Mit der Veröffentlichung seines Bildbandes „Photographien 2000 – 2025“ legt der Vorarlberger Fotograf Manfred Schlatter ein beeindruckendes Vierteljahrhundert visueller Spurensuche vor. Das Werk, das eine persönliche Retrospektive seines Schaffens darstellt, bündelt die zentralen Motive und die unverwechselbare Ästhetik eines Kamerakünstlers, der sich voll und Ganz der Magie des Augenblicks verschrieben hat.
Schlatters fotografisches Universum bewegt sich virtuos zwischen den Kontrasten von unberührter Natur und urbaner Dynamik. Seine Arbeiten umspannen die Genres der Streetphotography, der Architektur, der Landschaft sowie feinfühlige Porträts von Menschen. Weithin bekannt für seine Aufnahmen der rauen Bergwelt des Montafons und die Dokumentation architektonischer Leerstände, zeigt dieser Sammelband die beachtliche Entwicklung und stilistische Breite seiner 25-jährigen Karriere.
Das prägende Fundament seiner Arbeit ist die konsequente Entscheidung für die Schwarz-Weiß-Fotografie. Für Schlatter ist der Verzicht auf Farbe kein bloßes Stilmittel, sondern die Suche nach einer „ehrlicheren Fotografie“. Ohne die Ablenkung durch bunte Nuancen reduziert er seine Motive auf das Wesentliche: Licht, Schatten, Linien und Texturen. Ob mit der modernen, digitalen Kleinbildkamera im Trubel der Straße oder entschleunigt mit der analogen Großbildkamera in der Stille der Landschaft – Schlatter beweist stets ein geschultes, künstlerisches Auge und handwerkliche Präzision.
Die durch die Großbildkamera, der er sich vor allem am Beginn seiner fotografischen Betätigung bediente, evozierte Langsamkeit des Schaffens und die Fähigkeit, den Impulsen, die die Landschaft vorgibt, zu folgen, behielt er bis in die Gegenwart bei. In der Art, wie Schlatter Licht und Schatten einsetzt und dramatische Kontraste betont, und sich der Klaviatur breiter Tonwertspektren bedient, die von tiefem Schwarz bis zu strahlendem Weiß reichen, erinnern seine Aufnahmen an die Tradition grosser Meister wie etwa den US-amerikanischen Fotografen Ansel Adams (1902-1984) oder Edward Weston (1886-1958).
Die Aufnahmen, die der Montafoner Künstler in unberührter Natur in der Bretagne, in Island, Irland, Schottland, Südafrika, im Maggiatal im Tessin oder auch im Südtirol und der Silvretta schuf, bestechen durch ihre besonderen Strukturen, ihre Schärfentiefe, ihr Detailreichtum und die besonderen Hell-Dunkel-Abstufungen. Zudem verströmen sie so viele visuelle Emotionen, dass man sich an der Seite des Fotografen stehend wähnt. Verblüfft stellt man unter anderem auch fest, wie sehr etwa die Schneeverwehungen in der Silvretta von der formalen Struktur her den Wüstendünungen in der Sahara gleichen.
Speziell bei Hochhäusern und anderen urbanen Bauten werden starke Kontraste essenziell, um Tiefe und Dramatik zu erzeugen. Das Spiel von Licht auf Glasfassaden und tiefen Schatten in Häuserschluchten hebt die Dreidimensionalität hervor. Die Bauwerke nehmen fast skulpturale Gestalt an. Schwarz-Weiss betont hier die architektonische Ästhetik auf eine minimalistische Weise. Speziell bei Schlatters Aufnahmen von den Wolkenkratzern in Manhatten oder den Häuserschluchten und urbanen Zentren von London tritt die Betonung von Formen, Mustern, Texturen und geraden Linien bildgestaltend und effektiv in den Vordergrund.
Ein eigenes Kapitel seiner Architekturaufnahmen nehmen die Leerstände und Bauruinen in seiner Heimat Vorarlberg oder auch in Kroation und Griechenland ein. Hier rücken Zerfall und Vergänglichkeit, Nutzungsspuren und die Melancholie der Verlassenheit ins Bildzentrum. Schlatter glückt es hier, Bilder von anmutiger Stille und meditativer Räumlichkeit zu inszenieren.
Ted Grant (1929-2020), dem vielleicht bedeutendsten kanadischen Fotojournalisten der Nachkriegszeit, ist folgendes Zitat zuzuordnen: "Wenn Sie Menschen in Farbe fotografieren, fotografieren Sie ihre Kleidung. Aber wenn Sie Menschen in Schwarzweiß fotografieren, fotografieren Sie ihre Seelen." Dieses Statement fängt ein, was die Schwarz-Weiß-Fotografie so zeitlos und ausdrucksstark macht, nämlich die Fähigkeit, die Essenz unter der Oberfläche zu offenbaren. Bei Manfred Schlatter kommt dies besonderes bei seinen Aufnahmen alter Menschen in Albanien oder Armenien zum Ausdruck. Obwohl in Schwarz-Weiss gehalten, scheinen deren Augen zu leuchten, während sich in den Furchen der Gesichter die Bürden eines Lebensalters spiegeln. Starke Kontraste verleihen den Gesichtern Tiefe und Plastizität. Und aufgrund des Fehlens von Farbe rücken Mimik, Gestik, Augenausdruck und die „Seele“ des Porträtierten unmittelbar in den Vordergrund.
In der sogenannten Streetfotografie wird der Fotograf zum aufmerksamer Beobachter alltäglicher Situationen und szenischer Abläufe. Texturen wie etwa Kopfsteinpflaster oder Häuserfassaden erhalten ohne Farbe eine viel stärkere Präsenz. Die Lichtsetzung gewinnt hier massiv an Bedeutung. Harte Schatten können als grafische Elemente genutzt werden, um eine Szene zu strukturieren. Durch die Reduktion auf Schwarz-Weiss wirken komplexe Straßenszenen ordentlicher und klarer. Die Szenen erwecken klassische Eindrücke, auch wenn sie ohne direkten zeitlichen Bezug sind. Durch die Fokussierung auf die Menschen wird die Aufmerksamkeit auf Handlungen und die Gesichter gelenkt. Durch die ins Zentrum gerückten soziale Szenen können Emotionen viel intensiver transportiert werden. Dabei handelt es sich bei Manfred Schlatter nicht etwa um inszenierte Posen, sondern aus dem Alltag heraus entstandene Vorgänge. Es sind Menschen bei der Arbeit, beim Spiel oder unterwegs, um irgendetwas zu erledigen. Manche Streetbilder des Montafoners entbehren auch nicht einer schrägen Situtionskomik, wenn man etwa an die Szene bei einem Wiener Würstelstand oder die Fotografie „Horrified“ am New Yorker Time Square denkt.
Der Bildband „Photographien 2000 – 2025“ dokumentiert nicht nur die physische Veränderung von Orten und Menschen über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg. Er ist vor allem ein Plädoyer von Manfred Schlatter für das bewusste Hinsehen und fängt die Vergänglichkeit unserer Welt in zeitlosen, berührenden Bildkompositionen ein.
Manfred Schlatter: „Photographien 2000 – 2025“
Hrsg. v. Johann Trippolt
130 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-200-11120-2
Preis: € 32,00