25. März 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Fast vier Stunden lang lässt Edgar Reitz den Zuschauer in die Welt des fiktiven Dorfes Schabbach im Hunsrück in den 1840er Jahren eintauchen. In seinem grandiosen Meisterwerk erzählt der 82-Jährige Regisseur am Beispiel der Familie Simon mit stupender Detailtreue vom alltäglichen Leben, von Liebe, bitterer Not, Tod und der unstillbaren Sehnsucht nach Freiheit und einem besseren Leben im fernen Brasilien.

Lange blickt die Kamera auf den Dorfplatz des fiktiven Dorfes Schabbach, an dem die Schmiede der Familie Simon steht. Ein Pferd trabt durch die Gassen und man hört, wie im Off ein Buch gelesen wird, bis hinter einer Haustüre ein heftiger Streit ausbricht und das Buch auf die Straße fliegt. Vater Johann Simon (Rüdiger Krise) hält nicht viel von der Begeisterung seines Sohnes Jakob (Jan Dieter Schneider) fürs Lesen, für ferne Länder und fremde Völker. Verständnis findet der junge Mann nur bei seiner sanften Mutter (Marita Breuer) und seinem verwirrten Onkel (Reinhard Paulus).

Jakob träumt von der Emigration nach Brasilien, studiert die Sprachen der Indianer und blickt sehnsüchtig den langen Kolonnen der Planwagen und Karren nach, die immer wieder am Horizont durch die Landschaft ziehen. Viele wandern in diesen 1840er Jahren aufgrund von Hungersnöten, der hohen Kindersterblichkeit, eisiger Winter und der Willkürherrschaft des Adels aus: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall" lautet die mehrfach wiederholte bittere Erkenntnis.

Doch Reitz lässt sich nicht zu einer Elendsschilderung hinreißen, verzichtet auf drastische Szenen und entwickelt stattdessen das Bild der Not aus der präzisen Alltagsschilderung. Erzähler des Films ist Jakob, dessen im Stil von Romanen dieser Zeit gehaltenen Tagebucheintragungen sich durch den Film ziehen, und großartig die im hessischen Dialekt gehaltenen Dialoge ergänzen.

Dem Träumer Jakob steht sein bodenständiger Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) gegenüber, der ganz nach dem Vater schlägt und in der Schmiede zupackt. Was der zögerliche Jakob sich vornimmt, wird der tatkräftige Gustav umsetzen, und doch wird sich Jakob am Ende mit seiner Situation arrangieren.

Vor 29 Jahren hat Edgar Reitz mit dem 16-stündigen "Heimat" einen epochalen Filmzyklus begonnen, den er 1992 mit "Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend" und 2004 mit "Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende" fortsetzte. "Die andere Heimat", der den Untertitel "Chronik einer Sehnsucht" trägt, ist nun ein Prequel zum ersten Film, in dem Reitz die Geschichte der Familie Simon im fiktiven Dorf Schabbach von 1919 bis 1982 erzählte.

Wie "Heimat", in dem am Beginn der Schmied Paul Simon ohne etwas zu sagen seine Familie verließ und in die USA emigrierte, so spielt auch "Die andere Heimat" fast ausschließlich im Hunsrück und der näheren Umgebung, gleichzeitig ist er aber durchgängig von einer tiefromantischen Sehnsucht nach Emigration und dem Traum von einem besseren Leben in Brasilien durchdrungen.

Mit stupendem Detailreichtum und einem Erzählrhythmus, der auch der Rhythmus dieser langsameren Epoche ist, lässt Reitz den Zuschauer in das alltägliche ländliche Leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts eintauchen. Nichts wirkt hier gestellt, sondern eine längst vergangene Zeit erwacht hier zum Leben, wenn man dem Schmied bei der Arbeit, dem Dreschen von Stroh, dem Onkel am Webstuhl oder der Feldarbeit zusieht.

Nie verfällt diese große Chronik, die immer wieder zum Dorfplatz mit der Schmiede zurückkehrt, ins kurzatmig anekdotische Abhaken von Ereignissen, sondern jeder Szene wird die Zeit zugestanden, die sie braucht. So authentisch Reitz aber auch diesen Alltag schildert, so geht "Die andere Heimat" doch weit über Realismus hinaus, wenn sich in die brillanten Schwarzweißbilder von Gernot Roll plötzlich ein feuerrotes Hufeisen, eine blaue Wand, eine Goldmünze, blühender blauer Flachs auf dem Feld, ein grüner Hochzeitskranz oder der gelb leuchtende Schweif eines Komets mischen und wenn sich, wenn Jakob in einem Buch von Windböen liest, plötzlich auch im Dorf ein Sturm aufzieht. Magische Kinomomente von seltener Kraft und Eindringlichkeit sind dies.

Gleichzeitig versteht es Reitz über die Evokation einer Zeit hinaus meisterlich zu erzählen, die individuellen Schicksale ganz selbstverständlich in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse einzubetten. Ganz sacht und zart entwickelt er eine Liebesgeschichte, die durch einen kurzen Moment der Unbedachtheit zerbricht, macht in der Resignation des Doktors, in einer Szene, in der Jakobs ihre früh verstorbenen Kinder aufzählt oder beim Begräbnis eines Kindes, neben dessen Sarg nach und nach vier oder fünf weitere Kindersärge gelegt werden, das Ausmaß der Not sichtbar.

Die geduldige Erzählweise erlaubt es Reitz aber auch, unterstützt von einem großartigen Ensemble, jeder seiner Figuren Profil zu verleihen. Vertraut werden einem so die Charaktere im Laufe dieser grandiosen und überreichen 230 Minuten, bis sich am Ende der Kreis schließt, wieder ein Pferd über den Dorfplatz trabt und ein Postbote einen Brief aus der anderen Welt bringt. Ob diese für die Auswanderer Heimat geworden ist, lässt sich nicht beurteilen, leicht scheint aber dem Brief nach das Leben im fernen Brasilien auch nicht zu sein.

Im historischen Gewand erzählt "Die andere Heimat" dabei freilich von Universellem und grundsätzlich Menschlichem: Vom Traum und der großen Sehnsucht der Jugend nach Freiheit und einem besseren Leben, der immer wieder kollidiert mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Verwurzelung - nach Heimat - und vom Weiterleben trotz des Zerbrechens dieser Lebensträume.

Läuft am Freitag, den 12.9. um 18 Uhr (in Anwesenheit von Edgar Reitz) und am Sonntag, den 21.9. um 17.30 Uhr im Kinok in St. Gallen

Trailer zu "Die andere Heimat"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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