5. Juli 2019 - 7:49 / Ausstellung / Tanz 
16. Mai 2019 13. Januar 2020

Das Wesen des klassischen Balletts im traditionsreichen Opernhaus am Ring steht im Zentrum der von Andrea Amort kuratierten Ausstellung. In acht Stationen wird Merkmalen nachgespürt, die die Geschichte des Ballett-Ensembles von der Kaiser-Zeit über das 20. Jahrhundert bis zur unmittelbaren Gegenwart prägen: darunter Dem Adel verpflichtet, Fanny Elßler – Role model, Wiener Dramaturgie sowie Paris & Wien. Thematisiert wird auch das Schaffen markanter Persönlichkeiten wie Josef Hassreiter, Gerhard Brunner, Rudolf Nurejew, Renato Zanella und Manuel Legris. Die Schau ist eine Kooperation mit dem Wiener Staatsballett.

Die Anfänge des Wiener Balletts gehen bis in das frühe 17. Jahrhundert zurück. Unter Kaiser Leopold I., der selbst tanzt und komponiert, treten neben den höfischen Tänzern mehr und mehr Berufstänzer in Erscheinung. Maria Anna Scio ist 1719 die erste Berufstänzerin im Ballett-Ensemble. Im frühen 18. Jahrhundert werden das Kärntnertortheater und das Theater nächst der Burg zu Spielstätten des Balletts. Unter der Regentschaft von Kaiserin Maria Theresia wird Wien zum europäischen Zentrum der Ballettreform, die zur Ausprägung des Handlungsballetts führt. Auch die Ära des Frühromantischen Balletts wird maßgeblich von Wien bestimmt.

Mit der Übersiedlung in die neu erbaute Hofoper am Ring (1869) beginnt für das Ballettensemble eine Phase der Konsolidierung. Maßgeblich von den Choreografen Carl Telle, Paul Taglioni als Gast und Josef Hassreiter bestimmt, repräsentiert es mit unterhaltenden großformatigen Schaugeprängen die Habsburger Monarchie. Künstlerisch orientiert man sich zwar am internationalen Geschehen, bildet aber zunehmend nationale Themen aus. Hassreiters Ballett Die Puppenfee (1888) wird zum Welterfolg. Bis 1918 stets dem politischen Adel in Inhalt und Ästhetik verpflichtet, eröffnen sich dem Ballett des 20. Jahrhunderts, das zunehmend auf Individualität in Stil und Choreografie setzt, neue künstlerische Wege. An der Wiener Staatsoper legt nun der Operndirektor die Leitung und damit Ausrichtung des Ballettensembles fest.

In der Ära von Richard Strauss entwickelt Heinrich Kröller gemeinsam mit dem komponierenden Opernchef einen spezifischen Ballettspielplan. Danach bestimmt zunehmend ein Wechselspiel von Klassik und Moderne das Erscheinungsbild des Ensembles. International ausstrahlende Perioden folgen: etwa jene von Erika Hanka (1942–1958), die auch die Ballett-Eröffnungspremiere 1955 in der renovierten Staatsoper der Zeit entsprechend festlegt: Giselle als Besinnung auf die Klassik und Der Mohr von Venedig von Boris Blacher als Uraufführung. Aurel von Milloss beauftragt in seiner ersten Wiener Ära (1963–1966) Rudolf Nurejew mit der Neuinszenierung von Schwanensee. Gerhard Brunner (1976–1990) setzt auf eine anspruchsvolle Wiener Dramaturgie – musikalisch und choreografisch. Er bindet Jiří Kylián, Hans van Manen, Rudi van Dantzig, John Neumeier und Jochen Ulrich wiederholt ans Haus, lädt William Forsythe ein und fördert junge ChoreografInnen.

Als intensiv choreografierender und junge KollegInnen unterstützender Direktor schreibt sich Renato Zanella (1995–2005) in die jüngere Wiener Ballettgeschichte ein.

2010 übernimmt Manuel Legris die Leitung der unter seinem Vorgänger Gyula Harangozó zusammengeführten Ensembles von Staatsoper und Volksoper, die seit 2005 unter dem Namen Wiener Staatsballett auftreten. Mit seinen genauen Vorstellungen von der Ästhetik eines Ensembles aus Pariser Sicht erzielt Legris eine stringente künstlerische Form, die den Ruf des Staatsballetts international erneuert. Die Weiterführung des Nurejew-Erbes bildet neben Legris’ klassischen Eigenproduktionen sowie zahlreichen modernen Choreografien einen Grundpfeiler der Repertoirepflege.

