Die Praxis der Ästhetik

13. Februar 2013 Rosemarie Schmitt
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Glaubt man der Ästhetischen Theorie des Theodor Ludwig Wiesengrund Adorno, so wurde zur Selbstverständlichkeit, daß nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht. (Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften). Ich schreibe lieber mal dazu, wo ich es gelesen habe, denn ich gedenke noch nicht, von meinem Amt als ClassiCuß-Schreiberin zurückzutreten.

Ob Catherine Manoukian dieser Theorie Glauben schenkte, weiss ich nicht, doch sie beschäftigte sich intensiv mit diesem Thema. Die "Theorie der Ästhetik" war Schwerpunkt ihres Masterabschlussses des Studiums der Klassischen Philosophie. Die Symbiose aus Philosophie und Musik ist, was jene Aufnahme, die ich Ihnen hier vorstellen möchte, ausmacht. Lange bevor Catherine Manoukian sich mit Philosophie beschäftigte, machte sie durch ihre angeborene Musikalität auf sich aufmerksam. Ihr Vater brachte ihr die Geigentöne bei, und bereits im Alter von vier Jahren stand sie zum ersten Mal auf einer Bühne.

Nein, selbstverständlich stand sie nicht nur so rum, sondern spielte Geige. Sie führte ihr Violinstudium fort und beendete ihre Ausbildung bei keiner Geringeren als der großartigen amerikanischen Violin-Pädagogin Dorothy DeLay, die eine Woche vor ihrem 85. Geburtstag im Jahre 2002 in New York starb. Zu Dorothy DeLays Studenten gehörten unter anderem Itzhak Perlman, Midori Gotō, Sarah Chang, Cho-Liang Lin, Nigel Kennedy, Shlomo Mintz, Gil Shaham und eben auch Catherine Manoukian.

Nun hat diese kluge und begabte Lady ihre 6. CD herausgebracht! Gemeinsam mit der Staatskapelle Weimar, unter der Leitung ihres Ehemannes Stefan Solymon, spielte sie das einzige Violinkonzert des Komponisten Edward Elgar ein. Nicht etwa in einem Studio, sondern live! An jedem 2. Juni eines Jahres feiert Catherine Manoukian übrigens ihren Geburtstag gemeinsam mit Elgar, jedenfalls gedanklich, denn der an einem 2. Juni geborene Komponist verstarb im Jahre 1934.

Der, wie Manoukian, von Geburt an mit Musikalität gesegnete, und im Alter von 47 Jahren zum Ritter geschlagene (nicht wie Manoukian!) Edward Elgar war Sohn eines Musikalienhändlers. Er spielte mehrere Instrumente, zum Beispiel Fagott, Cello, Orgel oder auch Violine. Sein einziges Violinkonzert (h-Moll) wurde am 10. November 1910 in London uraufgeführt.

Wenn man diese Live-Einspielung von Catherine Manoukian hört, kommt man nicht umhin den Gedanken an die Theorie der Ästhetik wieder aufzugreifen. Ohne sinnliche Wahrnehmung, in diesem Falles das Hören, vermag man kaum zu beurteilen, ob etwas nun der ganz eigenen Vorstellung des Empfindens von Ästhetik entspricht. Wie ich, auch situationsabhängig, etwas wahrnehme, entscheidet, ob dieses ästhetisch ist, oder eben nicht. Für mich ästhetische Prädikate sind zum Beispiel: anmutig, sanft, erhaben, malerisch, wohlgestaltet, harmonisch, feinsinnig oder gefällig.

Und das Geigenspiel von Catherine Manoukian ist für mich ohne Zweifel nicht nur theoretisch, sondern im Besonderen auch praktisch ausgesprochen ästhetisch! Als kleines Schmankerl spielt die begnadete Geigerin "Salut d’Amour", das Edward Elgar im Jahre 1888 für seine Verlobte schrieb. Adressiert von Manoukian ganz sicher an das Herz ihres Ehemannes und unser aller Ohren.

Wenn Sie möchten, daß ich diese Einspielung adressiert an Sie versende, dann beantworten Sie doch bis zum kommenden Mittwoch folgende Frage an antwort@musikkolumne.de und Sie werden sehen – und hören!
In welchem Jahr wurde der Komponist Edward Elgar geboren?

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt