17. Februar 2011 - 4:00 / Walter Gasperi / DVD Tipp
logo dvdtipp

Luis Bunuels und Salvador Dalis ersten – und einzigen - gemeinsamen Filmprojekte gelten als die Hauptwerke des surrealistischen Films. Auch 80 Jahre nach ihrer Entstehung haben sie nur wenig von ihrer explosiven Kraft verloren. Während "Ein andalusischer Hund" ein assoziativer Fluss teils provokativer, letztlich nicht zu entschlüsselnder Bilder ist, ist "Das goldene Zeitalter" eine unerbittliche und gleichzeitig phantasievolle Abrechnung mit Bürgertum, Kirche und Militär. Pierrot le Fou hat diese bahnbrechenden Meisterwerke der Filmgeschichte auf DVD herausgebracht.

Der Beginn des 1928 entstandenen "Ein andalusischer Hund" gehört immer noch zu den berühmtesten Szenen der Filmgeschichte, in seiner Bekanntheit nur vergleichbar mit der Treppenszene in Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" oder dem Match-Cut in Kubricks "2001". Wer einmal gesehen hat, wie hier ein Mann sein Rasiermesser schärft, es vor den nächtlichen Himmel hält, an dem eine Wolke vor dem Halbmond vorüberzieht, und dann einer vor im sitzenden Frau durch das Auge schneidet, wird diese Szene nie vergessen.

Und dabei hat das vorangehende Insert "Es war einmal..." doch ein romantisches Märchen erwarten lassen. Doch diesem nur 15-minütigen Film, der auf zwei Träumen von Bunuel und Dali aufbauen soll, ist nie zu trauen. Ständig düpiert er Erwartungen, zertrümmert jedes zeitliche und räumliche Kontinuum. Denn bald folgt ein Insert "Acht Jahre später", dann "Gegen drei Uhr morgens", bald "Vor 16 Jahren" und schließlich "Im Frühling". Dieser Zerstörung der zeitlichen Struktur entspricht auf der räumlichen Ebene, dass ein Mann in einem Zimmer erschossen wird, dann aber in einem Park tot zusammenbricht, dass sich ein Paar stets in einer Wohnung aufhält, sich am Ende aber in Sanddünen am Meer eingegraben findet.

Das Begehren kann man vielleicht als durchgängiges Motiv erkennen, denn immer wieder macht sich da ein Mann an eine Frau heran. Zurückgehalten wird er aber von einer Last aus Melonen, zwei Priestern und zwei Eselskadavern, die auf zwei Flügeln liegen. Mal blickt die Frau auf seine Hand, aus der Ameisen heraustreten, mal sieht sie seinen Mund durch Schamhaare verschlossen.

Den erwarteten Skandal, den dieser Film aufgrund des fehlenden konkreten gesellschaftlichen Bezugs nicht auslöste, provozierte dann eineinhalb Jahre später "Das goldene Zeitalter", bei dem Salvador Dali und Luis Bunuel nur das Drehbuch gemeinsam schrieben, Regie aber Bunuel allein führte. Sechs Tage lang lief "Das goldene Zeitalter" ungestört im Pariser Kino "Studio 28" vor ausverkauftem Haus. Doch dann überfielen faschistische Jugendliche, angestachelt von der rechten Presse, das Kino, warfen Bomben gegen die Leinwand, demolierten Stühle und zerstörten die ausgestellten surrealistischen Bilder. Ein Verbot war die Folge, das erst 51 (!) Jahre später (1981) aufgehoben wurde.

Durch quasidokumentarische Einschübe wie Bilder von Skorpionen am Beginn, von der Weltstadt Rom und dem Vatikan sowie einer Demonstration mögen auch hier den Handlungsfluss stören, und dennoch lässt sich die Geschichte einer freien und leidenschaftlichen Liebe, die durch gesellschaftliche Normen und Zwänge be- oder verhindert wird, erkennen.

So steht das Individuum und sein Begehren im Kontrast zu einer Gesellschaft, mit der Bunuel unmissverständlich abrechnet: Insignien der Kirche wie eine Monstranz werden in den Rinnstein gestellt, ein Bischof wird aus dem Fenster geworfen, die Skelette von geistlichen Würdenträgern, die immer noch mit prächtigem Ornat bekleidet sind, werden von bürgerlichen Honoratioren an einem Felsstrand gefunden, und bei einer vornehmen Abendgesellschaft fährt ein Fuhrwerk mit betrunkenen Bauern mitten durch den Festsaal.

Gleichgültig verhält sich die Festgesellschaft angesichts eines Brandes in der Küche, dem ein Dienstmädchen zum Opfer fällt, ein Liebespaar zieht sich an ein ruhiges Plätzchen im Garten zurück, wird aber immer wieder gestört.- Und abrupt kommt es zur Schlusswendung, in der Bunuel "Die 120 Tage von Sodom" des Marquis de Sade zitiert: Nach wilder Orgie lässt er vier Männer ein Schloss verlassen, wobei der letzte und grausamste die Gesichtszüge von Christus trägt.

Immer noch zum Provokativsten, was das Kino zu bieten hat, gehören diese 60 Minuten, aber auch zum Befreitesten und Wildesten. Bis heute kann sich wenig mit der Sprengkraft dieses Films messen und längst überfällig war diese DVD-Veröffentlichung. In keiner Sammlung sollten deshalb diese beiden herausragenden Meisterwerke der Filmkunst fehlen.

Als Bonus bietet die von Pierrot Le Fou herausgegebene DVD eine gut 90-minütige Dokumentation, in der mit zahlreichen Interviews, Filmausschnitten und Zitaten aus Bunuels Autobiographie "Mein letzter Seufzer" das Leben des großen spanischen Regisseurs nach gezeichnet wird. Bedauerlich ist hier nur, dass Namensinserts zu den Interviewten sowie Inserts zu den Filmtiteln fehlen. Dazu gibt es auch ein Booklet, ebenfalls mit Auszügen aus "Mein letzter Seufzer", die sich speziell auf die Entstehungsgeschichte von "Ein andalusischer Hund" und "Der goldene Zeitalter" beziehen.



14829-14829andalusischerhundgoldeneszeitaltercover.jpg
14829-14829andalusischerhundaugefoto.jpg
14829-14829andalusischerhundhandfoto.jpg
14829-14829goldeneszeitalterfoto.jpg
14829-14829goldeneszeitalterfoto2.jpg