Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion ist eines der bedeutendsten Werke der sakralen Chormusik und Domkapellmeister Benjamin Lack verspricht ein spirituelles Erlebnis. Er kann dies mit der Capella St. Nikolaus und dem bewährten Barockensemble Concerto Stella Matutina gänzlich erfüllen.
Die Johannespassion erzählt die Leidensgeschichte Jesu Christi von der Verhaftung über die Anklage und Verurteilung bis zu seiner Kreuzigung. Textvorlage ist das Evangelium nach Johannes, ergänzt durch Choräle, frei gedichtete Chöre und Arien. Neben der ausführlicheren Matthäus-Passion ist sie die einzige vollständig erhaltene Passion von Johann Sebastian Bach. Dieses Werk ist jedoch kompakter, dramatischer, kühner, und zeigt das Bild des triumphierenden Christi, der sein Schicksal mit Würde und göttlicher Autorität annimmt. 1724 in Leipzig uraufgeführt, feilte Bach über ein Vierteljahrhundert lang an der Partitur, verwarf Sätze, schärfte Dissonanzen und suchte nach einer endgültigen Gestalt.
„Herr, unser Herrscher“ – schon der Eingangschor lässt den Feldkircher Dom eindrucksvoll erklingen. Die Capella St. Nikolaus ist ein kleineres Gesangsensemble, das sich aus wechselnden Mitgliedern des Domchores – und in diesem Fall in erweiterter Besetzung – zusammenfindet. Mit Präzision, Dramatik und hoher Textverständlichkeit wird Christus als ewiger Gottessohn verkündet, der in seiner Menschwerdung erniedrigt, durch Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt wieder seine hohe Stellung einnimmt.
Der Passionsbericht des Evangelisten – in der Luther-Übersetzung – bildet den erzählerischen Kern. Nik Kevin Koch, der in Köln und Zürich studierte, gestaltet diese Rolle eindringlich, sachlich, doch höchst spannend, und übernimmt auch die Tenor-Arien. Bariton Christian Feichtmair gibt den Jesu präsent und überlegen: „Wen suchet ihr?“ ist nicht die Frage eines Leidenden, der Heiland ist sich seines Schicksals gewiss, das nun erfüllt wird. Selbst in der Kreuzesszene wirkt er hoheitlich und von menschlichem Leid und Schmerzen unberührt.
In den Evangelien-Bericht eingefügt sind zwölf Choräle, deren Texte zumeist bekannten evangelischen Kirchenliedern aus dem 16. und 17. Jahrhundert entnommen sind. Erhaben, andächtig, mit voller Inbrunst und Klangfülle vermittelt der Chor darin die Bedeutung des Passionsgeschehens. Benjamin Lack gestaltet Bachs theatralisch intensives Meisterwerk mit fliesend musikantischer Souveränität, er fühlt und lässt die geistige Dimension dieser eindringlichen Musik mitfühlen. Dramatisch kontrastreich integriert der Dirigent die Turba-Chöre. Turba bedeutet „Volkshaufen“ oder „Trubel“, wenn die Jünger, Soldaten, Priester oder das jüdische Volk sprechend das Rezitativ unterbrechen, besonders eindrucks- und anspruchsvoll „Kreuzige, kreuzige!“
Den acht Arien des Librettos liegen freie Dichtungen zugrunde, die jeweils eine bestimmte Gemütsstimmung ausdrücken. Dabei betrachtet der fromme Mensch das Passionsereignis und bezieht es auf seine Erlösung. Wunderbar herzzerreißend singt die österreichische Altistin Lea Müller „Es ist vollbracht“, unterbrochen von „Der Held aus Juda singt mit Macht“, aufbäumend und heftig, so wie Bach es wohl gemeint hat. Und später, die slowenische Sopranistin Irma Klaffenbach „Zerfließe, mein Herz, in Fluten der Zähren / dem Höchsten zu Ehren!“, lyrisch und tröstlich. Gleichermaßen stimmig übernimmt David Höfel, der am Vorarlberger Landeskonservatorium studierte, die Bass-Arien.
Der Schlusschor „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“, so innig mit dem Concerto Stella Matutina musiziert, verweist noch einmal tiefgründig auf die Erlösung durch den Tod Christi: „Das Grab … macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu.“ Im Dom zu Feldkirch erheben sich dann wirklich alle zum jubelnden Applaus!
Johannes-Passion | Johann Sebastian Bach
Musikalische Leitung: Domkapellmeister Benjamin Lack
Capella St. Nikolaus, Barockensemble Concerto Stella Matutina
Evangelist: Nik Kevin Koch
Jesus: Christian Feichtmair
Sopran: Irma Klaffenbach-Mihelic
Alt: Lea Müller
Bass-Bariton: David Höfel