Der Expressionismus gilt als die wichtigste Erneuerungsbewegung des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Künstler:innen, die man heute unter dem Begriff zusammenfasst, lehnten sich zu Beginn des Jahrhunderts gegen beengende gesellschaftliche Strukturen, die voranschreitende Industrialisierung und die akademische Kunst auf.
Für die Umsetzung ihrer Vorstellung von einer subjektiven, ausdrucksstarken Kunst fanden sie in den materiellen und technischen Eigenschaften der Druckgrafik ideale Bedingungen. Vereinfachte Formen, starke Linien und flächige Farbfelder wurden zum Ausdruck ihres neuen Kunstverständnisses und zum Mittel des Aufbegehrens gegen etablierte künstlerische Normen.
Die Sammlung Selinka des Kunstmuseums Ravensburg umfasst zahlreiche wichtige expressionistische Druckgrafiken. Ausgehend von diesem Sammlungsbestand beleuchtet die Ausstellung anhand von 42 Werken die Bedeutung der Grafik für diese prägende avantgardistische Strömung sowie die verschiedenen Drucktechniken. Holzschnitte, Radierungen und Lithografien laden dazu ein, in die Kunst- und Kulturrevolte des Expressionismus einzutauchen.
Für die damals vorwiegend jungen Künstler:innen stand nicht die naturgetreue Abbildung des Gesehenen im Vordergrund, sondern die unmittelbare Wiedergabe subjektiver Empfindungen. Eine reduzierte Formensprache und kräftige Farbfelder steigerten den Ausdruckswert ihrer Werke. Die Druckgrafik eignete sich besonders für die Umsetzung dieser neuen Bildsprache, da sie eine Vereinfachung der Form und den flächigen Einsatz von Farbe erzwingt. Viele der Künstler:innen arbeiteten zeitlebens mit Druckgrafik und entwickelten kontinuierlich neue Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb dieses Mediums, das sie als experimentelles Verfahren schätzten.
Der Expressionismus gehört zu den künstlerischen Bewegungen, die die Druckgrafik in Europa zu einer der Malerei gleichrangigen Kategorie ausbildeten. Lange wurden druckgrafische Techniken vorwiegend für reproduktive Zwecke verwendet; ihnen haftete der Ruf einer handwerklichen Tätigkeit an. Gerade dieser Bezug zum vorindustriellen, auch außereuropäischen Kunsthandwerk weckte das Interesse der Expressionist:innen, die darin eine verlorengegangene „Ursprünglichkeit” künstlerischen Ausdrucks sahen.
Insbesondere der Holzschnitt ist wie kaum eine andere Kunstform mit dem Expressionismus verbunden. Angeregt durch verschiedene Ausdrucksformen wie den Jugendstil, japanische Holzschnitte sowie frühneuzeitliche und außereuropäische Kunst, ließen vor allem die Mitglieder der Künstlergruppe „Brücke“ das Medium aufleben. Schon die Wahl des natürlich gewachsenen Materials war revolutionär. Wie das Werk „Mädchen vor dem Spiegel“ (1914) und der Druckstock von Karl Schmidt-Rottluff zeigen, wurden Maserungen, Astlöcher und Unebenheiten nicht entfernt, sondern bewusst in die Gestaltung einbezogen. Die Künstler:innen schätzten den Widerstand des Materials, der zu einer radikalen Vereinfachung und zur prägenden Bildsprache des Expressionismus führte. Werke wie das eindrückliche „Männerbildnis“ (1919) von Erich Heckel oder die bedrohliche „Russische Landschaft mit Sonne“ (1919) von Karl Schmidt-Rottluff offenbaren die Ausdruckskraft, die in der Reduktion der Formensprache liegt.
Under Pressure
Druckgrafik des Expressionismus
Bis 2. November 2025 (2. OG)