Die Transformationsgeschichte des MuseumsQuartiers in Wien

Wie kaum ein anderes Projekt hat das MuseumsQuartier Wien als größtes Kulturbauvorhaben der Zweiten Republik polarisiert und die Stadt zugleich so verändert.

Anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums blickt das MQ auf seine Erfolgsgeschichte zurück. Der Weg bis zum größten Kunst- und Kulturareal Europas war konfliktreich und von Diskussionen, politischen Richtungswechseln und medialen Debatten geprägt, die weit über Fragen der Architektur hinausgingen. Was für viele Wienerinnen und Wiener heute selbstverständlich ist, drohte lange Zeit an Querelen und dem Boulevard zu scheitern.

Die Ausstellung „Vision und Widerstand – Wie das MuseumsQuartier Wien veränderte“ im MQ Freiraum erzählt die spannende Transformationsgeschichte des MQ: von kühnen Architekturentwürfen, erbitterten Debatten und einem Projekt, das immer wieder am Rand des Scheiterns stand. Anhand von Skizzen, Original-Architekturmodellen, Plänen, historischen Dokumenten und Schlagzeilen veranschaulicht die Ausstellung die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und macht deutlich, dass das MQ inhaltlich wie architektonisch nie als „fertig“ gedacht war.

Ursprünglich sollte der Kaiserliche Marstall für 600 Pferde und 200 Karossen am Rand des Glacis, aber in Sichtweite der Hofburg errichtet werden. Die Pläne für das damals größte Gebäude Wiens lieferte der Hofarchitekt Johann Bernhard Fischer von Erlach, der bereits wenige Jahre zuvor die Karlskirche für Kaiser Karl VI entworfen hatte. 1719 wurde mit dem Bau begonnen, doch nach dem Tod Fischer von Erlachs blieb der Großteil des grandiosen Projekts auf dem Papier. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Komplex nochmals erweitert.

Die ursprünglich als Hofstallungen genutzte Anlage wurde ab 1921 zum „Messepalast“ für Großausstellungen und Messen sowie später für Sport- und Populärkultur umfunktioniert. 1945 lagen Teile des Messepalastes in Trümmern und die im 7. Bezirk stationierte amerikanische Militärmacht nutzte ihn für zahlreiche Sportveranstaltungen und Großausstellungen. In den 1950er- und 1960er-Jahren fanden hier Konzerte und Bälle statt. Am populärsten war die „Jochen Rindt Show“, die ab 1967 Rennwagen und motortechnische Innovationen präsentierte.

Ab den späten 1970er-Jahren verfestigte sich die Idee, den Ort zu einem Kulturareal weiterzuentwickeln. Es folgte ein politischer Marathon: die erste Stufe des Wettbewerbs im Jahr 1986, wechselnde Zuständigkeiten, neue kulturpolitische Konstellationen und schließlich ein inhaltlicher Neustart mit einem Konzept, das die Kunst der Moderne und der Gegenwart, eine Kunst- und Veranstaltungshalle sowie ein Medienzentrum umfasste. Die Vision war ein „österreichisches Centre Pompidou“, wie der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk bekannt gab.

Das in der zweiten Stufe des Wettbewerbs ermittelte Siegerprojekt der Architekten Laurids und Manfred Ortner setzte ein kraftvolles architektonisches Statement und löste eine der heftigsten Kulturkontroversen der Zweiten Republik aus.

Kaum ein Bauprojekt hat Wien so polarisiert wie der Entwurf für das MuseumsQuartier. Die „Kronen Zeitung“ sprach vom „Museumsmonster“, Bürgerinitiativen liefen Sturm und auch internationale Expertinnen und Experten meldeten sich kritisch zu Wort. Im Zentrum der Debatte stand der 67 Meter hohe Leseturm – ein markantes Wahrzeichen ohne klare Funktion.

