verfasst von Haimo L. Handl / 27. Januar 2008 - 7:45 / Wort zum Sonntag
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Dank hochentwickelter Technologie erlauben unsere Medien immer vollkommenere Konstruktion. Es sind nicht mehr, wie früher, "Abbildungen", auch wenn wir Filme von oder über etwas sehen, sondern Konstrukte, die ein Bild kreieren, das mit der Wirklichkeit, der vielbeschworenen Realität, wenig gemein hat.

Nach dem Zweiten grossen Krieg gab es einen neunaturalistischen Trend in der Fotografie und im Kino; es galt Neorealismus. Die Gepflogenheit früherer Fotografen zu retuschieren wurde verpönt. Es war üblich gewesen, das Abbild, besonders im Porträt, dem Idealbild anzugleichen. Ursprünglich sollten mit der Retusche Fehler korrigiert werden. Bald war das Abbild der Fehler, das es zu korrigieren galt. Damit war nach der Kriegsrealitätserschütterung gebrochen worden. Ein gewisses Verständnis von neuer "Sachlichkeit" und dokumentarischer Authentizität machte sich breit. Ungeschminkt, unretuschiert.

Entsprechend der wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen und ihren damit einhergehenden sozialen Veränderungen war diese Zeit bedingter "Nüchternheit" bald vorbei. Das Ästhetische, wie es der aufblühenden Wirtschaft dienlich wurde, fand Eingang in die Industrie und den Konsum. Diese zugerichtete und abrichtende Ästhetik beschränkte sich nicht nur auf die primären Unterhaltungsprodukte, sondern prägte langsam Seh- und Hörgewohnheiten. Dabei wirkten die sich technisch rasant fortentwickelnden Massenmedien nicht nur als Verbreiter (Vermittler), sondern als Verstärker und Kreatoren.

Konsumverhalten richtete sich aus. Standardisierungen vollzogen sich im Sozialen, obwohl nur wenige Jahre vorher die Katastrofe der Gleichschaltung sich gezeigt hatte. Die neue Uniformierung erfolgte durch andere, positive Vorzeichen: Individualität (von der Stange, als Konfektionsware) und Protest (Rock-Pop). Alles leicht konsumierbar. Eine Gegenwelt. Die aber, was die wenigsten sahen, funktionabel in der "wirklichen" eingebettet war.

Architektur, Design, Mode, Luxusartikel, Haushaltsgeräte, aber vor allem Automobile, prägten das neue Formgefühl, die neue Meisterschaft der "perfekten Form". Die Beschleunigung wurde als Fortschritt empfunden. In der Nahrungsmittelindustrie wurden Aromen kreiert, neue Farbmischungen kamen auf den Markt und die Television zeigte eine "schöne neue Welt".

Auch der Journalismus veränderte sich. Alles kam in eine Art Gleichklang, worin sogar der Protest gut aufgehoben war. Man sprach von der Bewusstseinsindustrie und hatte sich schon an die technische Perfektion gewöhnt, die man noch als Mittel und Form sah. Aber sie wirkte auf Inhalte ein, wurde selbst zum Inhalt.

Die Filme, die gefilmten Nachrichten, wie sie im Fernsehen ausgestrahlt wurden, entfernten sich immer weiter vom vorgeblich Abgebildeten, wie sie dank hoher Technik, fabrizierend, konstruierend, Produkte lieferten, die nur vordergründig den alten Bildern glichen. Die sich langsam veränderten Sehgewohnheiten nahmen dies als Fortschritt wahr.

Heute, wo das computergenerierte Bild kein Bild im herkömmlichen Sinn mehr ist, wo es kein Original mehr gibt, weil das, was Kopie sein sollte, sich nicht mehr unterscheidet vom sogenannten Original, weshalb es keine Kopie mehr ist, sondern ein Klon, gibt es auch die Authentizität nicht mehr, wie sie früher verstanden wurde. Zur Erkennung sogenannt objektiver Daten (oder gar "Wahrheiten") bedarf es zusätzlicher Zeichen oder anderer Belege.

Während die Stalinisten noch umständlich, je nach politischem Entwicklungsstand, Fotos für ihre Geschichtsbücher retuschieren mussten, ist heute von vornherein jede Veränderung als "Gestaltung" möglich, die gar nicht mehr als "Manipulation" aufgefasst wird, auch nicht im erweiterten Sinn. "Machinorpulation" träfe nicht, weil die ursprünglich negative Konnotation nicht mehr gewusst wird bzw. für diesen Vorgang nicht erkannt oder verstanden wird. (Die Etymologie für die Begriffe "machina", "machinatio", "machinator" und "machinor" sowie "manus" bzw. "manipularis" wäre eine eigene Darlegung wert.)

