17. September 2009 - 5:00 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Mehrfach hat Pier Paolo Pasolini Klassiker der Weltliteratur verfilmt, Chaucers "Canterbury Tales" ebenso wie Boccaccios "Decamerone" und mit "Medea" und einer im Projektstadium stecken gebliebenen "Orestie" sowie "Edipo Re" drei große griechische Tragödien. – Der unbestritten beste dieser Filme ist die "Ödipus"-Adaption, die die filmgalerie451 in einer restaurierten Fassung auf DVD präsentiert.

Das Aktuelle der antiken Mythen wollte Pasolini immer herausstreichen. In seiner "Medea" (1969) übte er Kritik am westlichen Kolonialismus, die "Orestie" wollte er ins Afrika von heute verlegen und im 1967 gedrehten "Edipo Re" schaffte der den Gegenwartsbezug durch einen von der eigentlichen Handlung abgehobenen Prolog und Epilog. Autobiographischen Charakter haben diese im Bologna der 1920er beziehungsweise 1960er Jahre situierten fast wortlosen Sequenzen. Abweichend von Freud zeigt Pasolini dabei im Prolog den Ödipus-Komplex als Eifersucht des Vaters auf den neugeborenen Sohn und signalisiert im Epilog die Überwindung des Mythos durch den blinden, aber seine Lebensgeschichte durchschauenden Ödipus, der von seinem Führer an einer Kirche vorbei zu einer Fabrik geführt wird.

Zwischen diesen beiden jeweils rund fünf Minuten langen Szenen - und damit im Zentrum des Films - steht aber die klassische Geschichte von der Aussetzung des kleinen Ödipus, seiner Adoption durch den König von Korinth, die Reise nach Delphi mit der Befragung des Orakels nach seinem Schicksal und der Prophezeiung, dass er seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten werde, sowie die unausweichliche Erfüllung des Orakelspruchs und die langsame Erkenntnis der Wahrheit.

Fast dialoglos schildert Pasolini mit bizarren Gewändern und irritierender Musik eine fremde, in Ockerfarben getauchte wüstenhafte Welt. In flirrendem Sonnenlicht spielen diese in Marokko gedrehten faszinierenden Szenen, doch obwohl es taghell ist, kann der sehende Ödipus die Wahrheit nicht erkennen.

Konventioneller und dialoglastiger wird „Edipo Re“ von dem Zeitpunkt an, von dem Ödipus das Schicksal erfüllt hat und, um Theben von der Pest zu befreien, ohne es zu wissen mit der Wahrheitssuche gegen sich selbst zu ermitteln beginnt. Nur dieser dritte Teil des Films, der wie die Tätersuche in einem Krimi funktioniert, geht auf das antike Stück von Sophokles zurück.

Die DVD besticht durch ihre Bildqualität, begrüßenswert ist auch die Ergänzung der italienischen Originalfassung (mit deutschen Untertiteln) durch die sechs Minuten kürzere deutsche Kinofassung, spärlich sind dagegen mit Trailer und Fotogalerie die weiteren Extras.



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Edipo Re - König Ödipus
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