26. Februar 2008 - 1:46 / Ausstellung / Archiv 
13. Dezember 2007 2. März 2008

Philip Guston (1912-1980) Zählt ohne Frage zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der amerikanischen Nachkriegskunst. Bekannt sind seine Gemälde, die das Kunstmuseum Bonn 1999 erstmals umfassend in Deutschland vorstellte. Weniger bekannt sind dagegen seine Zeichnungen, die für das Verständnis seines Werkes von größter Bedeutung sind. Denn in den Zeichnungen, die sich als selbständig neben dem malerischen Oeuvre behaupten, zeigt sich stärker noch als in seiner Malerei der "unruhige", der suchende Guston, der sich nie auf eine Handschrift, einen Stil festlegen lassen wollte.

Die Staatliche Graphische Sammlung München präsentiert knapp einhundert Zeichnungen und Gouachen des Künstlers, die nicht nur Gustons künstlerische Entwicklung der Jahre 1946 bis 1980 illustrieren, sondern auch Gustons gestalterisches Potential veranschaulichen. Die Zeichnung nimmt in seinem Werk eine spezifische Stellung ein. Alles andere als nur ein Hilfsmittel für die Malerei – er führt seine Gemälde sowieso ohne Vorzeichnungen aus – ist die Handzeichnung für ihn ein experimentelles Medium, mit dem er sich neue Ausdrucksmöglichkeiten erschließt, neue Werkphasen vorbereitet, gestalterische Probleme löst. So verleiht die zeichnerische Arbeit dem Gesamtwerk Struktur, gibt es Zeiten, in denen er sich fast ausschließlich auf das Zeichnen konzentriert. Dies sind die Jahre 1947-1949 – mit denen die Ausstellung auch schwerpunktmäßig beginnt – 1952-1954, 1958-1962 und 1966-1968, allesamt Schlüsselphasen, Schlüsselzeiten für die eigene künstlerische Entwicklung.

In den späten vierziger Jahren sucht er den Ausstieg aus der Gegenständlichkeit, findet er in der Linie das Gestaltungsmittel, mit dessen Hilfe er seine Bilder organisieren kann. Es entstehen nun abstrakte Tuschzeichnungen, die mal kraftvoll dann wieder zart und zurückhaltend ausfallen. Lässt man die Arbeiten der fünfziger Jahre Revue passieren, dann spürt man förmlich den Energiefluss, der eine Zeichnung mit der anderen verbindet. Als Medium des Energietransfers dient dabei die Linie, die in diesen Jahren nie eine formbestimmende Funktion erfüllt. Dies ändert sich erst Ende der fünfziger Jahre, als Guston seine zeichnerischen Erkundungen nach einer Pause von zwei, drei Jahren aufnimmt. Betrachtet man die künstlerischen Produkte dieses Neubeginns, die Arbeiten der Jahre 1958 und 1959, dann bestätigt sich einmal mehr, wie er sich gerade im Medium der Zeichnung Neuland erobert: jetzt bereiten seine Papierarbeiten in vielen tastenden, sich selbst vergewissernden Schritten die Wiederkehr des Gegenständlichen vor.

Eingeleitet wird dieser Prozess durch die organische Umformung der Linien. Sie durchmessen nun nicht mehr die Bildfläche, sondern runden sich zu Teil- und Gesamtformen, ohne dass diese allerdings schon inhaltlich zu bestimmen wären. Offensichtlich schätzte Guston den Grenzbereich zwischen Abstraktion und Figuration, in dem die Formen metaphorisch mal in die eine, mal in die andere Richtung changieren können. In dieser Ambivalenz liegt das gestalterische Prinzip der mittleren sechziger Jahre, das Guston mit einer fortschreitenden Reduktion des bildnerischen Inventars verbindet. Ein Beispiel für diese Tendenz sind die extrem reduzierten Zeichnungen der Jahre 1966 bis 1968, die sich semantisch oft nur durch den Titel erklären. Sie bewahren das Rätsel einer kryptisch-zeichenhaft zitierten Gegenständlichkeit und sind damit Wegbereiter für Gustons verschlüsseltes Spätwerk. Damit wäre dann auch der Bogen der Ausstellung geschlagen, in der man nachvollziehen kann, wie viel Vitalität und wie viel Ausdrucksreichtum Guston der Zeichnung, diesem ältesten Bildmedium abgewinnt. In diesem Sinne markieren Gustons Papierarbeiten auch einen Höhepunkt in der Geschichte der Zeichnung des 20. Jahrhunderts.

Die vom Kunstmuseum Bonn und der Staatlichen Graphischen Sammlung in München vorbereitete Ausstellung umfasst knapp einhundert Papierarbeiten von den mittleren vierziger Jahren bis zu seinem Todesjahr 1980. Unterstützt wird diese Ausstellung, die Gustons zeichnerisches Werk erstmals in Mitteleuropa vorstellt, von dem Philip Guston Estate und der Familie Guston. Bedeutende Museen wie das Museum of Modern Art, New York, das Guggenheim Museum, New York und das Musée National d’Art Moderne, Centre Pompidou, Paris, sowie zahlreiche private Leihgeber haben ihre Werke für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, die vorher im Kunstmuseum Bonn, im Louisiana Museum, Humlebaek sowie in der Albertina in Wien und nach München in der Morgan Library, New York gezeigt wird.


Zur Ausstellung erscheint ein umfassender, reich illustrierter Katalog.

Philip Guston - Arbeiten auf Papier
13. Dezember 07 bis 2. März 08

Pinakothek der Moderne
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D - 80799 München

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  •  13. Dezember 2007 2. März 2008 /
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Untitled, 1968; Privatsammlung. The Estate of Philip Guston, New York
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Study for Cellar, 1970; Privatsammlung. The Estate of Philip Guston, New York; Foto: Richard P. Goodbody INC., New York
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Untitled, 1976; Privatsammlung. The Estate of Philip Guston, New York
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Untitled (Cherries), 1980; Privatsammlung. The Estate of Philip Guston, New York
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Untitled (Hillside), 1980; Privatsammlung. The Estate of Philip Guston, New York