Ein Ferngespräch – Szenen aus der Weimarer Republik

Die Künstlerin Käte Hoch zeigt ihren Freund Erich Müller-Kamp telefonierend am Schreibtisch. Kurt Tucholsky rät, ein Ferngespräch möglichst deutlich und dialektfrei zu führen, da die Überwachungsbeamten dem Dialog sonst nicht folgen können. Hoch malt sich selbst in den Farben der Suffragetten und mit Bubikopf. Auch junge Angestellte schneiden sich die Haare kurz. Sie tippen schnell, rauchen Kette und gehen abends ins Kino oder Tanzlokal. Sie lieben Charleston und Shimmy, hören Schmachtfetzen, Swing und Jazz.

Irmgard Keuns „Kunstseidenes Mädchen” träumt von schmalen Silhouetten und Schuhen mit Eidechsenkappen. Ré Soupault entwickelt ein Transformationskleid, das sich direkt vom Büro in einen Abendlook verwandeln lässt. Im Varieté werden Geschlechterrollen durchlässig und Monokel senden Signale. Bordelle bieten einen etablierten Rahmen für Sexarbeit.

Die Wirtschaft blüht, oft auf Pump. Teile der Bevölkerung verarmen jedoch nicht nur während der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise. Kriegsversehrte, Arbeiterinnen, Arbeitslose und Veilchenverkäufer:innen prägen die Straßen und konterkarieren die Goldenen Zwanziger.

Oskar Maria Graf verteilt mit einer Arbeitsgruppe antifaschistische Flugblätter. In Schwabing treffen sich Feminist:innen, das Münchner Antikriegs-Komitee und eine Ortsgruppe der revolutionären Künstler:innen-Vereinigung ASSO basteln an einer Zeitschrift. George Grosz karikiert den Aufstieg der Nationalsozialisten und den Hitlergruß. Das neue Theater von Helene Weigel und Bertolt Brecht sehnt sich nach der Wucht des Boxens und versucht sich an Dialogen, die wie Kinnhaken sitzen. 1923 wird die erste staatlich kontrollierte Rundfunksendung in Deutschland ausgestrahlt – Max Radler malt einen Fabrikarbeiter beim Radiohören. Im Jahr 1930 macht Tim Gidal im Deutschen Museum ein Foto von einer der ersten Fernsehübertragungen.

Die Ausstellung konzentriert sich auf konkrete Geschichten und greifbare Details statt auf große Thesen zur Weimarer Zeit. So soll zu den verschütteten Möglichkeiten der Weimarer Republik ein Kontakt hergestellt werden – ein Ferngespräch.

Zu sehen sind 88 Werke von Käte Hoch, Heinrich Hoerle, Karl Hubbuch, Lotte Jacobi, Grethe Jürgens, Jeanne Mammen, Gabriele Münter, Christian Schad, August Sander, Rudolf Schlichter und vielen anderen sowie Filmausschnitte, Hörstücke, Musik und Bücher.

Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik
bis 27. September 2026
Kuratiert von Karin Althaus, Adrian Djukić und Matthias Mühling