verfasst von Haimo L. Handl / 14. Oktober 2007 - 5:52 / Wort zum Sonntag
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Der Literaturnobelpreis ist eine Auszeichnung, eine Preiszuerkennung und kein Wettbewerbsergebnis. Doch viele reagieren wie enttäuschte Buchmacher, wie Betrogene. Experten belehren, Liebhaber anderer Favoriten sind enttäuscht. Es ist ein Zirkus. Ein einträglicher. Die verschiedenen Ab- und Aufwertungen, An- und Ablehnungen zeigen eine Pseudopolitisierung an. Es geht nicht primär um Literatur. Denn dort gibt es, wie in aller Kunst, keine eindeutigen Masstäbe und Bewertungskriterien wie im präzise messbaren Sport.

Es geht um Ideologie, Macht, Vorlieben und Geschäft. Und politische Korrektheit. Jene, die süffisant die bornierten Spiesser rügen, weil sie der Elfriede Jelinek den Preis nicht gönnten, sind selbst von gleicher Aburteilsqualität, wenn es um eine Preisträgerin geht, die ihnen nicht passt, oder einen Preisträger, der ihnen entgegensteht. Worin liegt der Unterschied? Dass MRR besser argumentiert, artikuliert? Dass Frau Loeffler literaturkundig wertet? Sie meinte z.B., der Preis sei zu spät gekommen für die Britin Doris Lessing. Diese habe vor 20 oder 30 Jahre gut geschrieben. Ihr Alterswerk sei aber dünn und schlecht. Doch der Nobelpreis wurde nicht für das Alterswerk gegeben. Hätte sie ihn wie gewünscht vor 30 Jahren erhalten, müsste er später, weil ein Werk, das sich den eigenen erreichten Standards unterbietet, zurückgenommen werden? Muss eine Preisträgerin immer auf der Höhe bleiben? Welcher andere Arbeitende vermag das? Wenn es also gute Gründe gab, den Preis zu verleihen, dann kann es eigentlich nie zu spät sein, weil es sich ja nicht um einen jugendlichen Aufbaupreis handelt.

Wie sinnvoll solche Preise sind, ist eine andere Frage. Wie vernünftig die Wahl der Preisträger ist, ebenso. Dass Politik miteinspielt, dürfte wohl niemanden überraschen. Dass dies beim sogenannten Friedensnobelpreis besonders der Fall ist, liegt auf der Hand. Gerade dieser Preis beweist die Dürftigkeit des Preises, gemessen am Anspruch und bedingt durch die Vagheit der Kriterien. Die widersprüchlichste, schlimmste Geschichte weist der Friedensnobelpreis auf. Er ist entweder eine Peinlichkeit oder ein Trostpflästerchen. Alibi und Gewissensberuhigung.

Dem Literaturnobelpreis unterliegen zumindest positive Kulturwerte. Beim Friedensnobelpreis ist das schon vager und brüchiger. Heute vermag oder will man sich nicht einmal auf Allgemeine Menschenrechte verpflichten, weil sie als christlich-westliche Patronanz denunziert werden. Da ist der Preis als Unterstützung und Appell für Frieden noch diffuser und unklarer. Was ist Friede? Ist er nicht das, was niemand will? Werden nicht umgekehrt die höchsten Anstrengungen, finanziell, materiell, personell für das Gegenteil, den Unfrieden, den Krieg geleistet? Was soll da so ein lächerlich-peinlicher Preis? Er ist entweder ein Irrtum oder eine Lüge.

Da freue ich mich über jeden Literaturnobelpreis, wie überhaupt über Kulturpreise. Ich erwarte keine Gerechtigkeit. Ich mag mich vielleicht wundern über Wahl und Begründung. Aber generell begrüsse ich die Auszeichnung als Herausstellen, Hervorkehren, ins Licht Rücken von Kulturleistungen, die dem öden Geschäft, der dummen Ausbeutung, der kriegerischen Zerstörung entgegenstehen. Da dünken mich die billigen Streitereien nicht nur kleinlich, sondern peinlich. Doch das ganze Spiessergekläff kann überhört werden, wenn man auf die Kulturarbeit und ihre Auszeichnung blickt. Dass in der geschäftigen Ausbeutewelt solche Werte, wie instrumentalisiert auch immer, noch anerkennenswert sind, noch Aufmerksamkeit erregen, finde ich tröstlich und erfreulich.