Das Sigmund Freud Museum beleuchtet in einer Sonderausstellung die letzten Monate der Familie Freud in Wien unter den Nationalsozialisten und erzählt die Geschehnisse der folgenden Jahre. Die systematische Beraubung Sigmund Freuds und seines Bruders Alexander wird detailliert nachgezeichnet. Neue Erkenntnisse vertiefen das Wissen um das Schicksal und die Ermordung ihrer vier Schwestern Rosa, Maria, Adolfine und Pauline durch das NS-Regime.
Anton Sauerwald wurde 1938 als kommissarischer Verwalter des Internationalen Psychoanalytischen Verlags eingesetzt und war somit für die „Arisierung“ von Freuds Verlagshaus zuständig. Im Jahr 2019 wandte sich eine Verwandte Sauerwalds an das Sigmund Freud Museum. Sie hatte im Banksafe ihrer verstorbenen Mutter einen Hinweis auf „Freud-Unterlagen“ entdeckt und diese an sich genommen. Es handelt sich um Dokumente und Protokolle rund um die Liquidation des Verlags sowie um Originalbriefe von Sigmund Freud, Anna Freud und Marie Bonaparte. Diese Dokumente bilden nun das zentrale Element der Ausstellung. In Zusammenschau mit hunderten originalen Akten, Geschäftsbriefen sowie Listen des Vermögensverwalters von Alexander Freud und den vier Schwestern geben sie Aufschluss über die rechtlichen und finanziellen Abläufe der NS-Verbrechen.
Unter den Dokumenten befindet sich eine 14-seitige Liste, die Zimmer für Zimmer die gesamte Einrichtung der Berggasse 19 umfasst. Die berühmte Couch ist darauf als „1 Ottomane“ verzeichnet. Eine weitere nummerierte Auflistung verzeichnet sämtliche Antiken Sigmund Freuds. Diese Zahlen sind bis heute in roter Schrift auf den Rückseiten der Sammlungsstücke zu sehen. Die Dokumente stellen einen spektakulären Fund für die Freud-Forschung dar: Die von den Tätern erstellte, minutiöse Liste ist die einzige erhaltene Dokumentation des Hausrats, den die Freuds nach London brachten.
Die Aufzeichnungen zeigen eine weitere Perfidie des NS-Regimes: Der Begründer der Psychoanalyse konnte die komplette Einrichtung der Berggasse 19 samt Antikensammlung nach London verfrachten; seine Emigration verlief somit vor den Augen der Weltöffentlichkeit privilegiert. Hinter den Kulissen raubten die Nazis allerdings über den Umweg des Internationalen Psychoanalytischen Verlags nahezu seine gesamten Finanzmittel und setzten dabei seinen Sohn Martin, den Geschäftsführer des Verlags, massiv unter Druck.
In Zusammenschau mit den sich seit den 1980er Jahren im Archiv des Museums befindlichen Akten von Erich Führer, der Alexander Freud als kommissarischer Verwalter beraubte und sein Verlagshaus „arisierte“, ergibt sich eine umfassende Dokumentation der Täter der Verbrechen an der Familie Freud: die im Ausstellungstitel erwähnten Dokumente des Unrechts.
Alexander Freud war Inhaber des Allgemeinen Tarif-Anzeigers, international anerkannter Frachtexperte und hatte einen größeren Wohlstand erlangt als sein berühmterer Bruder. Ihm war es nur unter Entziehung allen Hab und Guts möglich, sein Leben und das seiner Frau zu retten. Mittellos verließen sie Wien, flüchteten über Zürich nach London und dann weiter nach Kanada. Vier der fünf Schwestern Freuds lebten 1938 in Wien – ihnen konnte keine Ausreise ermöglicht werden. Sie wurden aus ihren Wohnungen vertrieben, in eine „Sammelwohnung” einquartiert, beraubt, deportiert und 1942 ermordet.
Ein umfassendes Bild dieser Geschichte entsteht durch die in der Ausstellung erstmals gezeigten Familienbriefe, Aufzeichnungen und Interviews. Viele dieser Nachrichten und Notizen waren bisher unbekannt. Sie machen das persönliche Erleben der brutalen Verbrechen fassbar, die im offiziellen Schriftverkehr technokratisch und gesetzmäßig erscheinen. Die Rat- und Fassungslosigkeit der Familienmitglieder angesichts der Gräueltaten wird ebenso spürbar wie die unermüdlichen Versuche, Leben und Besitztümer zu retten.
Die Ausstellung präsentiert neue Rechercheergebnisse und klärt zentrale Fragen der Freud-Forschung rund um das Schicksal der Schwestern. Dabei wird der Mythos ihres Zurückgelassenwerdens entkräftet. Bisher unveröffentlichte Unterlagen und Briefe der Familienmitglieder zwischen Wien, London und New York schildern die Vorkehrungen der Brüder und weiterer Verwandter, die betagten Frauen in Wien abzusichern, sowie ihre letztlich fruchtlosen Bemühungen, die Schwestern ins Ausland zu bringen. Das Narrativ, Sigmund Freud (zum Zeitpunkt seiner Flucht 82 Jahre alt und schwer krank) habe seine Schwestern im Stich gelassen, ist mit den vorliegenden Belegen nicht mehr haltbar.
In der Library of Congress (Washington, D.C.) aufbewahrte Nachrichten der Schwestern aus Wien verdeutlichen ihre zunehmend verheerenden Lebensbedingungen vor dem Hintergrund der antijüdischen Maßnahmen. Diese persönlichen Aufzeichnungen sowie Oral-History-Interviews mit Wienerinnen, die sich um die betagten Frauen kümmerten, machen ihre Angst, Verzweiflung und immer wieder aufkeimende, jedoch letztlich enttäuschte Hoffnung spürbar. Dabei werden auch die vier starken und selbstbewussten Charaktere der Schwestern erkennbar. 1942 wurden die vier Damen aus dem Altersheim Seegasse nach Theresienstadt deportiert und anschließend ermordet. Adolfine Freud starb noch in Theresienstadt, Rosa Graf, Pauline Winternitz und Maria Freud wurden in Treblinka getötet.
In der Ausstellung werden sowohl Opferschicksale als auch Tätergeschichten dokumentiert. Darüber hinaus wirft sie Schlaglichter auf den Umgang mit NS-Verbrechen im Nachkriegsösterreich.
Der Fall Freud. Dokumente des Unrechts
Sonderausstellung im Sigmund Freud Museum
Bis 9. November 2026