Die Faszination des Okkulten um 1900

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts regte sich Kritik am Materialismus der industrialisierten Gesellschaft. Viele strebten ein neues, naturverbundenes Leben an. Man las begeistert Friedrich Nietzsche und deutete Richard Wagners Oper „Parsifal” als pazifistisches Manifest. Der Malerfürst Hans Makart malte Szenen aus dem „Ring des Nibelungen”. Karl Wilhelm Diefenbach, ein Wagner-Verehrer, Künstlerprophet und Nudist, gründete 1897 in Wien eine Landkommune. Die Wiener Secessionisten frönten dem Wagnerschen Ideal des Gesamtkunstwerks.

Zu den vegetarischen Stammtischen der Wiener Intellektuellen gelangte die moderne, fernöstlich beeinflusste Theosophie. Auch Marie Lang, Frauenrechtlerin und Förderin der sozialreformerischen Siedlungsbewegung, stammte aus einem theosophischen Umfeld. Ihr Sohn Erwin Lang hielt den Ausdruckstanz der Schwestern Wiesenthal malerisch fest. Weitere Nischen für Frauen bot der Spiritismus: Gertrude Honzatko-Mediz schuf mediumistische Zeichnungen. Im benachbarten Ausland protokollierten arrivierte Maler wie Albert von Keller und Gabriel von Max Trancezustände. Der Schriftsteller August Strindberg, der einen ausgeprägten Hang zur Esoterik hatte, malte düstere Landschaftsvisionen. Das Werk seines Freundes Edvard Munch und der Glaube an die Existenz lebenskraftspendender, unsichtbarer Strahlen lieferten neue künstlerische Impulse. Richard Gerstl, Arnold Schönberg, Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Max Oppenheimer sahen ihre Modelle als auratische Erscheinungen. Die moderne Psychologie ging mit traumwandlerischen Eingebungen eine Synthese ein. Auch die Entstehung der abstrakten Malerei wäre ohne die Einflüsse des okkultistischen Schrifttums kaum denkbar gewesen.

In Wien wird erstmals in einer großen Überblicksschau die Suche nach dem „Neuen Menschen” thematisiert, ohne die dunklen Aspekte des magischen Denkens auszublenden. In diesem Sinne leistet das Projekt „Verborgene Moderne” auch einen Beitrag zur Kritik der Gegenwart.

Verborgene Moderne
Faszination des Okkulten um 1900
4. September 2025 bis 18. Januar 2026