Für seine installative und performative Ausstellung „Errores Irreales” in der Halle für Kunst Steiermark versammelt Diego Bianchi eine Auswahl seiner Skulpturen, die mit dem Körperbegriff spielen, um sie in einer eigens dafür geschaffenen Architektur auch performativ zu aktivieren.
Bianchi gilt als eine der zentralen künstlerischen Positionen Argentiniens und hat insbesondere den Begriff der Skulptur aktualisiert.
Für die aufwendige und detaillierte Herstellung seiner erstaunlich lebendig und sensibel wirkenden Plastiken verarbeitet Bianchi neben herkömmlichen Materialien auch ausrangierte und im Stadtraum von Buenos Aires, Paris sowie in Graz gefundene Objekte. Das können unscheinbare, kleinteilige Dinge sein, die vermeintlich keinen besonderen Wert oder Bedeutung haben, oder aber Autoteile, Metalle, Kunststoffe und Modeaccessoires. Daraus entsteht eine bühnenbildhafte Landschaft aus Skulpturen und installativen Interventionen. Diese spielen auf verstörende und stylische Weise mit dem Körperlichen und dem quasi Organisch-Innerlichen. In verschiedenen, sich überlagernden Settings – zeitweise auch von Performer:innen aktiviert – wird daraus ein „nebulöses Ganzes“, das paradigmatisch für unsere Zeit ist. Dabei bedient sich Bianchi des Humors als einer subversiven Strategie, um der Tragik des Daseins samt all der derzeitigen Krisen eine utopische Räumlichkeit entgegenzusetzen bzw. auf jene zu reagieren.
Der „Körper“ steht unter Druck. Nur wenig ist uns so wesentlich und nahe, gleichzeitig gestaltbar und verletzlich wie die Idee und Substanz des Körpers. So wundert es kaum, dass seine Wahrnehmung und Interpretation so vieldeutig und umstritten sind. Ebenso umstritten ist seine Darstellung als Plastik, deren traditioneller Begriff hinsichtlich Materialität, Formbarkeit, Hybridität und Fluidität neu gefasst werden muss. Hier liegt es nahe, andere Wege einzuschlagen, um dem aktuellen Körpergefühl und seinen diversen Interpretationen auch „plastisch“ besser entsprechen zu können.
Bianchis großformatige und immersive skulpturale Installationen interpretieren den Begriff der Plastik und des Torsos neu. Er nimmt den unter mannigfaltigem Druck stehenden menschlichen Körper in seiner Sensibilität und Bedrängnis ernst und überarbeitet dessen Darstellung. Dabei spielen auch die Stellung des Körpers in der Gesellschaft und die erhöhten Anforderungen, denen er in der heutigen Zeit ausgesetzt ist, eine wesentliche Rolle – auch in biologischer und technologischer Hinsicht. Indem Bianchi vorwiegend mit gefundenen Objekten aus seiner Umgebung arbeitet, lenkt er die Aufmerksamkeit auf den Exzess und die Verschwendung der Konsumkultur unserer Zeit.
Wie der Titel „Errores Irreales” suggeriert, unternimmt Bianchi den Versuch, vermeintlich gegensätzliche Welten in einer unwirklichen und verfremdeten Szenerie miteinander zu verbinden. Dort tauchen Fragmente von Schaufensterpuppen und Konsumgütern auf, die durch die abgewandelte Nutzung der Gegenstände die Faszination der Warenwelt ad absurdum führen. Bianchi interessiert sich dafür, auf welche Art und Weise wir mit diesen Objekten verbunden sind und wie sie unser tägliches Leben beeinflussen. Bei der Beobachtung der Transformation von Alltagsgegenständen nach ihrer Nutzung wird die Wechselbeziehung zwischen Natur und Sozialverhalten, zwischen Aufstieg und Niedergang urbaner und biologischer Entwicklungen sowie zwischen Katastrophen, Unfällen und Zufälligkeiten, die bislang ungeahnte Ordnungen erzeugen können, deutlich. Bianchi fokussiert sich auf Konsumketten, deren Kreisläufe und die damit verbundene Lebensdauer von Objekten wie Möbeln und anderen Habseligkeiten, die in jeder Gesellschaft unterschiedlich geprägt sind. Anhand der Gebrauchsspuren liest er den Lauf der Zeit und den Nutzen von Gegenständen ab, um daraus zugleich Schlussfolgerungen über einzelne Phänomene sowie Systeme zu ziehen. Reagierend auf seine unmittelbare, in der Regel urbane Umgebung, die er selbst als Organismus versteht, geht er vom menschlichen Körper aus, verändert seine Form, erweitert ihn und führt ihn im Zusammenspiel mit anderen „Körpern” und Gegenständen in ungewöhnlichen Posen und Konstellationen in ein aufgeladenes soziales Gefüge ein. Dabei unterscheidet er nicht zwischen menschlichen Körpern und gestaltbaren Dingen. Insofern justieren seine Installationen unsere Wahrnehmung eines „plastischen“ Körperbildes mitunter neu. Seine Torsi weisen diverse Varianten bis hin zu cyborgartigen Einschlüssen auf, die uns an vertraute Objekte erinnern.
Bianchi versteht jedes seiner Projekte als außergewöhnliches Abenteuer, in dem er seine unmittelbaren Eindrücke, Erlebnisse und sein Wissen mit der Realität in Verbindung bringt. Aus einer kritischen Perspektive betrachtet er die Realität als etwas „Fremdes“, nimmt sie auseinander und formt sie zu etwas „Anderem“ neu. So entsteht eine kaleidoskopartige, apokalyptische Spiegelung der Realität. In der künstlerischen Übersetzung wird diese mit ästhetischen Konventionen und Markern in Verbindung gebracht, die mitunter mit Symbolik und Codes von Geschmack und Lifestyle assoziiert werden. Die Darstellung körperlicher Deformierungen und des Verfalls wirkt dabei zugleich anziehend und abstoßend. „Plastik der Plastik“ oder „Errores Irreales“: Gegen Ästhetik und Vergänglichkeit arbeitet die Kunst, um genau diese zu schaffen und den White Cube durch seine Gesamtinstallation auf wundersame Weise zu erweitern. Denn ähnlich wie die Beziehung von Objekten und Subjekten versteht Bianchi die Architektur des Museums, in dem es weder ein Innen noch ein Außen gibt, sondern das als Gebäude im Stadtraum eine vermeintliche Realität reflektiert, um sie als Entwurf neu zu fassen.
Diego Bianchi, geboren 1969 in Buenos Aires, lebt in Buenos Aires und zuletzt in Paris.
Diego Bianchi
Errores Irreales
Bis 18. Jänner 2026
Kuratiert von Sandro Droschl