Bald wurde das gesamte Konzept infrage gestellt, der Leseturm sollte verschwinden und die Museen wurden deutlich verkleinert. 1998 begann der Bau nach einer weitgehend neuen Planung und am 29. Juni 2001 wurde das MuseumsQuartier mit einer programmatischen Offenheit eröffnet, die es bis heute prägt.

Die Zeit der Zwischennutzung und die ersten Jahre nach der Eröffnung hat der Kulturjournalist Thomas Trenkler in dem fotografischen Projekt „Thomas Trenklers Tagebuch“ festgehalten. Der Fokus liegt dabei nicht auf außergewöhnlichen Ereignissen, sondern auf alltäglichen Situationen.

Die Ausstellung schlägt auch eine Brücke in die Zukunft: Das MQ erscheint dabei nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als ein Areal in Transformation. Mit der 2023 gestarteten umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie „MQ goes Green“ wird die Vision eines energieeffizienten und umweltbewussten Areals vorangetrieben, um bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen. Neben der Begrünung des Außenbereichs zählen die Umstellung auf LED-Beleuchtung, ein umfassendes Müllkonzept und künstlerische Projekte zu den zentralen Säulen dieser Strategie.

Das Haus der Geschichte Österreich (hdgö), das größte kulturelle Bauprojekt des 21. Jahrhunderts, ist die erste inhaltliche Erweiterung des MuseumsQuartiers seit dessen Eröffnung im Jahr 2001.
Das Siegerprojekt des Berliner Büros O&O Baukunst sieht einen nachhaltigen Neubau in Holzbauweise vor, der sich harmonisch in den freigespielten Klosterhof einfügt. Das Projekt befindet sich derzeit in der Phase der Baueinreichung.

Die Architekten Manfred und Laurids Ortner haben auch nach der Eröffnung im Jahr 2001 immer wieder Projekte zur Weiterentwicklung des MuseumsQuartiers vorgelegt. 2020 wurde die „MQ Libelle” auf dem Dach des Leopold Museums verwirklicht. In der Ausstellung sind darüber hinaus großformatige Kreidezeichnungen für weitere Vorschläge zur Zukunft zu sehen: für eine Überdachung des Staatsratshofes mit einer Photovoltaik-Anlage, für einen neuen Zugang zur Kunsthalle und nicht zuletzt für den berühmt-berüchtigten Leseturm.

Im Rahmen eines Themendiploms an der TU Wien wurden 2025 Entwürfe zum Umgang mit dem historischen Bestand des Fischer-von-Erlach-Trakts des MQ konzipiert und ausgearbeitet. Im Dialog mit der MQ-Direktion entwickelten die Studierenden neue Raumkonzepte für den Fischer-von-Erlach-Trakt und formulierten zugleich Vorschläge für mögliche künftige Nutzungen. Die Arbeiten machen die räumlichen Potenziale der vorhandenen und übersehenen Zeitspuren sichtbar. Gleichzeitig wurden sie auf ihre architektonische, denkmalpflegerische sowie bauökologische Relevanz untersucht.

Die Studierendenarbeiten wurden von Prof. Heike Oevermann (Denkmalpflege und Bauen im Bestand), Prof. Wilfried Kuehn und Basma Abu-Naim (Raumgestaltung und Entwerfen) sowie Prof. Kristina Orehounig (Building Science and Human Ecology) betreut.

Heute ist das MuseumsQuartier mit rund fünf Millionen Besucher:innen jährlich eines der größten Kunst- und Kulturareale der Welt. Mit seinen vielfältigen Institutionen und der Gestaltung und Begrünung der Höfe hat es sich als öffentlicher Raum etabliert, in dem Kunst, Kultur und Alltag ineinandergreifen. Es bleibt bis heute ein Ort des Ausverhandelns, ein kultureller Knotenpunkt für künstlerische und gesellschaftliche Diskurse.

Vision und Widerstand – Wie das MuseumsQuartier Wien verändert
bis 25.01.2027
MQ Freiraum