Di, 12.02.2019 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ein alter Schriftsteller erhält den Nobelpreis für Literatur, doch welche Rolle spielte seine Ehefrau bei seiner literarischen Produktion. Langsam werden Geheimnisse aufgedeckt und Risse in der Ehe sichtbar. Björn Runges Literaturverfilmung ist zwar konventionell inszeniert, fasziniert aber durch eine grandiose Glenn Close in der Hauptrolle, die nach sechs Oscar-Nominierungen nun für ihre siebte endlich auch die begehrte Statuette gewinnen sollte.

Ein altes Paar liegt im Bett, der Mann kann (Jonathan Pryce) nicht schlafen, möchte noch Sex mit der Frau (Glenn Close). Sie hat keine große Lust, gibt ihm dann aber nach. Treffend werden in dieser ersten Szene schon die Macht- und Rollenverhältnisse beschrieben, die Björn Runge in seiner Verfilmung von Meg Wolitzers Roman "Die Ehefrau" detailreich aufdeckt: Der Mann hat das Sagen, die Frau ist die Duldende und arbeitet ihm zu.

Gestört werden Joe und Joan Castelman an diesem frühen Morgen des Jahres 1992 in ihrem Landhaus in Connecticut von einem Anruf des Sekretärs der Kommission für den Nobelpreis für Literatur, der Joe mitteilt, dass er heuer diese hohe Auszeichnung erhalten soll. Die Frau bittet der Anrufer gleich noch, dass sie doch den zu erwartenden Stress ihres Ehemannes möglichst gering halten soll, indem sie die zu erwartenden zahlreichen Anrufe und Termine filtert.

Es ist die klassische Konstellation mit dem Mann als Literaturstar, der im Mittelpunkt steht und diese Aufmerksamkeit genießt, der gönnerhaft der Frau dankt, die nicht nur dafür sorgen muss, dass alles glatt abläuft, sondern sich auch um ihren Mann kümmern muss, dessen Affären sie über Jahrzehnte hingenommen hat. Sie muss darauf achten, dass er seine Medikamente nimmt, richtig gekleidet ist, sich die Krümel aus den Barthaaren wischt.

Langsam werden so während des Aufenthalts in Stockholm und der Vorbereitungen für die Verleihung des Nobelpreises Risse in der Ehe, aber auch in der Beziehung Joes zu seinem ebenfalls literarisch arbeitenden Sohn sichtbar. Während Joan, von dessen Prosa begeistert ist, kritisiert der egozentrische und überhebliche Joe nur, zeigt seinem Sohn gegenüber keine Achtung und Anerkennung.

Im Zentrum steht aber die Frau des Nobelpreisträgers. Mit wunderbarer Zurückhaltung spielt sie Glenn Close, lässt mit jedem Blick und jeder Geste tiefer in die Selbstverleugnung und die Demütigungen blicken. Nach außen gefasst und Bemerkungen immer wieder mit einem Lächeln quittierend, spürt man, wie es in ihr brodelt, wie der psychische Druck sich steigert, der sich im Laufe dieses Leben an der Seite eines berühmten Mannes, der sie immer nur als seine Muse bezeichnet, aufgebaut hat. Denn natürlich kreist der Film auch um ein – freilich ziemlich offensichtliches - Geheimnis über die wahre Rolle dieser Frau im Leben des Nobelpreisträgers.

Gerade die Preisverleihung und das selbstgefällige Verhalten ihres Mannes macht ihr dabei bewusst, wie sehr sie immer in die zweite Reihe gedrängt wurde, zwar Königsmacherin war – wie sie dem schwedischen König gegenüber erklärt -, aber immer im Schatten stand und nie die ihr gebührende Wertschätzung erfahren hat.

Die Rückblenden in die Anfänge der Beziehung des Paares, in denen Glenn Closes Tochter Annie Starke die junge Joan spielt, wären für das vielschichtige Porträt dieser Frau nicht nötig gewesen. Sie wirken steril und erzählerisch wenig glaubwürdig, machen aber eindringlich, wenn auch ziemlich platt bewusst, wie schwer es Frauen in der von Männern dominierten Literaturbranche hatten und immer noch haben.

Konventionell erzählt Runge, setzt als Regisseur wenig Akzente, sondern überlässt die Bühne ganz den Schauspielern. Großaufnahmen dominieren hier, filmische Räume werden kaum entwickelt, Zeit lässt er Close und Jonathan Pryce ihre Beziehung und ihren schließlich eskalierenden Streit auszuagieren, dreht aber schon durch die Anlage des Films die Wertigkeiten um, stellt er doch die Frau ins Zentrum.

Neben Wash Westmorelands "Colette" ist "Die Frau des Nobelpreisträgers" damit innerhalb kurzer Zeit der zweite Film, der von der Rolle von Frauen im Literaturbetrieb erzählt. Runge deckt dabei aber auch die Diskrepanz auf, die zwischen dem wahren inneren Bild einer Ehe und dem Bild besteht, das der Öffentlichkeit vermittelt wird, und setzt dabei auch der Frau ein Denkmal, die den Schein aufrecht hält, um das öffentliche Bild und den Anschein nicht zu zerstören. Die Zukunft aber hält für Joan noch Möglichkeiten offen, wenn sie am Ende vor einem leeren Blatt sitzt und das Flugzeug über den Wolken gegen den Horizont fliegt.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) sowie im Takino Schaan und im Kinok in St. Gallen (jeweils englische O.m.U.)

Trailer zu "Die Frau des Nobelpreisträgers - The Wife"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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