5. April 2009 - 2:41 / Ausstellung / Archiv 
7. Dezember 2008 13. April 2009

Surimono traten ab Mitte des 18. Jahrhunderts als Sonderform des japanischen Farbholzdrucks auf. Anders als die meisten Farbholzschnitte wurden Surimono nicht kommerziell, sondern nur in kleinen Auflagen für den privaten Gebrauch hergestellt. Ende des 19. Jahrhunderts waren Surimono bei europäischen Sammlern ein begehrtes Gut.

Infolge einer Wirtschaftskrise in den 1830er-Jahren in der Edo-Zeit stellte man die Produktion praktisch ein. Heute gibt es von einigen Surimono nur noch ein einziges oder ein paar wenige erhaltene Exemplare. Die Ausstellung im Museum Rietberg präsentiert erstmals die schönsten von über 300 zum Teil gänzlich unbekannten Blättern der Sammlung Marino Lusy.

Wörtlich übersetzt heisst suri mono "gedruckte Dinge". Surimono verschenkte man gerne als Glückwunschkarten zu Neujahr oder zu anderen speziellen Anlässen. Die Kombination aus Gedicht und Bild ist das wichtigste Merkmal eines Surimono. Bei den Gedichten handelt es sich meist um sogenannte kyôka, eine Art Scherzgedichte, deren Witz aus Wortspielen oder der Parodie klassischer Verse besteht.

Die Gedichte entstanden in den damals populären Dichterzirkeln, in denen Dichterwettstreite abgehalten wurden. Im Anschluss erkor man die erfolgreichsten Gedichte zur Illustration. Vielfach waren es die Poeten selbst, die einen Holzschnittkünstler mit der bildnerischen Umsetzung ihrer Gedichte beauftragten. Surimono zeichnen sich durch besonders aufwändige Drucktechniken aus. Auffallend ist die reichliche Verwendung von Gold und Silber und die Vorliebe für Prägedrucke, die als Relief hervortreten. Das bevorzugte Format ist das sogenannte shikishiban, das beinahe einem Quadrat entspricht.

Surimono thematisieren meist den erwachenden Frühling und das beginnende neue Jahr. Dazu gehören die Darstellungen typischer Neujahrsspeisen und -bräuche. Eine wichtige Funktion hatten die Surimono als Bildkalender, denen man die immer wechselnde Verteilung der langen und kurzen Monate während eines Jahres oder das jeweils gültige Tierkreiszeichen entnehmen konnte. Daneben entstanden Surimono, die sich der klassischen Themen der kommerziellen Holzschnitte bedienten, wie schöne Frauen, berühmte Kabuki-Schauspiele und die vergängliche Welt der Freudenviertel. Da die Gedichte ein wesentliches Element sind, spielen nicht wenige Surimono auch auf klassische Themen der japanischen Literatur an.

Marino Lusy (1880–1954), dessen Vorfahren aus Griechenland stammten, war ein Weltenbummler und begeisterter Alpinist. Er lebte in Triest, Paris und Montreux, unternahm längere Reisen in den Nahen und Fernen Osten während derer er Japan mehrere Male besuchte. Obwohl Lusy ursprünglich Architektur studiert hatte, widmete er sich später ausschliesslich der Zeichnung und Radierung. 1921 nahm er die schweizerische Staatsbürgerschaft an. Seinen kostbaren Schatz vermachte er testamentarisch dem Museum für Gestaltung Zürich. Heute befindet sich die Sammlung Lusy als Dauerleihgabe im Museum Rietberg Zürich.


Publikation: Zur Ausstellung erscheint ein Sammlungskatalog in englischer Sprache: Reading Surimono: The Interplay of Text and Image in Japanese Prints, the Marino Lusy Collection, herausgegeben von John T. Carpenter im Brill/Hotei Verlag, Leiden. John T. Carpenter unterrichtet japanische Kunst an der School of Oriental and African Studies an der University of London. Auf Deutsch erscheint eine Kurzfassung des Sammlungskatalogs, herausgegeben vom Museum Rietberg mit Beiträgen von Nadin Hée und John T. Carpenter.

Surimono - Die Kunst der Anspielung
7. Dezember 08 bis 13. April 09

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
CH - 8002 Zürich

W: http://www.rietberg.ch/

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