Beim Malen und Zeichnen hat Paul Klee häufig beide Seiten seiner Bildträger, wie Papier, Karton oder Leinwand, verwendet. Im Rahmen eines langjährigen Forschungsprojekts identifizierte die Kuratorin Marie Kakinuma bei 600 der insgesamt etwa 9600 Werke des Künstlers Zeichnungen, Aquarelle oder Gemälde auf der Rückseite. Anhand von 19 Beispielen zeigt die Präsentation „Fokus. Klees Rückseiten” innerhalb der Dauerausstellung „Kosmos Klee” die Vielfalt von Vorder- und Rückseitengestaltungen bei Klee.
Dabei treten faszinierende Entstehungsgeschichten von Klees Werken ans Licht. Die Beispiele zeugen von fortlaufenden Arbeitsprozessen, wiederverwendeten Materialien oder posthumen Entdeckungen durch Zufall. Dabei spielt die Beschaffenheit des Untergrundes eine wichtige Rolle. Bei nicht transparenten Bildträgern wie Leinwand oder Malpappe kamen Rückseitendarstellungen teilweise erst durch Restaurierung oder wissenschaftliche Untersuchungen zum Vorschein.
So entdeckte das Kunstmuseum Bern bei Restaurierungsarbeiten in den 1990er-Jahren auf der Rückseite von Klees „Glas-Fassade” (1940) eine bis dahin unbekannte Darstellung. Die „Glas-Fassade” ist eines der Hauptwerke in Klees Spätwerk und zählt zu den wenigen großformatigen Gemälden aus dieser Zeit. Jahrzehntelang war die Rückseite des Werks von einer rosabraunen Übermalung verdeckt, die mit der Zeit spröde geworden war und abplatzte. Diese wurde nun restauriert. Auf der Rückseite ist eine Figur mit spitz zulaufenden Flügeln zu sehen, die an Klees Engelbilder erinnert, sowie ein kopfüberstehendes Mädchen. Auf dem Keilrahmen notierte Klee in Bleistift: „Mädchen stirbt und wird”. Erst der Zahn der Zeit hat das verborgene Bild freigelegt.
Eine Vorder- und Rückseite hat Klee jedoch nicht bei allen beidseitigen Werken explizit definiert. Zu Lebzeiten nahm er beispielsweise weder „Kind und Drache” noch „Blume und Schlange” (beide um 1940) in seinen Œuvrekatalog auf, obwohl beide Bildseiten vollständig ausgearbeitet sind. Kurz nach Fertigstellung der Gemälde starb Klee. Die heute beliebte Darstellung des Kindes mit dem briefumschlagartigen Körper und dem Papierdrachen wurde erst posthum von seinem Sohn und Nachlassverwalter Felix Klee zur Vorderseite erklärt. Auf der weniger bekannten Rückseite befindet sich eine Komposition mit roten, blauen und grünen Farbwolken auf strukturiertem weißem Grund. Eine gelbe Blume und eine feine, geschlängelte Linie gaben der zarten Bildseite ihren Titel.
Für Klee war die beidseitige Gestaltung Teil eines offenen, fortlaufenden Prozesses. Bei transparenten Trägern wie dünnem Papier scheinen die Rückseiten teilweise durch, wodurch sich auf der Vorderseite schemenhafte Spuren ergeben, die sich mit bloßem Auge kaum erkennen lassen. So verschmelzen die beiden Bildseiten formal und inhaltlich nahtlos zu einem Ganzen. Durchscheinende Zeichnungen auf den Rückseiten werden in der Ausstellung mithilfe von Infrarotaufnahmen besser sichtbar gemacht.
Klee setzte die Bearbeitung der Rückseite bei etwa zwanzig seiner charakteristisch reduzierten Zeichnungen der letzten Schaffensjahre bewusst ein. Um einen zartrosa bis violetten Hintergrund für seine Zeichnungen zu erzeugen, mischte er Kleisterfarbe mit Caput mortuum, einem farbintensiven Eisenoxid, und bemalte die Rückseite großflächig damit.
Fokus. Klees Rückseiten
bis 23.8.2026