Sa, 02.03.2019 / Bernhard Sandbichler / Oktopus

... weil: Als jüngerer Bruder läuft man ohnedies schon geknickt durchs Leben, erst recht, wenn man schwul ist! Autor Eric Bell schenkt voll ein und lässt nichts anbrennen.

1.+3.+4. Die Story, der Sound und coole Bilder: Dies ist eine Geschichte von Liebe und Freundschaft, Schule und Familie, Feigheit und Courage; sie spielt an einem blumigen Setting: Rose Fields ist im „Herzen des Flower Countys gelegen, keine Stunde von Philadelphia, Pennsylvania, entfernt … Unser Haus, Werther Street 16, kuschelt sich in einen hübschen Vorort, an dessen Ende ein kleiner Bach fließt. Der Garten ist von hohen Zäunen umgeben, aber jedes Wochenende kümmert sich Dad sorgfältig um die Pflege des Rasens. Es könnte ja schließlich sein, dass die Nachbarn mal mit dem Hubschrauber drüberfliegen”. Das traumatisierende Horrorpotenzial dieser Provinzidylle schöpft Eric Bell vermutlich aus eigener Erfahrung: „Für meine Mutter Mimi“, liest man im Motto, „die vom ersten Tag an wusste, dass ich kein Feigling bin, und die mich auch nie etwas anderes hat glauben lassen.“

2.+6. Die Helden und zum Nachdenken: Es geht um zwei Brüder, Nate den älteren, und Al, den jüngeren und Erzähler. Nathan verbittet sich, so genannt zu werden, Alan aber muss es wohl oder übel erdulden und fragt sich manchmal, „wie mein Leben aussehen würde, wenn ich in einer anderen Stadt aufwachsen würde, in einem anderen Bundesstaat oder sogar in einem anderen Land.“ Gute Frage, über die auch schon Lou Reed in „Smalltown“ nachgedacht hat: „Where did Picasso come from? / There's no Michelangelo coming from Pittsburgh / If art is the tip of the iceberg / I'm the part sinking below.“ Diese deprimierende Loser-Perspektive ergibt sich weniger daraus, dass Alan sein künstlerisches Überlebensprojekt, sein „Kretpoj“, nicht in Angriff nimmt; vor allem setzt ihm sein patriarchaler „Habicht-Vater“ zu, sein sadistischer Bruder sowieso - und natürlich der Umstand, dass er „ihr-wisst-schon-was ist, denn, wenn es rauskommt, wird man behandelt, als hätte man die Mittelstufen-Version der Beulenpest.“

5. Coole Wörter: Weichei-Grad, Ich-musste-Legosteine-schlucken-Trauma, Keine-Freunde-Politik

7. Der Autor: Eric Bell übertreibt das Loser-Image vielleicht ein wenig, stellt seinen Anti-Helden schlussendlich aber doch auf den Kopf (sein „Kretpoj“ gelingt auf unverhoffte Weise) - dies alles sicher auch in Hinblick auf das Sequel mit dem vielversprechenden Titel „Alan Cole doesn’t dance“.

8. Das Buch: Eric Bell: Dieses Leben gehört: Alan Cole. Bitte nicht knicken. Aus dem Amerikanischen von André Mumot. Frankfurt/Main: Sauerländer 2018, 300 Seiten, EUR 14,40