Die Bilduniversen von Andri Pol

Andri Pol prägt den Schweizer Fotojournalismus der letzten vierzig Jahre maßgeblich und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. In dieser Zeit hat er mit seinen Fotos dazu beigetragen, das Erscheinungsbild von Schweizer und internationalen Printmedien zu prägen. Dazu zählen zum Beispiel das "Zeit Magazin", "DU", "Das Magazin", "Facts" und "GEO".

Die Ausstellung „Andri Pol – Poliversum” nimmt den 65. Geburtstag des Fotografen, der während der Ausstellungsperiode gefeiert wird, zum Anlass, ihm eine große Ausstellung zu widmen. Die Ausstellung hat retrospektiven Charakter und präsentiert sowohl die Essenz von Pols fotografischem Schaffen als auch die Vielfalt seiner thematischen Interessen aus einer Schaffensperiode seit den späten 1980er-Jahren. Schwerpunkte sind dabei die Genres der Fotoreportage und des Porträts sowie Alltagsbeobachtungen, die Pol auf dem gesamten Globus gemacht hat. Und auch wenn ihn seine Reisen oft an sehr entlegene Orte wie Tuvalu führen, so findet er doch mit der Schweiz, Japan und China geografische Ankerpunkte, zu denen er immer wieder zurückkehrt, um größere Langzeitprojekte zu realisieren. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal seiner Karriere ist die eher seltene Doppelrolle als Fotograf und Bildredakteur für die Schweizer Ausgabe des international renommierten Reportagemagazins GEO, die er von 2001 bis 2015 ausübt. Seine fotografischen Projekte entstehen sowohl im Auftragsmodus als auch im Selbstauftrag, wie viele seiner ebenfalls sehr erfolgreichen Buchprojekte. Mehrfach erhält er die Möglichkeit, über lange Zeiträume Bildkolumnen in Magazinen mit großer Reichweite zu bespielen, darunter „Bild der Schweiz” für Facts, „Unvergessliche Bilder” für die Weltwoche, „Pol Position” für SBB-VIA und „Parallelgeschichten” sowie „Ein Tag im Leben von …” für Das Magazin, die Samstagsbeilage des Tages-Anzeigers.

Pol hat über Jahrzehnte seinen unverkennbar stilsicheren und vielfältigen Bildwitz in seinen Bildkompositionen und seiner visuellen Sprache perfektioniert. Die Ausstellung „Poliversum” gibt einen Ein- und Überblick über diese vielfältigen „Polschen” Bilduniversen und ist in thematische Unterkapitel strukturiert: „Anfänge”, „Where is Japan”, „Das globale Dorf”, „Kunstwelten”, „Gruezi”, „Inside CERN” (alle in Raum 1), „Menschenbilder” (Raum 2), „Bildkolumne ‚Ein Tag im Leben‘” (Passage Bibliothek) und „Publikationen” (Foyer).

Pols Bilder vereinen dabei Tiefgang mit feiner Ironie und einem ausgeprägten Gespür für das Besondere im Alltäglichen. Mal scharfsinnig, mal augenzwinkernd dokumentiert er Menschen, Orte und Situationen. Seine Porträts wirken spontan und zugleich präzise komponiert, und seine Reportagen eröffnen überraschende Perspektiven auf gesellschaftliche, kulturelle und politische Realitäten und Identitäten. Dank seiner Fähigkeit, komplexe Themen präzise zu erfassen, zählt Andri Pol zu den eindrucksvollsten Stimmen der zeitgenössischen Dokumentarfotografie. Sein fotografisches Universum lädt zum Staunen, Schmunzeln und Entdecken ein – visuell klug, nah an der Welt und voller Eigensinn.

Pols Arbeiten reflektieren unsere Gegenwart und im Falle der Schweiz auch die Definition von Nationalität und Begrifflichkeiten wie derjenigen der „Swissness”.

Das neugierige „Hineinspringen” in verschiedene Welten ist eine zentrale Motivation für Pols Arbeit. Sei es ein ganzes Land, eine ganz bestimmte Gemeinschaft oder die persönliche Lebenswelt einer Künstlerin oder eines Prominenten. Für das Buch „Inside CERN” beispielsweise agierte Pol als visueller Anthropologe, der Feldforschung in einem fast schon kleinstädtischen Universum betreibt, das als Infrastruktur für eine ganz spezifische Form einer „Gated Community” dient. Es besteht aus einer globalen Elite von Teilchenwissenschaftler:innen, die seit Jahrzehnten am Rande von Genf forschen und arbeiten.

Als Fotograf kann Pol sowohl als „Suchender” als auch als „Erschaffer” von Bildern charakterisiert werden. Einerseits erfasst er Situationen intuitiv und hält sie mit seinen Aufnahmen fest. Andererseits versteht er es, Situationen zu beeinflussen, ohne sie in irgendeinem direkten Sinne zu inszenieren. Er betreibt soziales Engineering, um ein perfektes Ergebnis zu erzielen.

Das gilt insbesondere auch für Pols Porträts, die Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft ebenso wie „nicht-prominente” Menschen in ihren Alltagsumgebungen zeigen. Diese Porträts wirken spontan und doch bewusst orchestriert. Sie beruhen auf akribischer Location-Recherche in Kombination mit improvisierten Kommunikationsstrategien während der Porträtsitzungen.

So gelingt es Pols Werk immer wieder, eine große populäre Anziehungskraft zu erzeugen, ohne sich einem visuellen Mainstream oder Populismus anzubiedern. Das ist an sich schon eine seltene und schwierige Leistung – umso mehr, wenn man bedenkt, dass er dies seit Jahrzehnten tut und hoffentlich auch in Zukunft noch lange tun wird. Andri Pol hat der Fotostiftung Schweiz vor Kurzem seinen fotografischen Vorlass übergeben. Die Übernahme dieses in großen Teilen digitalen Archivs ist für die Fotostiftung ein Pionierprojekt im Umgang mit solchen hybriden Archiven.

Andri Pol
Poliversum
bis 06.12.2026