Auf wenige Komponenten lässt sich das Werk von Christian Stock im Wesentlichen reduzieren: Bildträger, Farbe und als immateriellen Faktor die Zeit. Mit diesen Bestandteilen verfährt Stock wie ein Wissenschaftler im Labor. Die Feldkircher Galerie Feurstein gibt noch bis 11. Juli 09 einen Einblick in das Schaffen des Tiroler Künstlers.
In langjährigen Testreihen, den Werkgruppen, werden Versuchs-anordnungen angelegt, die sich an und bisweilen über die Grenzen der Malerei hinaus bewegen. Stocks Ausgangspunkt seiner "künstlerische Grundlagenforschung", so der Kurator Martin Fritz über dessen malerische Methode, ist der einzelne Pinselstrich.
Im Zentrum von Stocks Arbeit stehen die Würfelbilder, um die sich die anderen Serien als Variationen, Spin-offs oder (ironische)Kommentare gruppieren. Ab Mitte der 1980er Jahre entstanden, erweitert diese Malerei den Begriff des Tafelbildes, stellt es in Frage und transformiert es aus dem malerischen Illusionsraum und der Fläche in den gegenständlichen Realraum. Dabei wird auf eine quadratische Leinwand im Format 18 x 18 cm bei weißen und gelben Würfeln, 15 x 15 cm bei schwarzen und blauen Würfeln und 25 x 25 cm bei roten Würfeln bis zu dreimal pro Tag eine Schicht Acrylfarbe aufgetragen. Je nach Größe des Würfels und Konsequenz des Farbauftrags beträgt die Produktionsdauer drei bis acht Jahre.
Sind die Würfelbilder für Stock eindeutig der Malerei zuzuordnen, da mit Pinsel und Farbe (fast klassisch) Quadrat für Quadrat gemalt, verlässt der Künstler - eher eine Ausnahme in seinem Gesamtoeuvre - mit seinen in Aluminium nach einem Originalwürfelbild in einer Auflage von jeweils 40 Stück gegossenen Würfeln das Terrain der Malerei: hier wird das Tafelbild endgültig zur Skulptur.
Auch die X/O-Bilder mit einer Produktionszeit von ca. zwei bis drei Monaten sind wie die Würfelbilder dem Prinzip des schichtenweisen Farbauftrags verpflichtet: In Kreisform bei den O-Bildern bzw. in x-Form bei den X-Bildern wird die Leinwand in der Mitte bemalt. Anschließend wird die Farbe konzentrisch nach außen gestrichen: dort wo Farbe hängen bleibt, ergibt sich durch die Wiederholung eine rauere, und, der Langsamkeit des Malprozesses zum Trotz, überaus dynamische Oberflächenstruktur.
Stocks "Slow Art", Anfang der 1980er Jahre just auf dem Höhepunkt der "Jungen Wilden" entwickelt, ist auch eine Langzeitstudie über das Phänomen der Zeit eingeschrieben. Das Dazwischen, das Warten zwischen den mit ruhiger Obsession vorgenommenen Wiederholungshandlungen des Farbauftrags ist integraler Bestandteil des Produktionsprozesses.
Wie wenigen zeitgenössischen Malern ist es Stock - neben On Kawara etwa - gelungen, die Dimension der Zeit so eindrücklich zu thematisieren. In den vielen Farbschichten von Stocks Arbeit manifestiert sich die vergangene Zeit zu festen Strukturen komprimiert. Doch werden in Kawaras Serie Date Paintings, in der das jeweilige Datum der Entstehung der Gemälde gleichzeitig auch zum Gegenstand der Arbeit wird, einzelne Momente explizit aus der Anonymität hervorgehoben, bleibt die vergangene Zeit in Stocks Arbeiten unbenannt und ununterscheidbar zwischen den Farbschichten eingeschlossen, konserviert, bewahrt. Susanne Jäger
Christian Stock - X/O
23. Mai bis 11. Juli 2009