Ein weihevoller Parsifal bei den Wiener Festwochen

Wagners Bühnenweihfestspiel inszenieren Regisseurin Susanne Kennedy und Videokünstler Markus Selg, alle Konventionen herausfordernd, als konsequent radikalen heiligen Akt. Zum intensiven Hörerlebnis tragen Dirigentin Yi-Chen Lin und das RSO das ihre bei. Eine interessante, neue Opern-Erfahrung.

Richard Wagners letzte Komposition, die dreißig Jahre lang für andere Aufführungsorte als Bayreuth gesperrt war, ist sein künstlerisch spirituelles „Weltabschiedswerk“, ein feierliches Ritual. Kennedy und der multidisziplinäre Künstler Markus Selg lassen in ihrer Interpretation daraus eine verfremdete Welt aus archaischer wie futuristischer Ästhetik, religiösen Symbolen und KI-generierten Bildern entstehen. „Parsifal ist ein Albtraum, in dem sich die unterschiedlichsten Welten ineinander drängen“, reflektiert die deutsche Theaterregisseurin, die Wahrnehmung wird dabei ständig auf die Probe gestellt. Dies provoziert schon das vollflächig mit Projektionen überlagerte Bühnenbild auf drei virtuellen Ebenen – einem Portal, dem als Wald und Zaubergarten assoziierten Handlungsort sowie eine Höhle, die der Protagonist nie verlässt.

Dennoch ist es ein Standbild. Die Darsteller:innen wirken seltsam distanziert und unheimlich, als würden sie von fremden Kräften kaum bewegt. Parsifal (Russell Thomas), ein „reiner Tor, durch Mitleid wissend“, sitzt meditierend auf einem Stein und versteht nicht, was vor sich geht, kennt nicht einmal seinen Namen, er wird Zeuge der Gralszeremonie. Es bedarf einiger Konzentration auf den recht abstrakten Text des Parsifal-Mythos, um auszumachen, welcher Akteur gerade singt: Gurnemanz (Albert Dohmen), die moralische Instanz, der weiß, dass die Wunde des Amfortas (Kartal Karagedik) nur mit dem Speer geheilt werden kann, der diese zugefügt hat, oder einer der Gralsritter. Unter elenden Schmerzen enthüllt der König dann doch den Kelch mit dem Blut Christi. Die Musik ist wunderbar, doch es kommt zu Ermüdungserscheinungen bei der Zuseherin, und auch Gurnemanz scheint eingenickt zu sein …

Nach der Pause, im magischen Schloss Klingsors (Werner Van Mechelen). Ein virtueller Parsifal in Meditationspose schwebt in seiner Höhle. Kundry (Dshamilija Kaiser), im Bann des Zauberers stehend, soll Parsifal verführen. Sie ruft ihn bei seinem Namen und berichtet von seiner Mutter Herzeleid. Bei einem langen Kuss erkennt Parsifal plötzlich seine Bestimmung und wird „welthellsichtig“. Viele Jahre (und vier Stunden) später kehrt Parsifal mit dem heiligen Speer in den Wald der Gralsritter zurück und heilt die Wunde des Königs, die in der Reflexion von Susanne Kennedy die Wunde seiner Zeit und seines Landes sei. „Und auch unsere Wunde schließt sich nicht, heilt nicht. Und die Entzündung wird zum chronischen Zustand. Unsere hyperaktiven Immunsysteme schlagen Daueralarm in dieser, unserer neuen alten Welt.“

Mühe- oder doch weihevoll …? Denkt man an Kirill Serebrennikovs grenzenlos respektlosen Staatsopern-Parsifal zurück (siehe kultur online), war in diesem Fall die Anstrengung wohl doch die Experience wert. Jubel für die Sängerinnen, Sänger, den Arnold Schoenberg Chor, für die Dirigentin und das Radio-Symphonieorchester Wien! 

Parsifal | Richard Wagner
Musikalische Leitung: Yi-Chen Lin
Regie: Susanne Kennedy
Bühne, Video: Markus Selg
Kostüm: Andra Dumitrascu
Koproduktion: Opera Ballet Vlaanderen

Parsifal: Russell Thomas
Kundry: Dshamilja Kaiser
Gurnemanz: Albert Dohmen
Amfortas: Kartal Karagedik
Klingsor: Werner Van Mechelen
Titurel: Kurt Rydl
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Arnold Schoenberg Chor, Leitung: Erwin Ortner
Gumpoldskirchner Spatzen