6. April 2011 - 2:35 / Bühne 

Edgar Allan Poe hat den modernen Detektivroman erfunden, seine traumverlorenen, pittoresken Welten haben den Symbolisten und Surrealisten den Weg gewiesen. Der Mensch Poe jedoch taumelte von Katastrophe zu Katastrophe, magisch angezogen von jenen Abgründen, die er so kunstvoll beschrieb. Diese Spannung zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Kontrolle und Hingabe ist der Ausgangspunkt für den musikalischen Abend "A Dream Within a Dream", bei dem Barbara Frey ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger Fritz Hauser ("Trommel mit Mann") fortsetzt.

Neben der Musik des Perkussionisten Fritz Hauser und der installativen Bühne Penelope Wehrlis sind es drei Texte Edgar Allan Poes, gesprochen vom Schauspieler Robert Hunger-Bühler, die im Zentrum des musikalischen Abends stehen. "Feeneiland" erzählt die Geschichte eines Mannes, der auf einer seiner Wanderungen in ein verwunschenes Tal kommt und dort in einem Fluss eine Fee entdeckt, die mit ihrem Kanu in einen Strudel gerät. Mit jeder Umkreisung wird sie ein Jahr älter – der Ich-Erzähler erkennt in diesem Schauspiel ein Sinnbild des Lebens und der Vergänglichkeit. "Das verräterische Herz" ist eine von Poes berühmten Horrorgeschichten. Ein Mord geschieht, der Mörder wird verhaftet und rechtfertigt seine Tat und sein Motiv in einer Rede. Er habe den alten Mann ermordet und zerstückelt, weil er nur auf diese Weise seinem Geierauge habe entkommen können. Immer wieder beschwört der Mörder seine Zurechnungsfähigkeit – seine Sinne seien zwar gereizt gewesen, aber er sei deswegen noch lange nicht verrückt. In der dritten Geschichte "Die Flaschenpost" gerät ein Seemann während eines Sturmes auf ein geheimnisvolles, riesiges Schiff. Die Besatzung besteht aus uralten Matrosen, die seit ewigen Zeiten die schwersten Stürme der Weltmeere durchsegeln, ohne dass ihr Schiff untergehen würde. Sie sind gefangen im Sturz, ohne je den Untergang zu erleben. Am Ende dieser Geschichte hat Edgar Allan Poe einen Satz formuliert, der als Credo über seiner gesamten Dichtung und dieser Inszenierung stehen könnte: "Es ist offensichtlich, dass wir einer aufregenden neuen Erkenntnis entgegeneilen – einem nie zu enthüllenden Geheimnis, dessen Aufdeckung die Vernichtung bedeutet."

Edgar Allan Poe wurde am 19. Januar 1809 als Kind der Schauspieler Elizabeth Arnold Poe und David Poe in Boston geboren. Der Vater verschwand spurlos, die Mutter starb, als Edgar zwei Jahre alt war. Der reiche Kaufmann John Allan nahm sich des Jungen an, allerdings ohne ihn zu adoptieren – ein Umstand, der Poe ein Leben lang zu schaffen machte. Nach einer kurzen erfolglosen Zeit auf der Militärakademie in West Point wurde Edgar Allan Poe vollberuflicher Schriftsteller – im puritanischen Milieu der Zeit eine gesellschaftliche Unmöglichkeit. Er veröffentlichte mit neunzehn Jahren anonym einen Gedichtband, bevor er sich den Kurzgeschichten und satirischen Beiträgen zuwandte, mit denen er in der Folge sein Auskommen bestritt. Bald machte er sich in den literarischen Kreisen einen Namen – nicht nur mit seinen Texten, sondern auch durch sein exzentrisches Auftreten und seine oft vernichtenden Urteile der Werke seiner Kollegen. Poes Anspruch an die literarische Qualität war unbedingt und jeder Opportunismus ihm fremd – eine Mischung, die er mit Armut und gesellschaftlicher Isolation bezahlte. Gemeinsam mit seiner Tante und der jugendlichen Gattin führte er ein prekäres Leben in angemieteten Zimmern, aufgerieben von den verbissenen Auseinandersetzungen mit den kulturellen Kreisen, die ihn mehr und mehr ignorierten. Poe starb am 7. Oktober 1849, gerade vierzig Jahre alt, unter nicht geklärten Umständen. Er hinterliess ein vielgestaltiges Werk. Darin finden sich Gedichte, Essays und die berühmten Horror-Geschichten wie etwa "Der Untergang des Haues Usher". Mit seinem Helden C. Auguste Dupin erfand Poe die moderne Detektivgeschichte. Seine Visionen der Einsamkeit haben die nachfolgenden Generationen geprägt, von Charles Baudelaire bis zu den Surrealisten und die Pop-Art. Edgar Allan Poes Werk gehört heute zum Kanon der Weltliteratur.

Edgar Allan Poe – A Dream Within a Dream
Uraufführung 18. Dezember 2010
Regie Barbara Frey
Raum und Kostüme Penelope Wehrli
Musik Fritz Hauser
Licht Rainer Küng
Dramaturgie Lukas Bärfuss

Weitere Vorstellungen im Schiffbau/Box:
20./ 21./ 22./ 27./ 29. Dezember 2010
3./ 7./ 9./ 10. Januar 2011
25./ 26./ 27. Februar 2011
12./ 13./ 14. April 2011

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Robert Hunger-Bühler, Fritz Hauser. Foto/Copyright: Matthias Horn
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Fritz Hauser, Robert Hunger-Bühler. Foto/Copyright: Matthias Horn
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