Herbert Rauch (1929–2012), der im Brotberuf jahrzehntelang als Briefträger in Rankweil unterwegs war, pflegte im Verborgenen eine tiefe künstlerische Leidenschaft. In seiner Freizeit verwandelte er sich in einen detailversessenen Chronisten des Unscheinbaren. Nun hat sein Sohn Johannes Rauch, ehemaliger Gesundheitsminister in Österreich, das fotografische Spätwerk gesichtet und im Verlag Edition108 den eleganten Bildband "So gesehen“ herausgegeben. Das Buch, meisterhaft gestaltet von Grafikdesigner René Dalpra, konzentriert sich ganz auf die beiden Werkgruppen "Steine“ und "Federn“.
Rauchs Arbeitsweise war geprägt von einer heute fast vergessenen Entschleunigung und extremem Perfektionismus. Der Autodidakt verbrachte oft Wochen oder gar Jahre mit einem einzigen Motiv. Er experimentierte unermüdlich im Studio mit dem Einfallswinkel des Lichts, veränderte Nuancen und suchte nach der perfekten Kontrastierung im analogen Schwarz-Weiß-Verfahren. Von hundert mühsam belichteten Platten oder Filmen überlebten oft nur zwei oder drei seinen eigenen, unbarmherzigen Qualitätsanspruch.
Die im Buch versammelten Aufnahmen zeigen die beeindruckenden Resultate dieser Geduldsarbeit. Federn werden durch Rauchs Linse zu grafischen Kunstwerken, die gleichermaßen organisch wie immateriell wirken. Die Steine wiederum scheinen ihrer physischen Schwere beraubt; sie scheinen im tiefen Schwarz des Hintergrunds zu schweben und offenbaren Risse, Texturen und Jahrmillionen alte Strukturen, an denen das Auge im Alltag achtlos vorbeigeht.
"So gesehen" beweist eindrücklich, dass Monochromie in der Fotografie keine Reduktion bedeutet, sondern eine Verdichtung des Wesentlichen. Der Band ist weit mehr als ein liebevoll verwalteter Familiennachlass. Er ist die späte, hochverdiente Entdeckung eines lokalen Talents, dessen Bilder den Betrachter zwingen, innezuhalten. Herbert Rauchs Werk ist eine Einladung, die Welt mit offeneren, geduldigeren Augen zu sehen – ein visuelles Juwel für jeden Fotoliebhaber.
Herbert Rauch: So gesehen
Hrsg. v. Herbert Rauch Nachfahren
160 Seiten, 71 Abbildungen, Hardcover
Edition108, 2026
ISBN 978-3-200-11081-6
Preis: 49.50 Euro