Die Ausstellung über Gustave Courbet zum Nachschauen

Eine großangelegte Retrospektive im Leopold Museum ist die erste Courbet gewidmete Einzelausstellung in Österreich und vereint Werke aus allen Schaffensphasen. Dazu gibt es, wie zu jeder Ausstellung, den höchst wertvollen Katalog – zur Nachschau aller Bilder, aber auch zum Vertiefen in die Geschichte dieses kühnen Künstlers.

Am Cover, „Der Mann mit der Pfeife“, ein Selbstportrait, das um 1849 entstanden ist. Von Gustave Courbet (1819–1877) gibt es nahezu fünfzig Selbstdarstellungen. Besonders daran – der Künstler setzte diese bewusst ein, um bekannter zu werden. Überdies ungewöhnlich, dass er seine Autoportraits auf neue Weise szenenartig-situativ mit einer „storia“ verband, mitunter in größerem Format. Großformatig – nämlich über sechs Meter lang, im Leopold Museum als Eins-zu-eins Reproduktion an die Wand appliziert, weil nicht mehr reisefähig – ist auch „Das Atelier des Künstlers, eine wirkliche Allegorie einer siebenjährigen Phase in meinem künstlerischen Leben, 1854/55“. In bühnenhafter Mehrfigurenkonstellation zeigt sich Courbet inmitten einer imaginierten Gästeschar. Diese teilt sich in zwei Gruppen: seine Förderer zur Rechten – nur diese sehen, was er malt – und auf der linken Bildseite, die Elenden dieser Welt samt der dieses Elend Verursachenden. Das zentral positionierte Landschaftsgemälde sollte weiterhin das wichtigste Motiv, das Malen von Selbstportraits auf die Fotografie verschoben werden. Beeindruckend sind die Landschaftsbilder aus seiner Heimatregion Ornans und aus der Zeit im Schweizer Exil sowie die kraftvollen Meeresdarstellungen.

Gustave Courbet gilt als bedeutendster Vertreter des Realismus, der sich kühn über die idealisierenden Konventionen der Kunst des 19. Jahrhunderts hinwegsetzte. Als Vorkämpfer einer sozial engagierten Malerei wurde er mit dem Sturz des Kaisertums 1870 und seiner Rolle in der Pariser Kommune 1871 auch politisch bekannt und sogar verhaftet. Aufsehenerregend war auch die Errichtung eines eigenen Ausstellungspavillons vor den Türen der Weltausstellung 1855 in der Avenue Montaigne, nachdem die Kommission drei von 14 seiner Werke abgelehnt hatte. Den Katalog betitelte er mit der Aufschrift „DER REALISMUS. Ausstellung und Verkauf von 40 Gemälden und 4 Zeichnungen aus dem Œuvre von M. Gustave Courbet“. Ein klares Zeichen der Selbstermächtigung und Unabhängigkeit, zugleich jedoch ein Angriff gegen die etablierten Institutionen und Jurys. Ähnliches wiederholte Courbet zur Weltausstellung 1867, als er abermals einen eigenen Pavillon errichten ließ, mit dem Ziel, damit ein Atelier inklusive Courbet-Museum zu etablieren.

Nach den politischen Wirren von 1871 und seiner sechsmonatigen Inhaftierung plante Courbet eine große Präsentation zur Wiener Weltausstellung 1873, die aber aus politischen und organisatorischen Gründen nie vollständig realisiert wurde. Statt der angestrebten Retrospektive konnte er lediglich sieben Werke im Rahmen einer Gruppenausstellung des Österreichischen Kunstvereins zeigen; weitere Gemälde blieben ungehängt, und der erhoffte Durchbruch blieb aus. Auch dieser spannende Wienbezug wird im Buch ausführlich behandelt.

Aufsehenerregend ist aber auch die Wahl des zweiten Plakat-Sujets – wie gut, dass es auf dem Buchcover beim Mann mit der Pfeife geblieben ist! – für die Ausstellung im Leopold Museum. Man entschied sich just für den provokanten Frauenakt „L´Origine du monde“ – die detaillierte Darstellung eines weiblichen Torsos mit gespreizten Beinen. Der Auftraggeber, ein ägyptisch-osmanischer Diplomat, verwahrte dieses Gemälde anscheinend in den privaten, fensterlosen Waschräumen, verborgen hinter einem grünen Vorhang, und es war nur einem ausgewählten Kreis an Betrachtenden zugänglich. Heute wird es offensichtlich-plakativ verwendet, um die Menschen ins Museum zu locken … das wäre jedoch bei diesem faszinierenden Werk Gustave Courbets gar nicht notwendig gewesen.

Gustave Courbet. Realist und Rebell
Katalog, Leopold Museum, Wien
345 Seiten, 270 Abbildungen, Hardcover
Hg: Niklaus Manuel Güdel, Hans-Peter Wipplinger
Verlag der Buchhandlung W. und F. König, Köln
ISBN: 978-3-7533-0965-1