3. Februar 2010 - 2:21 / Ausstellung 
5. Dezember 2009 7. Februar 2010

Susanne M. Winterling arbeitet vorrangig mit Film, Collage und Fotografie. Die unterschiedlichen Medien führt sie in individuell für den jeweiligen Ausstellungskontext entwickelten Installationen zu einem Ganzen zusammen. Ihre Arbeiten stellen dabei ein System aus konkreten Bezügen her, ohne dass das Ergebnis eine eindeutige Geschichte erzählt oder einen klaren Narrationsfaden verfolgt. Bedeutung bildet sich eher in zarten Referenzgeweben heraus, Erzählung verflüchtigt und verzweigt sich.

Literatur, Musik, Kunst-, Architektur- und besonders Filmgeschichte werden bei Winterling ebenso zum künstlerischen Material wie Alltagsgegenstände, die sie inszeniert. Das kann eine aus der ehemaligen Familienmanufaktur stammende Porzellantasse sein oder eine im Licht changierende Vogelfeder, der Funkenflug einer Wunderkerze oder eine am Ausstellungsort vorgefundene, historische Inschrift. Diese Elemente aus Kulturgeschichte und Alltag umgeben und prägen jeden von uns. Damit bestimmen sie die Ausformung sowohl von Identität und Individualität als auch von allgemein gesellschaftlichen Realitäten. Wenn Winterling also Alltagsgegenstände, Film-, Literatur- oder Geschichtsreferenzen in ihren Arbeiten nutzt, erzählt ihre Auswahl zum einen etwas über ihre persönlichen Vorlieben. Auf der anderen Seite bezieht sie sich damit auf Material, das auch von anderen (bewusst oder unbewusst) gekannt wird und somit von den Betrachter/innen mit eigenen Vorstellungen gefüllt werden kann, ohne dass diese die damit verbundenen Fakten bis ins Detail kennen müssten.

Die Bezüge aus unterschiedlichen Bereichen verknüpft Winterling mit sensiblem Gespür für die Atmosphären und Geschichten der vorgefundenen Ausstellungsräume zu poetisch aufgeladenen Anordnungen. Im Falle der Ausstellung "...dreaming is nursed in darkness" in der GAK bilden die Inschrift eines Stifterwappens am Gebäude der Weserburg, die ursprüngliche Bedeutung des Teerhofes als Ort für die mit dem Schiffsbau verbundenen Teerarbeiten im 15. Jahrhundert, ein Zitat des französischen Existentialisten Jean Genet oder die Explosion eines ebenfalls am Teerhof gelegenen Pulverturmes im 18. Jahrhundert den Ausgangspunkt für vielfältige, eigens für diese Gelegenheit entwickelte Arbeiten.

So gibt etwa ein 16mm-Film eine brennende Wunderkerze in Nahaufnahme wieder, deren Funkenflug sich mit der historischen Begebenheit der Zerstörung des "Braut" genannten, ehemaligen Pulverturmes am Teerhof verknüpft und auf die auch zerstörerischen Vorgängen wie Feuer und Explosion innewohnende Schönheit verweist. Verschiedene Skulpturen aus Teer und Federn sowie ein weiterer 16mm-Film, der farblich changierende Federn in ihrer tänzerischen Bewegung in einem dunklen Raum zeigt, rekurriert auf die Namen gebende Historie des Teerhofes.

Ebenso aber spielt er auf das im Mittelalter gebräuchliche "Teeren und Federn" als Straf- und Foltermaßnahme an. Auch hier steht die ästhetische Schönheit der Motive in eigentümlichem Widerspruch zu den Vorstellungsbildern, die ihre Geschichte hervorzurufen im Stande sind. Das solche Vorstellungen unterstützende und mit dem Teermaterial verbundene Schwarz zieht sich prägend durch die Erscheinung der gesamten Ausstellung – in Rahmen, Filmhintergründen oder den glänzenden Stoffbahnen, die den lang gestreckten Raum der GAK betonen und somit den vor der Tür liegenden Weserburgtunnel doppeln.

Ein weiteres Element der Präsentation bildet ein modifizierter Abguss der über dem Tunneleingang der Weserburg angebrachten Wappeninschrift. Er verändert die ursprüngliche Formulierung vom "männlichen festen Wollen" in ein "weibliches festes Wollen" und weist damit einmal auf die Absurdität hin, die solchen geschlechtermäßigen Zuschreibungen von Charaktereigenschaften zugrunde liegt. Zum anderen verdeutlicht er die Verbreitung von anachronistischen, männlichen und weiblichen Konnotationen, die sich bis heute durch unsere Sprache ziehen und die Frage nach gesellschaftlichen Machtstrukturen stellen. Das historische Wappen wird von einem Zitat des Existentialisten Jean Genet konterkariert, das nicht nur der Ausstellung in der GAK den Titel gibt, sondern sich auch als Inschrift in der Präsentation wieder findet ("A man must dream a long time in order to act with grandeur, and dreaming is nursed in darkness").

Auf diese Weise fungiert der Ausstellungstitel ebenso als Bindeglied zwischen den einzelnen Elementen der Präsentation wie die zahlreichen spiegelnden Oberflächen, die sich in ihr finden – in dem Gedanken, dass sich Träume nicht nur aus dem Licht und dem Positiven speisen, sondern ebenso aus der Dunkelheit erwachsen können, sich Größe ("grandeur") nur entwickelt, wo die Auseinandersetzung auch mit den gewaltsamen Aspekten der Dinge zugelassen und der Schönheit ihre dunkle Seite zugestanden wird.

Susanne M. Winterling (geb. 1970) lebt in Berlin. Nach Teilnahmen an internationalen Gruppenausstellungen wie der Berlin Biennale 2008, am Museum für Gegenwartskunst Basel oder an der Kunsthalle Malmö sowie Solopräsentationen in Wien, St. Louis und Tokio ist die Präsentation in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Badischen Kunstverein Karlsruhe.

...dreaming is nursed in darkness
5. Dezember 2009 bis 7. Februar 2010

Gesellschaft für Aktuelle Kunst
Teerhof 21
D - 28199 Bremen

T: 0049 (0)421 50 08 97
F: 0049 (0)421 59 33 37
E: office@gak-bremen.de
W: http://www.gak-bremen.de/

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Susanne M. Winterling; endless wonder, 2009. Copyright: Susanne M. Winterling
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Susanne M. Winterling; celluloid reflection, 2009. Copyright: Susanne M. Winterling
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Susanne M. Winterling; feather eyes, 2009. Copyright: Susanne M. Winterling
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Susanne M. Winterling; franconian goth, 2009. Copyright: Susanne M. Winterling