Durchwachsen. La Clemenza di Tito an der Wiener Staatsoper

Mozart wollte ‚Clemenza di Tito‘ „zu einer wahren Oper reduzieren“ und in der Wiener Staatsoper versucht der musikalische Leiter Pablo Heras-Casado das Spätwerk entsprechend schlank und emotional in die Tiefe gehend darzubieten. Die Inszenierung von Jan Lauwers folgt zwar im großen Bild auch dieser Haltung, konterkariert dieses jedoch mit nicht schlüssigen Tanzeinlagen.

An sich ein guter Ansatz, zur Ouvertüre die Vorgeschichte in eine tänzerische Szene zu verpacken und Tito mit seiner großen Liebe Berenice auftreten zu lassen. Doch völlig irritierend wird es dann, wenn die Geliebte (vom Volk?) malträtiert und annähernd vergewaltigt wird, denn in der Geschichte entsagt Tito edel seiner Liebe, weil eine Jüdin nicht Kaiserin werden kann. Am Ende ist die Zuseherin so abgelenkt, dass sie eigentlich dieses erste Stück überhört hat.

Der Regisseur – Lauwers ist Mitbegründer des Künstlerkollektivs Needcompany – hat nicht nur die Choreografie, sondern auch das Bühnenbild zu verantworten. Ein geneigtes, bühnenfüllendes Podest ist umrahmt mit einem höhenverstellbaren raumbildenden Element, das sich als Projektionsfläche gut eignet: in kräftigen Farben, für heftige Kriegs-Videoprojektionen und im zweiten Teil für Aquarelle, die Lauwers selbst nach zerstörten Landschaften der Ukraine gemalt hat.

Tito – der junge südafrikanische Tenor Katleho Mokhoabane konnte es selbst kaum fassen, dass er direkt aus dem Opernstudio kommend für diese Rolle gefragt wurde – ist also auf der Suche nach einer römischen Patrizierin, die er zur Gattin nehmen kann. Vitellia – die international gefragte Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller – fühlt sich als Tochter des gestürzten Kaisers übergangen und sinnt hasserfüllt auf Rache. Sie überredet den verliebten Sesto – die von der New York Times hochgelobte kanadische Mezzosopranistin Emily D´Angelo – ein Attentat auf den Kaiser zu wagen. Als sich herausstellt, dass die vorgesehene Braut Servilia eigentlich Annio liebt – Florina Ilie und Cecilia Molinari glänzen im wunderbaren Liebesduett „Ah perdona al primo affetto“ –, verzichtet Tito neuerdings und will Vitellia freien. Doch das Kapitol steht schon in Flammen.

Im zweiten Akt wird aufgeklärt: Tito – wieso sitzt er im Rollstuhl? – ist am Leben, sein bester Freund Sesto wird überführt – und von den Tänzern endlos lang und fürchterlich misshandelt (ist angebracht, die Sängerin zu doubeln!). Es folgt der ruhige Teil mit den langen Arien: wenn Sesto seine Schuld bekennt; Servilia und Annio um Milde bitten; Tito abwägt, ob er das Todesurteil unterschreiben soll; Vitellia Angst und Reue zeigt. All diese Charaktere im Kampf mit ihren Emotionen werden in Mozarts Musik so eindrücklich dargestellt – da wird die Garnierung mit bizarren Tanzszenen des Guten zu viel. Und es stört, dass die Tänzerin, die mit ihren wehenden Haaren als Berenice konnotiert ist, sich noch immer beteiligt. Dann schleicht der Chor wieder auf die Bühne und formiert sich in skurrilen Bewegungen auf den jeweiligen Einsatzpunkten. Es scheint die Konzentration sowie der gewohnt souveräne Chorklang etwas darunter zu leiden.

In ‚Clemenza di Tito‘ geht es nicht um Gut und Böse, es sind alles nur Menschen. „Mozart zeichnet diese psychologischen Wandlungen durch die Tonalität, die Orchestrierung und Dichte der Textur nach“, meint der Dirigent Pablo Heras-Casado, und das Besondere an dieser Oper sei „diese Balance zwischen zeremonieller Größe und fast kammermusikalischer Intimität“. Das haben Sängerinnen und Sänger sowie das Wiener Staatsopernorchester jedenfalls sehr gut erfüllt.

La Clemenza di Tito | Wolfgang Amadeus Mozart
Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado
Inszenierung, Choreografie und Bühne: Jan Lauwers
Kostüme: Lot Lemm
Dramaturgie: Elke Janssens
Licht: Ken Hioco

Tito: Katleho Mokhoabane
Sesto: Emily D'Angelo
Vitellia: Hanna-Elisabeth Müller
Servilia: Florina Ilie
Annio: Cecilia Molinari
Publio: Matheus França
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper