primär als Studie für Staffagen gedient hat, um so die pastorale Landschaft zu beleben und ihr Authentizität zu verleihen. Ein anderes Beispiel veranschaulicht die zunehmende Neigung des Malers, seine Figuren in der Landschaft zu isolieren. Dies kann als Voraussetzung für die Autonomie interpretiert werden, die diese in seiner Arbeit als Figurenmaler erlangen.



  •  4. Februar 2011 15. Mai 2011 /
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Jean-Baptiste Camille Corot: La Petite Liseuse oder Jeune bergère assise et lisant, um 1855/61. Öl auf Leinwand, 46,5 x 38,5 cm; Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur. © Bundesamt für Kultur
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Jean-Baptiste Camille Corot: Une liseuse dans la campagne, 1869/70. Öl auf Leinwand, 54.3 x 37.5 cm; The Metropolitan Museum of Art, Geschenk von Louise Senff Cameron, in Gedächtnis an ihren Onkel Charles H. Senff, 1928. © Bundesamt für Kultur