Die Sammlungspräsentation im Oberen Belvedere betrachtet Kunst im Kontext der Epoche ihrer Entstehung. Der Fokus der Ausstellung geht über einen rein kunsthistorisch-stilgeschichtlichen Zugang hinaus, indem sie sich den Wechselwirkungen zwischen Kunst und Gesellschaft widmet. Beeinflusst durch das politische und soziale Umfeld, Migration, ökonomische Rahmenbedingungen sowie Aspekte wie internationale Vernetzung, spiegelt künstlerische Produktion immer auch die Komplexität ihrer Zeit wider.
Die Präsentation gibt einen umfassenden Einblick in die Sammlung des Belvedere – von den frühesten Werken aus dem späten 12. Jahrhundert bis hin zur feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre. Ikonische Arbeiten wie die „Charakterköpfe” Messerschmidts oder der weltbekannte Bestand zu „Wien um 1900” sind ebenso präsent wie Schwerpunkte wie die zentraleuropäische Moderne und transnationale Netzwerke des frühen 20. Jahrhunderts. Die Dauerausstellung zeigt rund 400 Exponate – darunter Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien und Skulpturen – sowie kontextualisierendes Material auf einzelnen Medienstationen. Ergänzende Informationen sind in Form von Grafiken, Landkarten oder dokumentarischen Aufnahmen verfügbar.
Mittelalter – Renaissance 1200–1600
Die ältesten Werke der Sammlung stammen aus dem späten 12. Jahrhundert und zeigen den künstlerischen Wandel von der Romanik zur Gotik und schließlich zur anbrechenden Renaissance. Ein zentraler Aspekt ist dabei der Übergang von anonymer Kunst im Dienst der Religion zu selbstbewusst signierten Werken, die die Künstler sichtbar werden lassen.
Barock (1600–1800)
Repräsentation und dramatische Inszenierung, aber auch wirklichkeitsgetreue Darstellungen von Landschaften und Alltagsgegenständen kennzeichnen die Kunst des Barock. Wichtige Auftragswerke von aristokratischer und kirchlicher Seite vermitteln bis heute ein vielfältiges Bild dieser Zeit. Unabhängig davon entstehen Franz Xaver Messerschmidts „Charakterköpfe”, die mit ihrer Vieldeutigkeit bis heute faszinieren.
Klassizismus – Biedermeier
Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert vollzieht sich in Gesellschaft und Kunstauffassung ein Wandel. Die Themen der Malerei werden nun weniger aus den Ereignissen der Vergangenheit als aus dem Hier und Jetzt mit all seinen sozialen Gegensätzen in Stadt und Land geschöpft. Zugleich gewinnt die Naturdarstellung an Bedeutung; beliebte Motive finden sich vor allem in der Bergwelt des Salzkammerguts und im Berchtesgadener Land.
Wien um 1900
Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich Wien zu einer Großstadt. Die künstlerische Ausstattung der repräsentativen Ringstraßenbauten beschäftigte zahlreiche Künstler:innen. Dieser Aufschwung führt zur Gründung der Secession. Gustav Klimt ist bereits damals der berühmteste Maler Wiens und sein Gemälde Der Kuss gelangt schon zu seinen Lebzeiten ins Belvedere. In dieser Zeit gewinnen auch Künstlerinnen immer mehr Bekanntheit und Ansehen.
Aufbruch in die Moderne (1900–1920)
Die Industrialisierung verändert die Gesellschaft tiefgreifend. Höhere Ausbildungsstandards werden notwendig und die Schul- und Ausbildung, bis hin zum Zeichenunterricht, wird staatlich professionalisiert. Dies beeinflusste auch das Kunstschaffen maßgeblich. Gleichzeitig werden durch die neuen Techniken die Kommunikation und der künstlerische Austausch vereinfacht und beschleunigt. Dies ist an künstlerischen Netzwerken und ihren Zeitschriften wie „Der Sturm” und „Die Aktion” abzulesen.
Avantgarden 1920er-1950er
Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutet für viele Künstler:innen die Möglichkeit, wieder Konzepte und Utopien im internationalen Austausch zu diskutieren. Das Aufkommen der unterschiedlichen Nationalismen und der totalitären Diktaturen sowie schließlich der Zweite Weltkrieg isolieren die Künstler:innen und vernichten Existenzen. Erst nach 1945 führen allmählich vereinte Bestrebungen die Künstler:innen wieder zueinander und erlauben durch internationale Gemeinsamkeiten eine Öffnung hin zu künstlerischen Neuansätzen.
Avantgarden der 1960er- und 1970er-Jahre
Das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft erfährt ab den 1960er-Jahren eine starke Dynamisierung: In Reaktion auf die klerikal-repressive, postnazistische Atmosphäre setzt der Wiener Aktionismus provokativ den menschlichen Körper als künstlerisches Material ein. Gleichzeitig formiert sich eine Generation feministischer Künstlerinnen, die patriarchale Strukturen und Rollenverständnisse aufbrechen. Zunehmend wird das Publikum aktiver und integraler Bestandteil des Kunstwerks.
Schau!
Die Sammlung Belvedere von Cranach bis Lassnig
Oberes Belvedere