13. November 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Drei Franzosen geraten im Ersten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft, doch die wahren Bruchlinien verlaufen in Jean Renoirs Klassiker nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Bei StudioCanal ist das am Vorabend des Zweiten Weltkriegs entstandene humanistische Meisterwerk auf Blu-ray erschienen.

Im Ersten Weltkrieg geraten der französische Jagdflieger Marechal Jean Gabin), der hohe Offizier de Boeldieu (Pierre Fresnay) und der aus vermögende Haus stammende Jude Rosenthal (Marcel Dalio) in deutsche Kriegsgefangenschaft. Von ersten Lager werden sie in eine Festung verlegt, in der der seit einem Absturz körperlich behinderte Offizier von Rauffenstein (Erich von Stroheim) die Leitung innehat.

Rauffenstein fühlt sich Boeldieu nahe, weil dieser wie er selbst der untergehenden Aristokratie angehört. Auch Boeldieu scheint sich mit dem feindlichen Offizier besser zu verstehen als mit dem großbürgerlichen Rosenthal und dem aus der Arbeiterschicht stammenden Marechal. Dennoch opfert er sich, um seinen beiden Landsleuten die Flucht zu ermöglichen.

Spiegelbildlich zum Lager finden die beiden auf ihrer Flucht bei einer deutschen Bäuerin, die ihren Mann und ihre Brüder im Krieg verloren hat, Aufnahme. Wie Rauffenstein und Boeldieu kommen sich hier Marechal und Elsa durch ihre Zugehörigkeit zur gleichen Schicht nächer.

Nur am Rande flackert in Jean Renoirs 1937 entstandenem Klassiker das konkrete Kriegsgeschehen und dessen Absurdität herein, wenn auf die Nachricht von der Eroberung einer Stadt durch die Deutschen, bald die der Rückeroberung folgt, ehe sich das Blatt nochmals wendet. Auf Kriegsszenen verzichtet der Film aber ganz, beschränkt sich auf die Interaktionen unter den Lagerinsassen und von Rauffenstein.

Allzu harmlos und komödiantisch durchzogen mag hier das Lagerleben geschildert werden, doch Renoir geht es eben auch nicht darum, um realistisch und hart die Schrecken der Kriegsgefangenschaft darzustellen. Vielmehr will er aufzeigen, wie die Bruchlinien nicht zwischen Nationen, sondern zwischen gesellschaftlichen Klassen verlaufen und träumt im Finale von einer Überwindung dieser nationalen Grenzen, die nur von Menschen geschaffen und wider die Natur sind, und dem endgültigen Ende der Kriege.

Markant ist hier das Schlussbild, wenn deutsche Soldaten bald auf die Flüchtenden schießen, dann aber das Feuer einstellen, weil sie schon jenseits der Grenze seien, man aber im Grunde nur eine weite offene Schneefläche sieht, in der keine Grenze auszumachen ist.

Mag das Plädoyer für Versöhnung und Menschlichkeit auch pathetisch sein, so besticht "Die große Illusion" immer noch durch seine Inszenierung. Die meisterhafte Arbeit mit der Tiefenschärfe kann im Grunde zwar nur auf einer großen Kinoleinwand ihre ganze Wirkung entfalten, dennoch sieht man bei dieser gestochen scharfen Blu-ray auch am kleineren Bildschirm wie Renoir mit Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund arbeitet, wie er immer wieder Raumtiefe durch Türen oder Fenster im Vordergrund schafft.

Diese Arbeit mit der Raumtiefe erlaubt Renoir auch in langen Plansequenzen zu erzählen, auf schnelle Schnitte zu verzichten, und dem Zuschauer Raum und Zeit zu lassen, sich in den Einstellungen selbst zu orientieren.

Dazu kommt eine denkwürdige schauspielerische Leistung von Erich von Stroheim als von Rauffenstein. Man spürt in seinem Spiel die ganze Trauer über den Untergang der Aristokratie und einer Klasse, die den Krieg nach quasi ritterlichen Prinzipien führte.

Zu den großen Sterbeszenen der Filmgeschichte muss man dabei auch die Szene von Boeldieus Tod zählen. Gleichzeitig kann man freilich auch wieder Einwände gegen diese Verklärung des Adels erheben. - Immer noch faszinierend ist der Film in seiner Ambivalenz, die bei seiner Entstehung zu Vorwürfen des Militärismus ebenso wie des Pazifismus, zu großer Deutschfreundlichkeit ebenso wie zu übermäßiger Deutschfeindlichkeit, aber in der Darstellung Rosenthals auch des Antisemitismus führte.

An Sprachversionen bietet die bei StudioCanal erschienene Blu-ray die französische und die deutsche Fassung, sowie deutsche und englische Untertitel. An Extras gibt es neben zwei Trailern zu "Die große Illusion", Renoirs 32-minütigen Kurzfilm "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern", mehrere Interviews mit Analysen des Films und zu seiner Restaurierung, sowie ein 20-seitiges Booklet.

Trailer zu "Die große Illusion"



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