Eindringlich. Verdis Stiffelio am MusikTheater an der Wien

Stiffelio, eine Opernrarität über den inneren Konflikt des Menschen mit seinen unerfüllbaren religiösen Moralvorstellungen, bekommt in der schlüssigen Inszenierung von Vasily Barkhatov emotionale Tiefe und mit der musikalischen Leitung von Jérémie Rhorer dramatische Intensität.

Als „Dramma Lirico“ überschreibt Verdi sein Werk, das zeitnah mit Rigoletto und Luisa Miller (siehe kultur online) entstand. Im Gegensatz zu diesen sehr populär gewordenen, handlungsgeladenen Opern, bleibt es in Stiffelio bei der eindrücklichen Schilderung der Gedankenwelt der Protagonist:innen: Ein protestantischer Sektenführer entdeckt nach Rückkehr von einer Reise, dass ihn seine Frau betrogen hat, doch als Pfarrer, der seine Taten nicht nur als Vorbild für seine Gemeinschaft sondern auch vor Gott rechtfertigen muss, gerät er in einen tiefen Konflikt.

Vasily Barkhatov hat schon bei der Inszenierung von Norma (siehe kultur online) seine feine Klinge bei der Entwicklung von psychologischen Dramen auf der Bühne bewiesen. Bei Stiffelio gelingt dem Regisseur nun eine sinnvolle Transformation des Schauplatzes ins Milieu der Amish. Wichtig war, eine Gemeinschaft im Heute darzustellen, die strenge religiöse Regeln befolgt und sich von der Außenwelt abkapselt. Und es gibt eine Vorgeschichte, auf die sich das Libretto immer wieder bezieht. Barkhatov nimmt die Besonderheit eines Trompetensolos in der überlangen Ouvertüre auf – im Opernorchester in Triest, wo Verdi diese komponierte, spielte damals angeblich ein ausgezeichneter Solotrompeter – und enthüllt filmisch Stiffelios Vergangenheit als gefeierter Jazzmusiker, der vor einem Mafiaboss, dessen Geliebte er verführte, flüchtet und in der Kutsche eines Amish gerettet wird.

Stiffelio – überzeugend, Luciano Ganci, der neben Gesang, Klavier und Orgel auch Stadtplanung studierte – wird also in der Glaubensgemeinschaft aufgenommen und heiratet Lina – Sopranistin Joyce El-Khoury, im Libanon geboren und in Kanada aufgewachsen, bereut glaubwürdig ihren Fehler –, die Tochter seines Retters Stankar – der italienische Bariton Franco Vassallo gibt den um die Ehre der Familie besorgten, doch liebenden Vater. Und wieder eine Verdi´sche Vater-Tochter Dramatik: Stankar beschwört seine Tochter ihre Untreue zu verschweigen, und er ist es auch, der Raffaele – der junge Tenor Luigi Morassi passt wunderbar für den unbedarften Verführer – tötet. Bei Barkhatov spielt der Vater aber noch eine (sehr nachvollziehbare) Rolle beim kindheitstraumatisierenden Abschied von der Mutter, die Lina zu Beginn des zweiten Akts in einer zehnminütigen, ergreifenden Arie – sie gesteht aufrichtig ihre Schuld ein und will nur Vergebung – um Fürsprache bei Gott bittet.

Verdi komponierte für den Chor unendlich schöne Choräle – der Arnold Schoenberg Chor in Klang und Präsenz wieder hervorragend – die sich in den geschickt angelegten, sich laufend ändernden Raumabfolgen des Bühnenbilds – Christian Schmidt sei hier anerkennend genannt – eindrucksvoll entfalten: wenn Stiffelio von seiner Gemeinde gehuldigt wird „A te Stiffelio un canto“; im Finale zum 1. Akt, wenn Stiffelio von Lina den Vitrinenschlüssel einfordert und die Zeit bei kathedralhaftem Klang „Enthüllt dieses Buch ein verhängnisvolles Geheimnis?“ minutenlang stillsteht; und im Finale ultimo, wenn der große Miserere-Gesang ertönt. Gnade und Vergebung, doch Stiffelio, alias Rodolfo Müller, wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Was für ein großer Opernabend!

Stiffelio | Giuseppe Verdi
Dramma lirico in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave

Musikalische Leitung: Jérémie Rhorer
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Christian Schmidt
Stiffelio: Luciano Ganci
Lina: Joyce El-Khoury
Stankar: Franco Vassallo
Jorg: Alessio Cacciamani
Raffaele: Luigi Morassi
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner)