Die weltweit einzigartige Wiener pathologisch-anatomische Sammlung dient seit über 200 Jahren der Dokumentation und Erforschung von Krankheiten. Der sogenannte "Narrenturm" wurde generalsaniert und hier präsentieren sich 19 modern gestaltete Ausstellungsräume, die einen Einblick in Krankheitslehre und Pathologiegeschichte geben.

Der sogenannte "Narrenturm" wurde 1784 für die Pflege von psychisch auffälligen Menschen erbaut und gilt nicht nur als Manifest für den Klassizismus in Österreich, sondern auch als Zeugnis der josephinischen Aufklärung. Die "k.k. Irrenanstalt im Narrenturm" war die weltweit erste, allein zu diesem Zweck erbaute Einrichtung im Bereich des neu erbauten Allgemeinen Krankenhauses, in der versuchte wurde, psychische Krankheiten menschenwürdig zu behandeln, anstatt die psychisch Kranken einfach wegzusperren.

2012 fand die Eingliederung des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im "Narrenturm" in das Naturhistorische Museum Wien statt, mit der vertraglichen Auflage, das Gebäude zu sanieren.

Im Zuge der Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes wurde die Dauerausstellung grundlegend überarbeitet und ist nun erstmals systematisch nach den Kriterien der Krankheitslehre aufgestellt.

Diese hat das Ziel, die Inhalte der Sammlung nicht nur für Ärzt_innen, Medizinstudent_innen oder Krankenpfleger_innen, sondern auch Schüler_innen und dem interessierten Laienpublikum zu vermitteln.

Die didaktische Aufarbeitung des Themas hat sich an die vorgegebene Raumstruktur des "Narrenturms" mit seinen ehemaligen Zellen angepasst und macht diesen Museumsabschnitt zu etwas Einzigartigem. Aktuelle Themen und historische Aspekte werden aufgenommen.

Die Ausstellung, die voraussichtlich ab 30. November wieder zugänglich ist, bietet Interessierten die Möglichkeit, mehr über Krankheitsbilder und die dazu gehörenden Informationen wie Ursache, Ausprägungen und Behandlungsmethoden zu erfahren.

Geschichte des Areals

Am Ende der römischen Kaiserzeit (3. Jh. n. Chr.) lag das heutige Areal des "Narrenturms" außerhalb des Legionslagers an der Limesstraße. Archäologische Grabungen im Zuge der Renovierungsarbeiten des "Narrenturms" brachten ein Brandgrab mit Grabbeigaben dieser Zeit zutage. Der heutige neunte Wiener Gemeindebezirk Alsergrund diente bereits im Mittelalter als Standort für Spitäler, die außerhalb der Wiener Stadtmauer gegründet wurden. In der "Siechenals" gab es ab 1298 ein Lazarett, das später zum Contumazhof, einer Quarantänestation für Pestkranke, umgebaut wurde. Gegenüber, in der Währinger Straße, entstand 1656 das Bäckenhäusl, ein Armenspital, und 1754 in der Boltzmanngasse das k. k. Militär-National Spital und das Spanische Spital.

Gleich benachbart bestand seit 1693 das Großarmen- und Invalidenhaus, welches 1784 zum Allgemeinen Krankenhaus von Wien umgebaut wurde. Die Spitäler der Umgebung wurden aufgelassen. Dieses AKH wurde bis 1993 medizinisch genutzt, bevor es die Universität Wien als Universitätscampus adaptierte.

Der "Narrenturm"

Die "k. k. Irrenanstalt zu Wien" im neu erbauten "Narrenturm" wurde am 19. April 1784 eröffnet und war die erste Anstalt Europas, die ausschließlich zur Behandlung psychisch Kranker errichtet wurde. Architekt Josef Gerl errichtete den Bau nach den Vorstellungen von Kaiser Joseph II., welcher den "Narrenturm" aus seinem Privatvermögen finanzierte. So gilt der Bau nicht nur als Manifest für den Klassizismus in Österreich, sondern auch als Zeugnis der josephinischen Aufklärung.

Das Rundgebäude war für eine psychiatrische Anstalt einzigartig. Der fünfstöckige Turm umfasst pro Stockwerk 28 Zellen und eine verbindende Sehne in der Mitte und hatte in seiner Ursprungsform auch ein zentral das Gebäude überragendes, hölzernes Oktogon am Dach, das von Joseph II. regelmäßig besucht wurde.

Schon in den 1820ern wurde eine Schließung des "Narrenturms" überlegt, da der Bau für den Spitalsbetrieb ungeeignet war. Nach Umbauten 1857 wurde er noch bis 1866 als Anstalt für psychisch Kranke geführt. Danach wurden die Patienten in andere Anstalten am Bründlfeld oder in Ybbs übersiedelt.

Nach 1870 wurden im "Narrenturm" Wirtschaftsräume des Allgemeinen Krankenhauses untergebracht. Ab 1900 wurden hier Dienstwohnungen für medizinisches und Pflegepersonal, Studierende und Bedienstete des AKH eingerichtet.

Seit 1971 ist das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum dort untergebracht, das mit 1.1.2012 als pathologisch-anatomische Sammlung im "Narrenturm" in das Naturhistorische Museum Wien eingegliedert wurde.

Das Gebäude selbst ist denkmalgeschützt und heute im Besitz der Universität Wien. Im Zuge der Generalsanierung 2020 wurden zahlreiche Um- und Einbauten rückgeführt, sodass das jetzige Erscheinungsbild wieder dem ursprünglichen Zustand entspricht.

1796: Gründung der Sammlung

Die Idee zu einer Präparatesammlung in Wien hatte bereits Josef Pasqual Ferro (1753−1809), Sanitätsreferent und erster Stadtphysikus.

Der Arzt Johann Peter Frank (1745−1821), Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, gründete schließlich 1796 das Pathologisch-anatomische Museum im neuen Pathologischen Institut. Er bestellte den Arzt Aloys Rudolph Vetter (1765−1806) zum unbesoldeten Prosektor und Konservator der Pathologischen Sammlung. Als Frank und Vetter 1804 Wien verließen, war man uneinig, zu welcher medizinischen Fachrichtung das Museum gehören soll.

Ab 1812 trat unter dem kaiserlichen Leibarzt Josef Andreas v. Stifft (1760−1836) eine umfassende Reglementierung des Gesundheitswesens in Kraft. Der Umgang mit Leichen im Wiener Allgemeinen Krankenhaus war genau festgelegt, ebenso die Akquisition der Präparate.

Es wurde bestimmt, dass "... im Krankenhaus, inclusive Gebär- und Irrenanstalt Verstorbene mit einer merkwürdigen Erkrankung vom pathologischen Prosektor im Beisein der Ärzte geöffnet werden müssen. Der Befund wird protokolliert, die Präparate werden für das pathologische Museum gesammelt und mit der Geschichte der Krankheit belegt."

1812–1829: Laurenz Biermayer

Laurenz Biermayer (1778−1843) wurde 1812 pathologischer Prosektor am neugegründeten Institut für pathologische Anatomie, nahm die pathologischen Sektionen vor und verwaltete das Museum. 1813 begann er den bis heute geführten Museumskatalog.

1817 begann Biermayer mit der systematischen, bis heute durchgehenden Aufzeichnung der Obduktionsbefunde und erweiterte die Sammlung auf fast 4.000 Präparate. 1829 wurde er wegen Dienstvernachlässigung entlassen. Nachfolgender Leiter des Museums und der Prosektur war − bis zu seinem frühen Tod durch Tuberkulose − sein Assistent Johann Wagner (1800−1832).

1834–1874: Carl v. Rokitansky

Ab 1827 arbeitete Carl v. Rokitansky (1804−1878), zunächst als unbesoldeter Praktikant, ab 1832 als Leiter am Pathologisch-anatomischen Institut. Wegen des schlechten Zustands zahlreicher Präparate durch ungeeignete Alkoholkonservierung musste Rokitansky den Bestand auf 1.375 Stück reduzieren. Neben seinen Aufgaben als Ordinarius und Professor für Pathologie vermehrte er den Museumsbestand auf 4.833 Stück und legte einen neuen Katalog an.

Rokitansky ergänzte gezielt die Sammlung, die unerlässlich für Unterricht und Forschung war. Fast alle der in seinen wissenschaftlichen Arbeiten vorgestellten Präparate sind heute noch in der Sammlung erhalten.

Unter seiner Leitung wurde 1862 das neue Pathologische Institutsgebäude eröffnet, mit großen hellen Sälen für das Museum.