Die Spitze tanzt. 150 Jahre Ballett an der Wiener Staatsoper
16. Mai 2019 bis 13. Jänner 2020

Theatermuseum
Lobkowitzplatz 2
A - 1010 Wien

W: https://www.theatermuseum.at

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  •  16. Mai 2019 13. Januar 2020 /
Plakat zur Ausstellung Die Spitze tanzt. 150 Jahre Ballett an der Wiener Staatsoper Blick auf die Seitenbühne der Wiener Staatsoper bei einer Probe zu Schwanensee. © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Plakat zur Ausstellung Die Spitze tanzt. 150 Jahre Ballett an der Wiener Staatsoper Blick auf die Seitenbühne der Wiener Staatsoper bei einer Probe zu Schwanensee. © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Fanny Elßler, 1870 Foto: Carl von Jagemann, Wien Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Fanny Elßler, 1870 Foto: Carl von Jagemann, Wien Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Luigia Cerale als Giselle Einstudierung: Carl Telle, Musik: Adolphe Adam, um 1880 Foto: J. Löwy, Wien Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Luigia Cerale als Giselle Einstudierung: Carl Telle, Musik: Adolphe Adam, um 1880 Foto: J. Löwy, Wien Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Ottilie Massanetz, Johanna Eiselt, und Anna Hrabal als Wiener Fiaker in Wiener Walzer, Choreografie: Louis Frappart, Musik: zusammengest. v. Josef Bayer, 1889, Foto: Edmund Tietz, Wien Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Ottilie Massanetz, Johanna Eiselt, und Anna Hrabal als Wiener Fiaker in Wiener Walzer, Choreografie: Louis Frappart, Musik: zusammengest. v. Josef Bayer, 1889, Foto: Edmund Tietz, Wien Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Hedwig von Haentjens als Diana in Sylvia, Choreografie: Carl Telle, Musik: Leo Delibes, 1891 Foto: Anonym Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Hedwig von Haentjens als Diana in Sylvia, Choreografie: Carl Telle, Musik: Leo Delibes, 1891 Foto: Anonym Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Figurine „Tanz der Perlen“ aus dem Ballett Rübezahl nach einem Libretto und in der Ausstattung von Alfred Roller (Entwurf 1906), Choreografie: Carl Godlweski, Musik: Leo Delibes u. a., Premiere 1907 Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Figurine „Tanz der Perlen“ aus dem Ballett Rübezahl nach einem Libretto und in der Ausstattung von Alfred Roller (Entwurf 1906), Choreografie: Carl Godlweski, Musik: Leo Delibes u. a., Premiere 1907 Theatermuseum © KHM-Museumsverband
hristl Zimmerl tanzt die „Cachucha“, 1969 Foto: Anonym © Privatbesitz
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Rudolf Nurejew bei einer Probe für Don Quixote, Choreografie: Rudolf Nurejew, Musik: Ludwig Minkus, 1977 Foto: Bundestheater-Holding GmbH/ Helmut Koller
Rudolf Nurejew bei einer Probe für Don Quixote, Choreografie: Rudolf Nurejew, Musik: Ludwig Minkus, 1977 Foto: Bundestheater-Holding GmbH/ Helmut Koller
Rebecca Horner und Andrey Kaydanovskiy in Cacti, Choreografie und Ausstattung: Alexander Ekman, Musik: Franz Schubert u. a., 2015 Foto: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Rebecca Horner und Andrey Kaydanovskiy in Cacti, Choreografie und Ausstattung: Alexander Ekman, Musik: Franz Schubert u. a., 2015 Foto: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Eno Peci (li.) als Arzt/Serge Diaghilew und Jakob Feyferlik als Mann/Vaslaw Nijinsky in Le Pavillon d’Armide, Choreografie und Ausstattung: John Neumeier, Musik: Nikolai Tscherepnin, Igor Strawinsky, 2017 Foto: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Eno Peci (li.) als Arzt/Serge Diaghilew und Jakob Feyferlik als Mann/Vaslaw Nijinsky in Le Pavillon d’Armide, Choreografie und Ausstattung: John Neumeier, Musik: Nikolai Tscherepnin, Igor Strawinsky, 2017 Foto: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Foto: Tom Ritter Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Foto: Tom Ritter Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Foto: Tom Ritter Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Foto: Tom Ritter Theatermuseum © KHM-Museumsverband
Rechter roter Seidensatinstiefel von Fanny Elßler, getragen in der „Cracovienne“, 1839 Foto: Tom Ritter Theatermuseum © KHM-Museumsverban
Rechter roter Seidensatinstiefel von Fanny Elßler, getragen in der „Cracovienne“, 1839 Foto: Tom Ritter Theatermuseum © KHM-Museumsverban