Die slawische Migration hat Osteuropa verändert, wie neue genetische Analysen zeigen

Während die Eroberungen germanischer Völker in Quellen detailliert beschrieben sind, blieb die Ausbreitung der Slawen weitgehend unsichtbar. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat im Fachjournal Nature genetische Daten aus über 550 frühmittelalterlichen Bestattungen ausgewertet. Diese liefern neue Einblicke und stellen alte Modelle infrage.

In historischer Zeit gab es keine Wanderbewegung auf dem europäischen Kontinent, die so nachhaltig und prägend für die spätere Geschichte war wie die der Slawen, die ab dem 6. Jahrhundert einsetzte. Trotzdem wissen wir über ihre Ausbreitung erstaunlich wenig. Während die Eroberungen germanischer Völker in den Quellen dramatisch geschildert werden, erfahren wir über die Ausbreitung der Slawen fast nichts. Sie gründeten zunächst keine großen Reiche, von ihren Anführern ist wenig bekannt und auch archäologisch hinterließen sie kaum Spuren: Sie verbrannten ihre Toten, ihre Keramik war schlicht und ihre Häuser einfach. Sie kannten weder Schrift noch eine adelige Elite, die Reichtum durch Prunkobjekte sichtbar machte. Wie konnten sie sich dennoch so erfolgreich ausbreiten?

Neue Erkenntnisse liefert das groß angelegte Forschungsprojekt „HistoGenes“, dessen Ergebnisse nun im renommierten Fachjournal Nature veröffentlicht wurden. Erstmals wurden darin genomweite Daten von mehr als 550 Menschen aus dem 6. bis 8. Jahrhundert ausgewertet – aus Ostdeutschland, Polen, der Ukraine, Tschechien, Österreich, Kroatien und Russland.

Gegenmodell zu Eroberung und Imperium

„Es gab kleine, dörfliche Gemeinschaften, die weitgehend autonom waren, aber keine starken Gruppenidentitäten und übergreifende Organisation. Das war ein Gegenmodell zum straff durchorganisierten Römischen Reich“, sagt Walter Pohl, Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor am Institut für Geschichte der Universität Wien. Er koordiniert das vom European Research Council finanzierte Großprojekt „HistoGenes“. „Das ursprüngliche Modell, das in der Forschung geherrscht hat, ging von einer systematischen Expansion der Slawen von einer Urheimat aus“, so Pohl. Der Begriff „Expansion“ trifft also nur bedingt zu, da er die irreführende Vorstellung einer festen Einheit enthält, die sich neue Siedlungsgebiete aneignet.

Waren es gerade diese simplen und flexiblen Strukturen, die in einer Zeit der Umbrüche und Krisen besonders gut geeignet waren, um sich in Europa auszubreiten? „Dieses Modell einer materiell weitgehend anspruchslosen Kultur, die keine sichtbaren Symbole von Status und ethnischer Zugehörigkeit hinterließ, konnte sich offensichtlich auch in schwierigen Zeiten von Klimaverschlechterung und Pestepidemien durchsetzen“, so Pohl. Womöglich waren viele Zeitgenoss:innen unzufrieden mit dem Römischen Reich, das an Glaubwürdigkeit verloren hatte. „Die Abgaben waren hoch und die Hoffnung auf ein gutes Leben konnte in vielen Regionen offensichtlich nicht mehr erfüllt werden“, so Pohl. Die Slawen boten eine pragmatische Alternative zur Vorherrschaft kriegerischer Führungsschichten bei Goten, Hunnen oder Franken. Sie leisteten Abgaben nur, wenn sie von Fremden unterworfen wurden, etwa von den awarischen Reitern.

Veränderte genetische Zusammensetzung der Bevölkerung

Neue Analysen zeigen einen tiefgreifenden Bevölkerungswandel: In Regionen wie Ostdeutschland, Polen/Ukraine und dem nördlichen Balkan stammten im 6.–8. Jahrhundert über 80 Prozent der Bevölkerung von Zuwanderern aus Osteuropa ab. Diese Ergebnisse werden durch eine unabhängige Studie aus Südmähren bestätigt, in der 18 Genome untersucht wurden, die mit einem der ersten slawischsprachigen Staaten in Verbindung stehen.

Sie erlauben auch, die Herkunft slawischer Bevölkerungen zu rekonstruieren. Joscha Gretzinger vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen: „Überall, wo ab dem 8. Jahrhundert Slawen bezeugt sind, finden sich ähnliche genetische Spuren. Sie deuten auf eine Herkunft der Zuwanderer aus einem Raum etwa zwischen Baltikum und Westukraine.“

Regionale Unterschiede

In vielen Regionen nördlich der Donau und der Karpaten war im 5. und 6. Jahrhundert die germanische Bevölkerung abgewandert, sodass sich die Slawen ungehindert ausbreiten konnten. Dort lässt sich später eine Bevölkerung nordöstlichen Ursprungs nachweisen. Weiter südlich vermischten sie sich in unterschiedlichem Maß mit der Vorbevölkerung und setzten oft ihre einfache Lebensweise durch. Auch in Ostösterreich finden sich seit dem 8. Jahrhundert verbreitet Spuren der Zuwanderer und ihrer Verbindungen mit anderen Bevölkerungsgruppen.

„Wir können uns das als Grassroots-Bewegung vorstellen, die in kleineren Gruppen oder kurzfristigen Zusammenschlüssen neue Siedlungsgebiete erschloss, wo sie sich verstreut niederließen. Ihr Erfolg beruhte offenbar auf einer anspruchslosen und nachhaltigen Lebensweise ohne markante Hierarchien“, erklärt der Historiker der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Pohl. Im Unterschied zu den Völkern germanischer Herkunft verlief ihre Ausbreitung nicht in großen Kriegszügen und dramatischen Herrschaftswechseln, weshalb darüber kaum berichtet wurde. Doch sie führte zu einem bleibenden Wandel der Bevölkerung, die ihre genetischen Herkunftsmerkmale weitgehend bewahrte.