Kurt Bracharz

Mo, 04.03.2019

Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen hat bei seiner Befragung durch einen Ausschuss des Kongresses einmal mehr ausgesprochen, was vor ihm schon Michael Wolff in seinem Buch „Fire and Fury – Inside the White House“ und der Filmemacher Michael Moore behauptet hatten, dass nämlich Trump nicht erwartet hatte, die Wahlen zu gewinnen und US-Präsident zu werden, sondern den Wahlkampf lediglich als „die größte Dauerwerbesendung der politischen Geschichte“ eingeschätzt hatte, die ihn zum „berühmtesten Mann der Welt“ machen würde. Diese Idee soll Trump der 2016 wegen sexueller Belästigung geschasste Fox-News-Chef und Berater republikanischer Präsidenten Roger Ailes in den Kopf gesetzt haben, der im Mai 2017 starb und also den unerwarteten Triumph seines Ratschlags im November jenes Jahres nicht mehr erlebte.

Auch als Verlierer hätte Trump seinen Bekanntschaftsgrad und den seiner Fernsehsendungen so erhöht, dass er die durch seine krummen Geschäftspraktiken ziemlich angeschlagene Marke Trump wohl tatsächlich „great again“ gemacht hätte. Weil er gar nicht damit rechnete zu gewinnen, glaubte er auch, sich die berühmt-berüchtigten rassistischen und frauenfeindlichen Sprüche leisten zu können, die von den Medien begierig aufgegriffen wurden und einen republikanischen oder demokratischen Kandidaten sofort erledigt hätten, während sie ihm nur Popularität verschafften. Das würde auch erklären, warum sich Trump als vollkommen unvorbereitet auf die Übernahme der Präsidentschaft erwies – er wusste rein gar nichts von den üblichen Praktiken wie der vollständigen Auswechslung der Administration und hatte deshalb auch keine akzeptablen Kandidaten dafür in petto; und er hielt sich wohl eine Zeitlang für den Kaiser von Amerika und erfuhr dann erstaunt und peinlich überrascht von den seine Macht einschränkenden checks and balances der US-Politik.

Zu den belustigenden Details der Aussage Cohns gehört, dass der Präsident ihn als seinen Anwalt immer wieder angewiesen habe, den von Trump besuchten Schulen und Colleges zu drohen, dass sie unter keinen Umständen die Noten des jungen Donald an die Öffentlichkeit bringen dürften.
Auch wenn die Vietnam-Veteranen allmählich wegsterben, dürften doch noch genug wahlberechtigte übrig sein, die dem POTUS übelnehmen, dass er in den 1960ern ein Fußleiden simulierte (bzw. einen Arzt fand, der es ihm bestätigte), um nicht eingezogen zu werden. Trumps Cohen gegenüber angeblich geäußerte Begründung für den faulen Trick: „Ich bin doch nicht blöd.“

Das ist allerdings die Frage, wenn man sich Trumps Außenpolitik ansieht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Präsident sich im Vorjahr aller kompetenten Berater entledigt hat und so sinnlose Events wie das zweite Zusammentreffen mit Kim Jong Un wohl selbst auf die Agenda setzt. Sein Nationaler Sicherheitsberater John Bolton wird ihm nicht dazu geraten haben, der ist strikt für militärische Lösungen, allerdings zuerst in der Iran-Frage.

Aber es ist ja kein nachträgliches Besserwissen, wenn man darauf verweist, dass abzusehen war, dass Trump nichts anzubieten hatte und Kim nicht von seinen Atomwaffen lassen kann, weil er dann sofort eingesackt würde – wenn nicht von den Amerikanern, dann von den Chinesen, die auch schon lange gerne einen anderen an seine Stelle setzen würden. Trump hatte nach dem vorigen Treffen im Juni 2018 in Singapur erklärt, Nordkorea sei „no longer a nuclear threat“, was außer ihm niemand glaubte, und hätte diesmal konkrete Zugeständnisse gebraucht, weil die Sprengung eines obsolet gewordenen Versuchsgeländes kein Abrüstungserfolg ist, aber wie hätten die aussehen können? Laut Trump hatte Kim die vollständige Aufhebung der Sanktionen im Austausch gegen die Aufgabe der Atomwaffenfabrik in Yongbyon verlangt. Die konnte Trump ihm nicht zugestehen, weil Nordkorea auch an anderen Orten Atomwaffen produziert, und weil selbst Trump mittlerweile die Zweifel gekommen sind, ob Kim sich an Abkommen hält. Trump scheint auch wieder einmal Geheimdienstmaterial ausgeplaudert zu haben, er verlangte die Schließung eines weiteren Nuklearkomplexes, über dessen Kenntnis der Amerikaner Kim sehr erstaunt war.
Die Stanford Universität schätzt, dass 2018 sieben bis acht neue A-Bomben produziert worden sind, was die Gesamtzahl auf 37 erhöht.

Nach der Pleite der Verhandlungen in Saigon und der zeitlich parallel laufenden Befragung von Cohen, bei der dieser Trump einen Rassisten, einen Hochstapler und einen Betrüger („a racist ... a con man ... a cheat“) nannte, hat sich der heimgekehrte Präsident zu Propagandazwecken gleich an eine neue alte Bedrohung der USA erinnert: In einer Rede vor der Jahresversammlung konservativer Aktivisten und Parlamentarier (CPAC) in National Harbor bei Washington nannte er seine politischen und juristischen Verfolger „kranke Männer“ und beschwor das Schreckgespenst eines in den Vereinigten Staaten drohenden Sozialismus herauf. „Amerika wird niemals ein sozialistisches Land sein“, sagte Trump, und: „Die Zukunft gehört nicht denen, die an den Sozialismus glauben. Sie gehört denen, die an die Freiheit glauben.“ Maßnahmen wie die Bekämpfung der Erderwärmung oder Krankenversicherungen nannte Trump ein „radikales Programm“, das für die Bürger „kolossale Steuererhöhungen“ bedeuten und die „US-Wirtschaft komplett zerstören“ würde. Die Demokraten hätten bei Fragen wie Einwanderung oder Abtreibung „vollständig den amerikanischen Mainstream“ verlassen. „Wir glauben an den Amerikanischen Traum, nicht an den sozialistischen Albtraum.“ Wer wird der neue McCarthy?

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)