Das Moment der Konstruktion ist nicht nur im Nachrichtenbereich oder im Politischen von höchster Bedeutsamkeit, sondern auch in der Bildung und allgemeinen Kultur. Kinder, die weiteste Teile der "Natur" nur aus den TV-Serien ("Universum") kennen, sind leicht enttäuschbar, wenn sie in "freier Natur" nicht jenes Pflanzen- und Tierverhalten finden, wie es die Filme so "kunstfertig" gezeigt haben. Sie glauben noch an Abbilder. Aber die Filme zeigen im Wesentlichen keine Abbilder. Nicht, dass sie lügen. Aber sie konstruieren extremer, auch in der Wahl und Zusammenstellung (Kamera, Montage), als es je früher möglich war. Die Sehgewohnheit, geprägt durch Dauersicht der Einheit von Werbung, "Soap", Unterhaltung und Nachricht, schärft nicht den Blick (weil es keine Unterschiede mehr gibt, wird (noch) auf die Gattung verwiesen bzw. die Werbung manchmal als solche ausgewiesen. Doch en gros ist alles verwoben und ununterscheidbar).

Die hohe technische Perfektion hilft dem Vorrang des Äusseren, der Form, der Erscheinung. Nicht nur in der Mode. In allem. Auch dem "Diskurs" oder dem Geschwätz, das als "Talk-Show" eine Schau ist, wo die Erscheinung und nicht die Aussage gilt. In der Wirtschaftswelt, aber vor allem in der politischen Welt gilt dies zum Extrem. Ich will hier nicht den sozialen, politischen Aspekt erörtern, sondern kurz ein anderes Fänomen nennen, das der Standardisierung, der Angleichung, der neuen Gleichschaltung, der gefälligen Glättung.

Die Globalisierung erfolgt nicht nur im Produktionsbereich, in neuen Völkerwanderungen, sondern auch in einer globalen Standardisierung. Diese wiederum nicht nur im Architektonischen, in den "Inneneinrichtungen", sondern auch in der Kultur und Bildung. Je mehr aber solche Gleichmachereien sich durchsetzen und positiv anerkannt werden, desto geringere Chancen für Abweichungen. Das gilt für "Kleinsprachen" ebenso wie literarische Produkte, die nicht dem "mainstream" entsprechen, das gilt für Filme und mehr noch für die Popmusik.

Die Angleichung geht bis in die Reste des Privaten. Die Übernahme des Prefabrizierten in Rede und Ausdruck hat ein Niveau erreicht, das gänzlich widersprüchlich zu den technischen Machbarkeiten liegt, die mehr "eigenständige" Äusserungen erlaubten, als je zuvor. Doch die technischen Mittel werden primär im Rahmen der neuen Standards eingesetzt, und die Sprache hat sich angepasst. Eigener Stil erschiene vielen als störend, wäre in der Kommunikation gar ein fauxpas.

In den Tausenden von Internetseiten kann man gleiche oder stark ähnliche Bilder sehen, aufgenommen von Millionen von Menschen in aller Welt. Die Filmchen zeigen eine fröhliche Ähnlichkeit, ganz gleich, ob aus islamischen Ländern, aus Fernost, Afrika, Amerika oder Europa. Allein, dass es weltweite "Bestseller" gibt, belegt ein befremdliches Hordenverhalten, das als Kulturwert ausgegeben und anerkannt wird. So feiert die Gleichschaltung Triumphe. Je weniger jemand selbst zu denken oder zu sagen hat, desto dankbarer präsentiert er als Manager "seine" Gedanken in abrufbaren Floskeln und Grafiken, die das Computerprogramm bereitstellt, singen Fröhliche zu Vorgaben (Karaoke), zeichnen Kreative zu Vorlagen, üben Kultivierte Schriftstellerei in Dichterakademien oder Schreibwerkstätten nach standardisierten Beispielen und Übungen.

Früher, als die Mehrheit noch nicht emanzipiert war, in Unbildung den Unterstand abgab, mussten die Unberedten und Schriftunkundigen sich an Schriftgelehrte und professionelle Briefschreiber wenden, um ihre Sache vorbringen zu können. Später, als weite Teile der Bevölkerung lesen und schreiben lernten, hatten sie damit noch nicht zur eigenen Sprache gefunden. Viele Formulierungen aus damaliger Zeit zeigen eine peinliche Nutzung von Stereotypen und Klischees, eine Ausrichtung nach Vorgaben. Es waren auch Druckwerke im Schwang, wie man richtig einen Brief schreibe. Da wurden nicht nur Techniken und Strukturen erklärt, sondern Inhalte als Module geboten. Eine Vorform der elektronischen Textverarbeitung, die heute Millionen ermöglicht, ohne eigene Sprache und Denken zu schreiben.

Gegenwärtig erleben wir das Paradoxon, dass trotz höchster technischer Entwicklung und bester Versorgung mit Kommunikationsmitteln das eigene Sprach- und Sprechvermögen sich reduziert hat. Und das der bildnerischen Gestaltung auch, soweit es das genuin Eigene betrifft. Was glitzert und glänzt sind Baukastenwelten. Vorfabrizierte Perfektion.