19. Juni 2007 - 4:20 / Walter Gasperi / Filmriss
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Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sammelten die Nazis im KZ Sachsenhausen Häftlinge, die Experten für Banknoten, Drucktechnik und Fälschung waren. Sie sollten perfekte Pfund- und Dollar-Blüten produzieren, um damit die amerikanische und britische Wirtschaft zu destabilisieren.

»Operation Bernhard« gilt als die größte Geldfälschaktion der Geschichte. Weniger die Aktion an sich als vielmehr das historische Umfeld sind dabei aufregend und werfen moralische Fragen auf. Denn während nicht nur in anderen KZ und Vernichtungslagern, sondern auch in Sachsenhausen direkt hinter einer Bretterwand Häftlinge verhungern, erschossen, vergast oder zu Tode gequält werden, genießen die Fälscher, Drucker und Bankleute - zumindest in der Welt von Stefan Ruzowitzkys Film - eine Sonderbehandlung, schlafen in weichen Betten, bekommen einen Tischtennistisch zur Freizeitgestaltung, organisieren eine Faschingsfeier. Die Gewissensfrage wird so aufgeworfen, ob man um das eigene Überleben und das seiner Gruppe zu sichern kooperieren soll oder aber aus moralischen Gründen die Aktion sabotieren muss, um so ein rascheres Kriegsende herbeizuführen.

Stefan Ruzowitzky, der zuletzt mit den Genrefilmen »Anatomie« und »Anatomie 2« kommerziell reüssierte, thematisiert diesen Konflikt an dem Fälscher Salomon Sorowitsch (Karl Markovics) und dem Drucker Adolf Burger (August Diehl). Obwohl der Film auf den Lebenserinnerungen Burgers (»Des Teufels Werkstatt«) aufbaut, erzählt Ruzowitzky aus der Perspektive von Sorowitsch. Eine überflüssige Rahmenhandlung im Monaco der Nachkriegszeit bildet den Ausgangspunkt für eine Rückblende ins nationalsozialistische Deutschland. Im Berlin Mitte der 30er Jahre sind die Arbeiten des perfekten Fälschers und Schlitzohrs Sorowitsch bei Emigranten gefragt, später schlägt er sich auch im KZ durch, indem er Bilder von Nazis malt. Er ist ein Opportunist, ein Angepasster ohne moralische Bedenken, dem es nur ums eigene Überleben und das seines nächsten Umfelds geht: »Lieber morgen ins Gas als heute sinnlos erschossen werden«, ist sein Motto.

In Sachsenhausen trifft er auf Adolf Burger, der jede Kooperation mit den Nazis verweigert, die Aktion sabotiert, um so durch ein rascheres Kriegsende den Massenmord in den Lagern zu beenden. Das Aufeinanderprallen dieser beiden konträren Figuren ist das Herzstück von Ruzowitzkys Kammerspiel. Dank zweier hervorragender Hauptdarsteller werden die aufgeworfenen Gewissensfragen packend diskutiert, eigene Position bezieht der Regisseur aber keine, überlässt die Entscheidung, welches Handeln richtig ist dem Zuschauer. Denn auch Sorowitsch, der sich leidenschaftlich für die Mitglieder seiner Gruppe ein, für einen TBC-kranken jungen Mann ebenso wie für Burger, ist alles andere als eine unsympathische Figur.

Jenseits dieser verbalen Konfrontation fällt Ruzowitzky allerdings recht wenig ein. Die Nebenfiguren von den Naziaufsehern über die verschiedenen Mithäftlinge, deren Spektrum vom großbürgerlichen Bankdirektor über den unpolitischen Arbeiter bis zum Kommunisten reicht, bleiben auf Klischees reduzierte Typen und letztlich gewinnt auch August Diehls Burger keine Vielschichtigkeit, wird kein Charakter aus Fleisch und Blut, sondern fungiert nur als Gegenpol zu Sorowitsch. Faszinierender, allerdings auch schon nah an der Grenze zur Karikatur eines Nazi-Schergen ist dagegen der von Devid Striesow souverän gespielte SS-Obersturmbannführer Herzog.

Mit den Mitteln des Reality-TV, mit schnellen Schnitten, abrupten Bewegungen der Handkamera, Zooms auf die Gesichter und vielen Großaufnahmen soll der Zuschauer in das Geschehen hineingezogen werden, wird Authentizität und Unmittelbarkeit suggeriert. Recht schablonenhaft stehen dabei das warme Braun und Gelb in den Monaco- und Berlin-Szenen, den desaturierten, fast zu monochromem Grau tendierenden Farben der KZ-Szenen gegenüber. Über die bloße Abbildung der Ereignisse kommt »Die Fälscher« damit aber nicht hinaus, bleibt eine spannende Geschichtslektion, bietet aber weder tiefere oder neue Einsichten in den Nationalsozialismus noch entwickelt dieser Film in seinem Streben nach politischer Korrektheit und der daraus resultierenden Bieder- und Mutlosigkeit eine verstörende und irritierende Kraft, durch die sich die aufgeworfenen Gewissensfragen im Gedächtnis festhaken und bohrend weiterwirken könnten.

Läuft derzeit im Metrokino Bregenz und im Cineplexx Hohenems

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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