Rokitanskys Nachfolger

Carl von Rokitanskys Schüler Richard Heschl (1824−1881) wurde 1875 sein Nachfolger. Er erweiterte das Museum um viele Knochenpräparate, vor allem um Schädel. Johann Kundrat (1845−1893), ebenfalls Rokitansky-Schüler, wurde 1883 Ordinarius der Wiener Lehrkanzel und brachte einen Teil der Grazer Präparatesammlung mit. Sein Spezialgebiet waren Gehirnfehlbildungen, wie die Erstbeschreibungen von Porencephalie (seltener angeborener oder erworbener Defekt des Gehirngrundgewebes mit Ausbildung einer Zyste) und Arhinencephalie (das Fehlen des Riechhirns) 1882 zeigen.

Der Schwerpunkt seines Nachfolgers Anton Weichselbaum (1845−1920) war bereits die pathologische Histologie und Bakteriologie. Er beschrieb Mikroorganismen wie den sogenannten Weichselbaum- Diplococcus, Verursacher von Hirnhautentzündung.

1924 wurde Rudolf Maresch (1868−1936) Ordinarius für Pathologie; er ordnete das Museum neu und öffnete es für medizinisch interessierte Gäste. Ab 1929 führte Maresch die systematische Ordnung der Präparate nach den Prinzipien der allgemeinen und speziellen Pathologie ein. Von vielen Präparaten wurden auch histologische Befunde angefertigt.

Ab 1936 erweiterte Ordinarius Hermann Chiari (1897−1969) das Museum auf 14.000 Präparate. Die während des 2. Weltkrieges sicher im Keller verwahrte Sammlung wurde ab 1946 vom engagierten Kustos Karl Portele (1912−1993) nachkatalogisiert und neu aufgestellt. Er wandte dafür neue Präparationsmethoden an.

1971 Umzug in den "Narrenturm"

Aus Platzgründen musste 1971 die gesamte Sammlung innerhalb einer Woche in 14 Zellen des "Narrenturms" übersiedelt werden. Die Sammlung wurde 1974 aus dem Allgemeinen Krankenhaus ausgegliedert und Karl Portele wurde Direktor des neuen pathologisch-anatomischen Bundesmuseums. Ab diesem Zeitpunkt trennten sich die Wege zwischen pathologisch-anatomischem Institut und pathologisch-anatomischem Bundesmuseum.

Als Bundesmuseum war es nun leicht, andere Lehrsammlungen von Wiener Spitälern sowie nationale und internationale Sammlungen einzugliedern. Der Bestand wuchs auf fast 50.000 Objekte einschließlich medizinhistorischer Geräte.

Die pathologisch-anatomische Sammlung gilt heute als weltweit größte Sammlung pathologischer Präparate.

Die Sammlung heute

Präparatesammlungen sind in der medizinischen Lehre nach wie vor wichtiges Anschauungsmaterial. Der didaktische Wert liegt in der Vielfalt der dokumentierten Krankheiten und den zahlreichen heute bei uns nicht mehr vorkommenden Ausprägungsformen. Ein Teil der Sammlung wurde auch öffentlich zugänglich gemacht.

Karl Porteles Nachfolgerin, die Ärztin Beatrix Patzak (Direktorin von 1993−2013), öffnete die Sammlung im "Narrenturm" mit einem zeitgemäßen Führungs- und Veranstaltungsprogramm. Der wissenschaftliche Wert der Sammlung spiegelt sich in zahlreichen Forschungsprojekten wider. Durch den technologischen Fortschritt in Diagnostik und Genetik gewinnen die historischen Präparate an Bedeutung für die aktuelle Forschung.

2012 fand eine Eingliederung des Bundesmuseums in das Naturhistorische Museum Wien statt. Diese war mit der vertraglichen Auflage einer Generalsanierung des Gebäudes verbunden.

Ausführender Architekt der Renovierungsarbeiten des gesamten Gebäudes war Architekt Thomas Kratschmer. Die Umgestaltung des Erdgeschosses für die neue Schausammlung erfolgte gemeinsam mit Architekt Martin Kohlbauer, der die Innenarchitektur der neu gestalteten Ausstellungsräume entwickelte.

Pathologisch-anatomische Sammlung des NHM Wien im "Narrenturm"
Spitalgasse 2, 1090 Wien

Naturhistorisches Museum Wien
Burgring 7
A - 1010 Wien

W: http://www.nhm-wien.ac.at/

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© NHM Wien, K. Kracher
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