verfasst von Martina Pfeifer Steiner / 29. April 2020 - 11:49 / PS: Architektur

Schauen und staunen: Alle konventionellen Wohnvorstellungen vergessen lässt eine Raumstruktur, die Architekt Thomas Mennel für seine Familie in ein traditionelles Bregenzerwälder Hinterhaus in Schwarzenberg gestellt hat. Die Scheunenkubatur bleibt als Wetterfassade erhalten, recycelte Einfachverglasungen reißen die Hülle großflächig auf und bringen Licht in die Tiefe. Fliegenden Teppichen gleich verschränken sich die differenzierten Wohnebenen und sind völlig freigestellt. Es gibt eine einzige Ziegelwand zum Vorderhaus, ansonsten nichts als Glas und Plateaus aus massivem Holz. Die zart dimensionierten Stahlsäulen sind statisch durchkomponiert, als Pendelstützen angeordnet, nie in einer Ecke, nie parallel zu vertikalen Linien, immer Bezüge zum Fachwerk der Scheune suchend.

Das Gesamte wird zu einer künstlerischen Abstrahierung der alten Strukturen, die Säulen verlieren sich im Blickfeld. Die hüllende Holzbalken-Konstruktion wird von den Wohnebenen nicht berührt, die gestaffelten Raumabfolgen lassen über Glasstreifen auch zwischen den Levels die Sonne durchscheinen – und den blauen Himmel, vom Dach bis hinab in den letzten Winkel der Bibliothek. Es gibt keine Fenster, sondern nur interessante Ausschnitte aus ungewohnten Perspektiven.

Über die Stalltreppe gelangt man auf eine Art Vorplatz innerhalb der Hauskubatur und steht nach der doppelflügeligen Glas-Eingangstür direkt am Esstisch an. Die bemerkenswerte Küche mit großgemusterten Zementfliesen bildet das Gegenüber zur Aufschließung der weiteren Ebenen. Noch ein Gestaltungselement sind Vorhänge, die sich durchs Haus schlängeln. Wieder gibt es keine Berührung mit Ecken oder Glaswänden. Wie in einem Labyrinth kann zoniert, Intimität oder Öffentlichkeit geschaffen werden. Eine ähnliche Funktion haben die großen Holzlamellen-Schiebeläden außen. Und die Scheunentore zeigen mit großer Geste an, ob die Familie zu Hause ist.

Leicht, verspielt, frei- und offenlassend sind Worte, die in überschwänglicher Begeisterung für diese Architektur gefunden werden könnten. "Die Funktionalität gilt es erst in der Nutzung zu etablieren. Die Belegung der Räume im Plan ist nur als Möglichkeitsform gemäß den Schemen baubehördlicher Konventionen abgehandelt", meint der Architekt. Auch irgendwie inspirierend.

Bauwerk: Scheunenausbau Hinterhaus Hof 6 in Schwarzenberg, Bregenzerwald, von Architekt und Bauherrn Thomas Mennel.
Weitere Infos: Nextroom



Recycelte Glasschuppen bringen Licht in die Kubatur der Scheune (© Roswitha Schneider)
Recycelte Glasschuppen bringen Licht in die Kubatur der Scheune (© Roswitha Schneider)
Wer eintritt, kann sich gleich an den langen Esstisch setzen (© Roswitha Schneider)
Wer eintritt, kann sich gleich an den langen Esstisch setzen (© Roswitha Schneider)
Raumverschränkungen machen die kleine Bibliothek großzügig (© Roswitha Schneider)
Raumverschränkungen machen die kleine Bibliothek großzügig (© Roswitha Schneider)
Losgelöst und auf einem abstrakten Säulenwald schweben die Wohnebenen (© Roswitha Schneider)
Losgelöst und auf einem abstrakten Säulenwald schweben die Wohnebenen (© Roswitha Schneider)
Küche, die Stufen zu den weiteren Plateaus und Durchblick bis zum Elternbereich (© Roswitha Schneider)
Küche, die Stufen zu den weiteren Plateaus und Durchblick bis zum Elternbereich (© Roswitha Schneider)